Nr. 10.
Die Gleichheit.
13. Jahrgang.
Beitschrift für die Intereffen der Arbeiterinnen.
Die Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post( eingetragen unter Nr. 8189) vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pf.; unter Kreuzband 85 Pf. Jahres- Abonnement Mt. 2.60.
Mittwoch den 6. Mai 1903.
Nachdruck ganzer Artikel nur mit Quellenangabe geftattet.
Inhalts- Verzeichnis.
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Schutz den Müttern. Die badische Fabrikinspektion über die Verkürzung der gesetzlichen Arbeitszeit der Arbeiterinnen. Von D. Z. Tatsäch liches und Prinzipielles über die Frauenorganisation in den christlichen Gewerkvereinen. Von Fanny Imle.- Aus der Bewegung. Feuilleton: Ein Streber. Von Philipp Langmann . Notizenteil: Soziale Gesetzgebung. Frauen in öffentlichen Ämtern.- Frauenbewegung. Literatur zur Frauenfrage. Nachtrag zum Verzeichnis der Adressen weiblicher Vertrauenspersonen.
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Schuh den Müttern.
Die Novelle zum Krankenversicherungsgesez und ihre Behandlung im Reichstag haben wieder einmal anklagend auf eine der schwersten Sünden der kapitalistischen Ordnung gedeutet: auf die Ausbeutung und Schußlosigkeit der proletarischen Frau, die ein Kind unter ihrem Herzen trägt oder geboren hat. Diese Sünde ist um so verhängnisvoller, als sie über die Person der Proletarierin hinaus das kommende Geschlecht bedroht und schädigt, ja vernichtet. Wie die kapitalistische Auswucherung der kindlichen Arbeitskraft, so ist vor allem auch sie der mehr oder minder schlecht verhüllte soziale Mord".
Das Verbrechen beginnt lange schon, ehe die Arbeiterin in die She getreten oder gesegneten Leibes geworden ist. Indem die tapitalistische Ordnung harte Ausbeutung über die Kleine verhängt, die noch auf der Schulbank sitt, über das halbreife Mädchen, das in den Entwicklungsjahren steht: werden bereits der unerwachsenen Proletarierin Kräfte und Säfte geraubt, deren sie später als Tragende und Gebärende bedürfte. Die erwachsene Arbeiterin ist aber erst recht diesem traurigen Geschick preisgegeben. Die Gesundheit des mütterlichen Schoßes wird herabgemindert und zerstört durch die Länge des Arbeitstags; durch Beschäftigungsarten, welche zufolge anhaltenden Sigens oder Stehens, zufolge einseitiger Uberanstrengung bestimmte, für die Fortpflanzung wichtige Organe, Muskel- und Nervengruppen schwächen und krank machen; durch die Verarbeitung giftiger Stoffe, welche beim Atmen oder durch die Haut in den Körper bringen und ihn durchseuchen. Für die Schwangere und Wöchnerin, sowie die Frucht ihres Leibes aber spißen sich die verschiedenen schädlichen Einflüsse mörderisch zu, mit denen die ausgebeutete Erwerbsarbeit verquickt ist. Ihre entsetzlichen Folgen für die Frau und das neue Leben falls dieses nicht schon vor der Geburt gewürgt wird werden verschärft durch die Dürftigkeit und Armseligkeit der proletarischen Lebenshaltung. Die Überbürdung der Proletarierin mit häuslicher Arbeit neben der Lohnfron; der eiserne 3wang, die lettere nur so turz als möglich zu unterbrechen; das Wohnungselend und die färgliche Ernährung der proletarischen Familie: das alles und manches andere noch widersetzt sich brutal sowohl der Schonung und Pflege, welche der Schwangeren und Wöchnerin zu teil werden müßte, wie der Rücksichtnahme auf günstige Entwicklungsbedingungen für das neugeborene Kind und den Säugling.
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Was die kapitalistische Gesellschaft gegen Mutter und Kind durch ein Zuviel an Ausbeutung, durch ein Zuwenig an Schutz und Fürsorge sündigt, das fündet längst schon ein erdrückend reiches Tatsachenmaterial. Es weist aus, daß parallel mit der zunehmenden industriellen Erwerbstätigkeit der Frau ein Steigen der Schwerund Totgeburten geht; daß die Zahl der Totgeburten bei den Industriearbeiterinnen eine höhere ist als bei der Gesamtbevölke
Buschriften an die Rebaktion ber Gleichheit" sind zu richten an Frau Klara Bettin( 8undel), Stuttgart , BlumenStraße 34, III. Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furthbach- Straße 12.
rung. Die hohe Säuglingssterblichkeit in den Industriebezirken, wo große Frauenmassen dem Kapital zins und tributpflichtig sind, ist eine auffällige soziale Erscheinung, die seit mehr als einem halben Jahrhundert ziffernmäßig festgestellt und stets aufs neue bestätigt worden ist. Hirt, Troust, Tardien, Glattauer, Constantin Paul, Deborah Bernson und viele andere namhafte Ärzte und Hygieniker haben dargetan, daß das Hantieren mit Quecksilber, Blei, bleiweißhaltigen Stoffen, Anilin, Phosphor 2c. den mütterlichen Organismus und das in ihm keimende Leben vergiftet. Arbeiterinnen, welche der täglichen Einwirkung der genannten und anderer Gifte ausgesezt sind, werden unfähig, normal auszutragen und zu gebären, lebende, vor allem aber gesunde, lebenskräftige Kinder in diese beste aller Welten zu bringen. Professor Etienne stellte die erschütternde Tatsache klar, daß das Nikotin die Muttermilch der Tabakarbeiterinnen aus einer Quelle blühender Gesundheit in tödliches Gift verwandelt. Das Treten der Nähmaschine, das Stehen und Heben in den Druckereien 2c. führt nachgewiesenermaßen zu schweren Unterleibsleiden, zu Fehl- und Schwergeburten. Der Abortus soll häufig bei den Arbeiterinnen der großen mecha= nischen Strumpfwirkereien vorkommen, welche die Strümpfe auf die Formen ziehen und dabei diese gegen den Leib stemmen. Nicht minder eindringlich als die angeführten Tatsachen redet die er= schreckende Häufigkeit tückischer Frauenkrankheiten davon, daß die proletarische Frau als Schwangere und Wöchnerin über ihre Kraft und oft unter völlig unzutreffenden Bedingungen arbeiten muß und des bescheidensten Maßes an Fürsorge ermangelt. Und wer zählt die Scharen proletarischer Kleinen, die dank der Ausbeutung und Schußlosigkeit der Mutter in der schonungsbedürftigsten Zeit mit einem furchtbaren Haupterbe bedacht werden: einem siechen, schwächlichen Körper!*
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Überblickt man die fest ineinander geschlungenen und ver schweißten Glieder der Kette von Umständen, welche die physische -von der BeeinträchtiMutterschaft der Proletarierin gefährden gung ihrer geistig sittlichen Verpflichtungen zu schweigen, so tritt eins sinnenfällig in Erscheinung. Der nötige Schuß der Frau als Mutter muß entsprechend vielseitig und weitreichend sein. Als eine unerläßliche Vorstufe ist das Verbot der Lohnarbeit schulpflichtiger Kinder zu erachten und die bedeutende Verkürzung der täglichen Arbeitszeit der jugendlichen Arbeiterinnen unter 18 Jahren die Altersgrenze für dieselben auf 16 Jahren zu belassen, ist Schlimmeres als Widersinn, ist ein Verbrechen. Seine feste allgemeine GrundLage muß geschaffen werden durch die Herabsetzung des Arbeitstags aller erwachsenen Arbeiterinnen auf acht Stunden, durch die Sanie rung der Arbeitsräume, die Einführung von Vorrichtungen und Arbeitsverfahren, welche die Gesundheit gegen Schädigungen sichern, die Verwendung von unschädlichen statt gesundheitsgefährlichen Materialien; durch das Verbot solcher Beschäftigungsarten, die aller fanierenden Maßregeln ungeachtet dem weiblichen Organismus besonders verderblich bleiben. Was den Schutz der Schwangeren und Wöchnerinnen selbst gegen die kapitalistische Ausbeutung anbelangt, so heischt er das Verbot ihrer Erwerbstätigkeit für einen bestimmten, genügend langen Zeitraum vor und nach der Nieder
* Siehe unter anderem„ Die Gleichheit" 1892: Nr. 1, 17; 1893: Nr. 18, 24; 1894: Nr. 12, 18, 25; 1895: Nr. 9, 11, 19; 1896: Nr. 16; 1897: Nr. 17, 19, 24; 1898: Nr. 11, 20, 24, 25; 1899: Nr. 5, 10, 20; 1900: Nr. 5, 9, 10, 18, 22; 1901: Nr. 3, 7, 9, 11, 12; 1902: Nr. 4, 9, 14.