Nr. 10 17. Jahrgang Zeitschrist für die Interessen der Arbeiterinnen tsrnrnsrnsrns Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Kausfrauen und Für unsere Kinder. Dk.«tetchhdt-«scheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer l» Pfennig, durch die Post vterreljährlich ohne Bestellgeld S5 Pfennig; unter Kreuzband 8b Pfennig. JahreS-Abvnnement 2,60 Wart. Stuttgart den 13. Mai 1907 Zuschriften an die Redaktion der.Gleichheit' stnd zu richten an Frau Klara Zettln<Zundcl>, Wtlhelmshöhe, Post Degerloch dei Stuttgart . Dt« Expedition befindet fich in Stuttgart , Flirlbach-Straß« 12. Jnhalts-Berzeichnis. Die Frauenbewegung ein politischer Faktor. Bon m. I.— Umsturz und Revolution. III. Bon J. B.— Aus dem Eulcngebirge. Bon Franz Feldmann.— Robert Schwcichel. Bon Marie Kunert. — Die Schwarzen auf dem Arbciterinnenfang in Coblenz . Bon X. V. z. Aus der Bewegung: Aufruf d«S Parteivorstandes, die Parteischule betreffend.— Die Beteiligung der Genossinnen an dem inter natioualm Eozialistenkongreß zu Stuttgart.— Bon der Agitation. — Bon den Organisationen.— Politische Rundschau. Bon Ii. B. — Gewerkschaftliche Rundschau.— Genossenschaftliche Rundschau. Bon H. Fl. Notizenteil: Dienstbotenfrage.— Frauenstimmrecht.— Sozialistische Frauenbewegung im Ausland.— Fürsorge für Mutter und Kind. — Frauenbewegung.— Quittung.— Druckfehlerberichtigung. Feuilleton: Aus dem Empedokles von F. Hölderlin. (Gedicht.)— Rote Ostern. Historisches Gemälde auS dem Bauernkrieg. Bon Robert Schweichel . Die Frauenbewegung ein Politischer Faktor. Ein besonderes Merkmal des letzten Reichstagswahl- kampfes ist die starke Beteiligung der Frauen an ihm. überall im Reiche haben die Proletarierinnen im Wahl- kämpf begeisterte Hingabe für die Ziele und Ausgaben der Sozialdemokratie bekundet. Das ist im Hinblick auf die Zukunft der sozialistischen Bewegung, auf das Vorwärtsschreiten des Proletariats eine erfreuliche Er- scheinung. Aber die Kraft, welche in dem Streben der Frauen nach aktiver Teilnahme am öffentlichen Leben steckt, kann auch dem proletarischen Emanzipationskampf entgegenwirken und �n hemmen, wenn wir die Frauen der breiten Massen nicht in sozialistischem Sinne erziehen. Die Entwicklung der Frauenbewegung hat für die künftige Gestaltung der politischen Verhältnisse die aller- größte Bedeutung. Daher ist es ein Akt politischer Klugheit, daß die klassenbewußten Männer die sozialistische Frauenbewegung fördern und sich mit aller Energie die sozialistische Schulung der Proletarierinnen angelegen sein lassen. In dieser Beziehung wird aber noch manches gesündigt. Wohl hat das Proletariat als Klasse, soweit es zielbewußt kämpft, das alte Vorurteil betreffs der Wertung und Stellung der Frau überwunden und tritt entschieden für die volle Gleichwertung und Gleichberechti- gung der Geschlechter ein, aber dem einzelnen Proletarier mangelt es oft noch an historischem Verständnis und an Gerechtigkeitssinn; er kann sich nicht immer zu der Er- kenntnis aufschwingen, daß die Frau eine gleichberechtigte und gleichgerüstete Mitkämpferin in den politischen Schlachten sein muß. Weil der Mann gegenwärtig allein das Wahlrecht besitzt, so glauben viele, der Mann könne nun auch allein den politischen Kampf führen. Sie sind dabei von dem Bewußtsein durchdrungen, daß sie die Interessen der proletarischen Frau gerade so gut vertreten wie die eigenen, weil sie Proletarierinteressen, Volks- intereffen wahrnehmen. Aber ihre Schlußfolgerungen treffen nicht zu, so unzweifelhaft richtig es auch ist, daß die Gemeinsamkeit der Interessen zwischen Proletariern und Proletarierinnen weit größer und fester ist, als die Gemeinsamkeit der Interessen zwischen den proletarischen und den bürgerlichen Frauen. Im Grunde steckt der Proletarier, der von der politischen Betätigung der Frau nichts wissen will und die proletarische Frauenbewegung für überflüssig, wenn nicht gar für schädlich hält, noch tief in der bürgerlichen Empfindungs- und Gedanken- weit. Mancher klassenbewußte Arbeiter, mancher Ge- nosse verstößt noch gegen das Gebot der Einsicht, die proletarische Frauenbewegung energisch zu unterstützen. Im allgemeinen allerdings nur durch passives Verhalten ihr gegenüber. Aber auch das ist schädigend genug und heischt dringend Wandel. Aus Klugheitsrücksichten soll der Proletarier, der Sozialdemokrat, die proletarische Frauenbewegung unter- stützen. Heute ist die Frau politisch ja noch rechtlos, flber sie wird es nicht bleiben. Es ist undenkbar, daß ihr das Wahlrecht dauernd vorenthalten werden kann. Sobald die Frauen aber das Wahlrecht haben, wird es als eine Waffe im politischen Kampf wirken. Für oder gegen uns! Wir müssen daher schon jetzt beginnen, die Frau im Gebrauch jener Waffe planmäßig zu unter- richten, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollen, daß die Schneide sich zunächst gegen das eigene Fleisch richtet. Daß das nicht ausgeschlossen ist, lehrt ein Blick auf die Parteiverhältnisse. Seit 40 Jahren führen wir den politischen Kampf. Bei der letzten Wahl wurden von rund 12'/, Millionen Wahlberechtigten 9'/, Millionen Stimmen abgegeben, davon 3'/. Millionen für die Sozial- demokratie. Unter den Wählern, die für die Gegner gestimmt haben, befinden sich mindestens noch 3'/, bis 4 Millionen Proletarier. Es steht uns also, trotz des langen politisch-parlamentarischen Kampfes, noch ein Heer von Indifferenten und bewußten Gegnern gegenüber. Und bei vielen resultiert die Gegnerschaft aus einer Welt- anschauung, deren Grundlage die Trugbalken religiöser Dogmen oder ideologischer Geschichtsklitterung sind. Das sind Kräfte, die heute noch Millionen Arbeiter in die Gefolgschaft bürgerlicher Parteien zwingen. Es wäre politischer Leichtsinn für den Sozialisten, diese Tatsache nicht für sein Verhalten gegenüber der Frauenbewegung bestimmend sein zu lassen. Oder glaubt man etwa, die Frauen seien ihrer Natur nach weniger geneigt als der Mann, sich für die bürgerliche Gefolgschaft einfangen und in ihr festhalten zu lasten? Das Gegenteil ist der Fall. Mehr noch als der Mann ist im allgemeinen die Frau, heute noch infolge verschiedener Umstände, für die ideologische und religiöse Beeinfluffung empfänglich. Und damit wächst die Gefahr, daß die sich im politischen Leben betätigende Frau zunächst ein Hemmnis für die Arbeiterbewegung werde. Die in einzelnen Ländern beob- achtete Zurückhaltung unserer Genossen, in bezug auf Gewährung des Frauenwahlrechts, wurde bekanntlich mit diktiert von der Befürchtung, die Frau sei noch zu rück- ständig, um die Waffe Wahlrecht zum Vorteil der Ar- beiterklasse zu benützen. Durch passives Verhalten wird die Rückständigkeit aber nicht besiegt, und daß auch fleißige Aufklärungsarbeit nur langsam vorwärts bringt, zeigt uns das gegnerische Verhalten noch vieler männlicher Proletarier. Auf der Seite unserer Feinde ist man eifrig bemüht, aus den rückständigen proletarischen Frauen be- wußte Gegnerinnen der Sozialdemokratie zu machen, sie in dieselben Fesseln zu schlagen, die Millionen Proletarier noch nicht abzuschütteln vermochten. Die bürgerliche Frauenbewegung, die wahrlich nicht den Zweck verfolgt, bei den Proletarierinnen das Klassengefühl zu wecken, gewinnt an Boden. Sie hat nicht, wie wir, mit polizeilichen Schikanen zu kämpfen. Im Gegenteil, manche Gruppen der bürgerlichen Frauenbewegung, und gerade die reaktiv- närsten, erfreuen sich hoher und höchster Protektion. Was aber wichtiger ist: die bürgerlichen Frauen haben reichlich Zeit und materielle Mittel, sich der Bewegung widmen zu können. Von den dazu befähigten Proletarierinnen können dagegen verhältnismäßig nur wenige neben ihrer Berufs- arbeit, neben der Erfüllung häuslicher Pflichten auch noch in ausgedehntem Maße agitatorisch und organisatorisch tätig sein. Die materiellen Mittel, welche von ihnen für die Zwecke der proletarischen Frauenbewegung aufgewendet zu werden vermögen, sind knapp. Sie kommen ja vom erbärmlichen Lohn der Arbeiterin, vom bescheidenen Ein- kommen der Arbeiterfamilie und haben den größten Opfermut zur Voraussetzung. Die äußeren Vorteile für eine günstige Entwicklung, welche die bürgerliche Frauenbewegung für sich hat, gilt es auf feiten der proletarischen Frauenbewegung durch erhöhte Anspannung der Kräfte, durch gesteigerte Arbeits- und Kampfesfreudigkeit wett zu machen. Und an ihrer Förderung müssen auch die klassenbewußten Männer des Proletariats tatkräftigen Anteil nehmen. Das gemein- same Interesse der ganzen Klasse verlangt, daß die bürger- liche Frauenbewegung unter den Massen keinen Boden, keinen Einfluß gewinnen darf. So sympathisch uns manche ihrer Forderungen sind, so nachdrücklich gerade wir dieselben verfechten, so unzweifelhaft ist die bürger- liche Frauenbewegung Bein vom Bein und Fleisch vom Fleisch dieser kapitalistischen Ordnung. Wohl will sie diese Ordnung verbessern, und das nicht bloß zugunsten der Frau, sondern auch zugunsten der Arbeiter, aber sie will sie nicht aufheben. Umgekehrt: durch die von ihr geforderten Reformen will sie die bürgerliche Gesellschaft stützen und erhalten. Die bürgerliche Frauenbewegung widersetzt sich daher der Klärung und Entwicklung des proletarischen Klassenbewußtseins bei den Frauen. Schon das bloße Wort proletarisches Klassenbewußtsein ist ihr ein Greuel und Scheuel. Und je mehr sie mit der Zeit von seilen der bürgerlichen Parteien und des bürgerlichen Staats Anerkennung finden, Konzessionen erhalten muß, in um so schrofferen Gegensatz wird sie sich zu dem Be- freiungskampf der Arbeiterklasse stellen. Wir müssen daher sicher damit rechnen, daß sie je länger je mehr im politischen Kampf ihren Einfluß für unsere Gegner in die Wagschale werfen wird, daß sie sich vor allem auch bemühen wird, proletarische Frauenmassen ins Schlepptau bürgerlicher Parteien zu nehmen. So kann zur gegebenen Zeit die Reaktion in der sich politisch betätigenden Frau eine Schutztruppe finden, welche eine Kräfteverschiebung zuungunsten der Sozialdemokratie herbeiführen würde, wenn wir unsererseits unterlassen, dafür zu sorgen, daß nicht ideologische und religiöse Scheuklappen der Wählerin den Ausblick verwehren. Wir dürfen die Proletarierinnen nicht von bürger- lichen Parteien und auch nicht von der bürgerlichen Frauenbewegung gesangen nehmen lassen. Das aber könnte geschehen, wenn wir nicht mit allen Kräften die proletarische Frauenbewegung fördern. Sie muß so stark, so ausreichend unterstützt werden, daß sie auch ohne die Hilfsmittel, die den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen zur Verfügung stehen, trotz der Bekämpfung durch Polizei, Unternehmertum und Unverstand in ausgiebigster Weise allen ihren Aufgaben genügen kann. Die proletarische Frauenbewegung unterstützen, heißt: in eminentem Sinne praktische Politik treiben. Das ist Realpolitik, die mit der „praktische Politik" sich nennenden Sisyphusarbeit nichts zu tun hat, die unter großen Mühen einige Steine zu einem Bau am Flußufer zusammenfügt, aber vollständig vergißt, das Ufer zu schützen vor Überschwemmung, den Damm so zu festigen, daß nicht eines Tages die Sturm- wogen hereinbrechen und in wenigen Augenblicken bis aus den Grund zerstören, was jahrelange Arbeit aus- richtete. Klugheit, das politische Gewissen, macht ebenso wie das Klasseninteresse des Proletariats und geschichtliche Einsicht eine weitgehende Förderung und Unterstützung der proletarischen Frauenbewegung jedem Genossen zur Parteipflicht. Von welcher Bedeutung die Erfüllung dieser Pflicht ist, hat der Wahlausfall in Finnland be- wiesen. Dort übten die Frauen zum erstenmal das Wahl- recht aus, und der glänzende Sieg der Sozialdemokratie ist in hervorragender Weise mit der großen Zahl von Frauenstimmen zu verdanken, die aus ihre Kandidaten fielen. Es ist aber in der Hauptsache das Verdienst der jahrelangen fleißigen Arbeit der sozialdemokratischen Frauenbewegung gewesen, daß die Frauen des Volkes sich überwiegend für die Sozialdemokratie entschieden. So hat sich in Finnland die Frauenbewegung als politischer Faktor bewährt. Lernen wir daraus! m. 1. Amsturz und Revolution. in. Unsere Schilderung des menschlichen Elends" ist außer- ordentlich unvollkommen. Sie greift nur hier und da einige Stichproben aus dem Arbeiterleben heraus. Trotzdem hat sie bereits solch grauenhafte Dinge enthüllt, daß schon hier- aus allein sich die Frage rechtfertigt: Sind solche Zustände der Erhaltung wert? Ist es wirklich ein Verbrechen, nach Änderung zu streben, oder muß nicht vielmehr jeder Mensch, dessen Herz auch nur eine Spur von Gerechtigkeit kennt, solchem Streben sich anschließen? Man sollte es kaum glauben, daß die größte Zahl unserer Gegner trotzdem und alledem am liebsten jede Forderung der Arbeiter mit brutaler Gewalt niederschlagen möchte. Durch Aufgebot von Polizei und Militär, durch arbeiter- feindliche Gesetze und deren noch feindlichere Auslegung möchten sie den Arbeitern jedes Aufwärtsstreben versalzen. * Siehe Nr. 7 der„Gleichheit"
Ausgabe
17 (13.5.1907) 10
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