Nr. 19
Die Gleichheit
Schule und die Kleinen vielleicht den Tag über behilflich sind, so kann die Heimarbeit 80 Pf. im Tag abwerfen. Eine Witwe fönnte also mit ihrer Familie den Tagesverdienst von 80 Pf. erwerben. Eine einzelne Person fann faum etwas verdienen, die Heimarbeiter brauchen Kinder, viele Kinder.
Der angegebene Verdienst gilt nur für die Zeit der strengs ften Arbeitshäufung. Puppenschuhe zu leimen ist eine heifle Arbeit. Die Heimarbeiterin erhält vom Arbeitgeber oft Dutzende von gelieferten Schuhen zurück, wenn sie nicht sauber geleimt sind, wenn ein Fleckchen auf den Stoff gekommen ist oder ein Fältchen sich verschoben hat. Davon hat die Arbeiterin Arger, Lohnschaden und viel Zeitverlust. Die Arbeiterin spart am Licht und leimt, im Dunkeln. Die kleinen Kinder stehen und sizen im Dämmerlicht und tun mechanisch ihre Arbeit, und die gequälten Augen suchen sich mit doppelter Aufmerk samkeit zurechtzufinden. Das langsame Qualmen der Spiritus flamme dringt in den Hals, in Nase und Augen der arbeiten den Kinderchen und durchsetzt die Stube, in der die Luft um Mitternacht ganz stickig geworden ist. Die Wärme darf man nicht aus dem Fenster hinauslassen bei dem Mangel an Heizmaterial! In der Ecke, zwischen Betten und dem Ofen einges flemmt, ist die Wiege des Neugeborenen, dessen junge schwache Lungen die verdorbene, die giftige Luft einatmen. Ein vers decktes, schmächtiges Kindlein, in dessen großen Augen schon das Wehe dieser Armsten liegt.
Vor Weihnachten, schon im November, sind die Kaufleute mit Spielzeug für die ganze Welt versehen. Dann kommt für die Heimarbeiter die schwere Hungerzeit, die oft bis vor Ostern fortdauert. Diese Zeit benüßen Fabrikanten und Kaufleute, die Agenten und Verteiler der Waren, die Lohnpreise so herabzudrücken, wie es nur der blutarme Heimarbeiter bei der größten Entbehrung in seiner unglaublichen Bedürfnislosigkeit duldend und seufzend ertragen kann.
In Sonneberg , der Hauptvertriebstadt der Spielwaren, fizzen die Kommissionäre und erwerben in furzer Zeit Taufende, Hunderttausende und Millionen. Sie wohnen in Herrschaftsfitzen, deren Pracht und Reichtum das Werk grausamer Men schenknechtung ist. Die brutale Macht des Besitzes zieht das Lebensblut der Heimarbeiter in Tropfen aus, und die blutigen Tropfen der Hingeschlachteten werden in ihren Verbrecher händen zu Gold. Sie treibt aus den lebensarmen Körpern immer mehr die menschlichen Bedürfnisse aus und jagt in die Hütten jener Wälder eine Not, die nicht mehr gedacht werden tann. Diese Not verkriecht sich auf Höhen und in Tälern in den armen Dörfern Neufang, Blechhammer, in Judenbach und Lauscha . Wer die verlorenen Orte aufsucht als sehender, füh lender Mensch, der vernimmt den Schrei des Elends. Die tapitalistische Macht deckt mit Waren und hohen blendenden Summen des Wohlstandes die Verbrechen und das Elend zu. Nicht genug, daß die Kapitalisten das Elend nicht sehen, das sie geschaffen, sie leugnen es. Ein Kaufmann erklärte einmal in naiver Gewiffenlosigkeit, daß es ihm gleich gelte, ob er mit " Guano oder mit Spielwaren" handle. Solchen verrohten Geschäftsfreaturen ist eine fleißige, kunstfertige Bevölkerung hilf los ausgeliefert, denn die Arbeitgeber und Kaufleute sind organisiert, sie haben das Monopol der Spielwarenindustrie, aber der in Dörfern und Hütten zerstreut wohnende Heimarbeiter steht oft genug außer allen Zusammenschlusses. Ihn allein trifft auch die Geschäftsstockung. Wenn in Amerika- Nordamerika ist der Hauptabnehmer von Spielwaren- Krisen eintreten und der Yankee seinen Spielwareneinkauf herabseht, so spürt das nicht der Kaufmann, sondern es trifft in voller Wucht den Heimarbeiter, der seine Spielsachen so billig an den Fabrikanten liefern muß, daß dieser und der Agent möglichst wenig am Profit einbüßen. Der Heimarbeiter bezahlt außer dem dem Händler, dem Reisenden seine Rohstoffe viel zu teuer, er verfällt oft diesen Lieferanten in Schuldenlast. Und in seiner eigenen Familie züchtet der Heimarbeiter die Konkurrenz, denn er begreift noch nicht, daß die Kinderarbeit seine Bedürfnisse und den Lohnertrag immer mehr herabdrückt. Wollte man dem Heimarbeiter noch bedürfnislosere Menschen, Kulis, als Lohn
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drücker entgegensetzen, er würde sofort das Sinken seiner Lebenslage begreifen, aber er erkennt nicht die Konkurrenz, die ihn in seiner eigenen Stube erdrückt, und an der sein Fleisch und Blut zugrunde geht.
Niemand hatte sich um die Verfümmerung dieser Tausende Menschen gesorgt. Da war es die Sozialdemokratie, die Licht in das grauenhafte Dunkel kapitalistischer Ausbeutung und Verfinfterung brachte. Die aufdeckte, was grenzenlose Geschäftsgier an tiefster Menschenentwürdigung und zerstörung ver graben hatte in Schluchten und Täler, die verborgen waren.
Heute sind viele Thüringer und Meininger Heimarbeiter or ganisiert. Dieser Menschenschlag, der sich mit entbehrendem Körper durch Hungerjahre geschleppt hat, besitzt eine stark ge bliebene Intelligenz. Gierig vernehmen die Heimarbeiter die Künder ihrer Menschenrechte. Sie wissen, daß die Hilfe von ihnen selbst kommen muß, daß ihre Zahl zwingen kann, wenn sie wissen und wollen. Sie kennen die Pflicht gewerkschaftlicher Organisation, öffentlicher politischer Betätigung, fie erkennen, daß sie nur mit ihrer Partei, wenn deren Macht gestärkt wird, Schutzgesetze gegen den aussaugenden Kapitalismus erzwingen fönnen. Dazu fordern die arbeitenden Männer und die tätigen Frauen gemeinsam gleiche Rechte. Bei nimmerruhender Arbeit können sie über neues Werden, über die geistigen Werte des Proletariats finnen. Zerstörtes Menschenleben ballt sich über den Gewaltigen, den Unterdrückern zusammen. Aus den stillen, armen Orten der Heimarbeit kommt ein Schrei, der nicht mehr verstummt, sondern aufreizend durch die Welt dringt. Der Todesschrei der Not, der Ruf der Erwachenden. Else Belli.
Die Proletarier der Gifthütten rühren sich.
Eine außerordentlich ergiebige, von keiner Arbeiterfürsorge getrübte Quelle von Gewinn für die Kapitalistenklasse ist die chemische Industrie. Die Wissenschaft der Chemie selbst ist das ureigenste Kind der kapitalistischen Produktion, hat sich an ihr und mit ihr entwickelt und zahlt ihr reichlich dafür, indem sie die Arbeitsprozesse revolutioniert, einträglicher gestaltet und unaufhörlich neue Ausbeutungsmöglichkeiten schafft, wie das die Maschine tut. Die vielen proletarischen Kopfarbeiter, die im Dienste der chemischen Industrie stehen, die Gelehrten, die in Laboratorien forschen, welche nur Anhängsel industrieller Betriebe sind, erweisen, daß die vielberufene„ Unabhängigkeit der Wissenschaft" ein Märchen ist, und daß das Kapital auch die Männer der Wissenschaft in seine bezahlten Lohnarbeiter verwandelt". Und wahrhaftig, die Rapitalisten, welche die chemische Industrie beherrschen, verstehen dieses Geschäft aus dem ff. Man erinnere sich der schamlosen Verträge, welche das wissenschaftlich gebildete Personal der einschlägigen Unternehmungen binden.
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Aber ist das ausbeutende Kapital in der chemischen Industrie den Kopfarbeitern gegenüber schamlos, so läßt es die Profitgier bei der Auswucherung der Handarbeiter verbrecherisch werden. Das Gold ist ihm alles, der lebendige Mensch nichts. Während laut der Statistik des preußischen Staates das in Aktiengesellschaften angelegte Kapital 1907 eine Rente von 8,6 Prozent abwarf, 8,6 Prozent abwarf, verdienten" die Kapitalisten in der chemischen Industrie 16,6 Prozent, die Besitzer und Anteilhaber der Farbenfabriken arbeiteten" gar 26,8 Prozent heraus. Ein so hoher Gewinn ist nur möglich, wenn der ganze Apparat kapitalistischer Kniffe in Bewegung gesetzt wird, der unbekümmert um die Forderungen eines humanen" Jahrhunderts alles rücksichtslos beiseite schiebt, was den Profit schmälert, der Ausbeutung Schranken setzt. Da- führen alle Wege nach Rom". Hungerlöhne bei Arbeitsbedingungen, die gefährlicher als in anderen Betrieben Leben und Gesundheit der Arbeitenden täglich und stündlich aufs Spiel setzen, brutale Niederbüttelung aller Koalitionsversuche vermittels Schwarzer Listen, Schikanen aller Art: nichts fehlt in der modernen" Praris der Herren, die die Wissenschaft vor ihren goldenen Wagen gespannt haben.
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