Nr. 23
Die Gleichheit
schreiben kann. Die Zähne, noch gut, fallen einer nach dem anderen aus, weil die Wurzeln feinen Halt mehr in dem zu fammengeschrumpften Zahnfleisch haben, welt hängt die Haut um den Körper, die Einundvierzigjährige ist ein Bild des Jammers. Um ihre toten Beine hat sie einen Gack gesteckt, damit sie am Fußboden herumrutschen kann. Die Kleider sind längst dahin, Wäsche braucht sie nicht viel mehr waschen zu laffen, die ist alle geworden. Die Kinder zerreißen auch manches, und sie fann ja nicht mehr nähen!
-
Die Sorgen, die doppelten Arbeitslaften haben den kräf tigen Mann letzte Weihnachten aufs Krantenlager geworfen, und die Not, die bittere Not ist in das einst so glückliche Heim eingezogen. Dennoch halten beide an der Überzeugung fest: die Beiträge für Partei und Verband dürfen nicht in Rückstand kommen, und die„ Volkszeitung" wie die„ Gleichheit" sind ihnen gleich unentbehrlich.
"
Niemand weiß von dem schweren Kampfe der beiden gegen das Elend, niemand in der großen Stadt fümmert sich dars um, hat doch jeder genug mit seinen eigenen Sorgen zu tun. Aber es gibt ja edle Wohltäter, die es für ihre Pflicht halten, allzu großem unverschuldetem Elend abzuhelfen, damit sie selbst um so beruhigter die Annehmlichkeiten des Reichtums genießen fönnen. Einmal ließ die Frau sich verleiten, ein Gesuch um einen Fahrstuhl, mit dem sie sich selbst fahren könnte, an einen Verein solcher Wohltäter" zu richten. Nachdem verschiedene Male mehrere Herren gekommen waren, um sich persönlich von der Bedürftigkeit der Bittstellerin zu überzeugen, wurde ihr zwar fein Fahrstuhl, aber ganze 40 Mt. zur Anschaffung einiger Röcke und etwas Kinderwäsche bewilligt. Als dem Manne die große Summe übergeben wurde, sagte der sie auszahlende Herr in liebevoller Fürsorglichkeit: Nun machen Sie aber nicht etwa Lebensschöne mit dem Gelde, bringen Sie's auch Ihrer Frau!" Wenn der Proletarier auf" Wohltaten" dieser Art verzichtet, die noch obendrein mit bitteren Pillen gewürzt werden, wer will es ihm verargen? Doch halt! Deutschland ist ja das Land, das in der sozialen Fürsorge für die Enterbten an der Spiße der Kulturwelt marschiert. Die Invalidenversicherung ist doch nicht zum Spaß da!
Also: die Invalidenversicherung hat sich des franken Mannes angenommen und ihn einer Heilstätte überwiesen. Die Frau darf mit den zwei Kindern auch nicht verhungern. Sie be tommt jede Woche 10,50 Mt. von der Invalidenfaffe. Prole tarier, was wollt ihr noch mehr? Wer arbeiten will, findet immer Arbeit, und wer nicht arbeiten kann, für den ist gesorgt bis ins hohe Alter. So verkündet man uns in allen Tonarten. Ift's wahr? Klara Wehmann.
Aus der Bewegung.
Auguste Radeit+. Die proletarische Frauenbewegung hat eine ihrer rübrigsten Agitatorinnen verloren. In Berlin ist Auguste Kadeit 33jährig einer chronischen Bleivergiftung und Nierenentzündung erlegen. Das Leben unserer verstorbenen Genoffin war bas einer emporstrebenden Proletarierin. In Königsberg geboren, hat sie von Kind auf die tiefe Bitternis der proletarischen Existenz erfahren. Früh verlor fie den Vater und mußte, wie ihre Geschwister auch, der Mutter beim Broterwerb helfen. Da blieb dem geweckten Mädchen nur wenig Gelegenheit zu lernen, wie es gewollt hätte. Nach der Schulzeit suchte Auguste Kadeit zuerst als Bigarrenarbeiterin, dann in Korkiabriken ihren Lebensunterhalt. Später frondete sie in Berlin als Metallarbeiterin dem Kapital. Während sie für andere Reichtümer schaffte, holte sie sich den Keim der tödlichen Krankheit, die sie dahingerafft hat. Ihre Lebenserfahrungen und Existenzbedingungen hatten sie in den Bannfreis der modernen Arbeiterbewegung gebracht. Nun nügte sie die.langen Wochen des Krankliegens, um sich für ihren Tienst auszurüsten. Bon geschulten Genofsinnen freundschaftlich beraten, las und lernte fie mit Feuereiter. Was sie an Wissen erworben, das teilte sie zunächst ihren Berufsgenossinnen mit und wuchs so allmählich zur tüchtigen gewerkschaftlichen Agitatorin heran, die bald über den Kreis der Metallarbeiterinnen hinaus wirkte. Auch den sozialdemokras tischen Parteiorganisationen stellte sie fich freudig zur Verfügung. Wo und wann es sich darum handelte, die Enterbten und besonders
361
die proletarischen Frauen aufzuklären, war fie zu jeder Arbeit bereit. Mitten in ihrer aufreibenden Tätigkeit wurde sie anfangs dieses Jahres nach einer Versammlung von einer Gehirnerschütterung befallen und lag sechs Wochen lang in dem Krankenhaus eines fleinen Ortes. Kaum wieder hergestellt führten sie ihr Pflichteifer und das Vertrauen ihrer Kolleginnen und Kollegen als Delegierte zur Generalversammlung der Metallarbeiter in Hamburg . Von dort kehrte sie frank zurück, und nach wochenlangem Leiden rief der Tod sie aus einem Leben, das ihr stets Arbeits- und Kampfplatz gewesen war. Auguste Kadeit war in ihrem Sein und Wirken ein schönes Beispiel der geistigen und sittlichen Kraft, die in den proletarischen Frauen zum Licht drängt, und die der proletarische Befreiungskampf zur Entfaltung bringt. Ihre aufopfernde Tätigkeit und ihr lauterer Charakter werden unvergessen sein.
Von der Agitation. Ende Juli referierte die Unterzeichnete in nachstehenden Orten: Stendal , Elbau bei Wolmirstedt , Olvenstedt , Burg, Magdeburg , Halberstadt , Osterwief, Thale und Oschersleben . In den öffentlichen Versammlungen zu Stendal und Elbau sprach sie über:„ Die Frau im Klassenfampf", in einer Versammlung der weiblichen Parteimitglieder zu Halberstadt über:" Rechte und Pflichten der Frauen" und in den übrigen Versammlungen über das Thema: „ Steuern zahlen und Maul halten". Überall war der Besuch gut, Berfammlung teilnahmen, und in Thale a. Harz . Die Schuhbesonders in Burg bei Magdeburg , wo fast 300 Frauen an der
waren-, Handschuh- und Textilindustrie beschäftigt in den genannten Orten zahlreiche Frauen, die unter den fürchterlichen Wirkungen der fapitalistischen Produktionsweise leiden und die neue Steuerschröpfung als eine empörende Ungerechtigkeit empfinden. 23 Frauen und 4 Männer traten der Partei bei. Jn Thale hatte seit langer Zeit feine so gut besuchte Versammlung stattgefunden. Dort hat die Krise verheerend gewirkt. Viele Hunderte von Arbeitern haben Thale wegen Arbeitsmangel verlassen müssen. Manche sind von Ort zu Ort gezogen, ohne jedoch Arbeit zu finden. Das UnterHungerpeitsche über die Arbeiter geschwungen, so daß mancher von nehmertum hat in Thale seine Macht brutal ausgenugt und die diesen an der Kraft seiner Klasse verzagte. Die schamlose Ungerechtigkeit des Schnapsblocks aber ruft sie wieder auf die Schanzen und zwingt fie, sich in Reih und Glied zu stellen, läßt sie die Einigkeit und Geschlossenheit des Proletariats als erste Vorbedingung des Kampies gegen Ausbeutung und Auspowerung erkennen. So hatte auch hier wie in den anderen Orten die Agitation den Erfolg, daß der Partei eine Anzahl neuer Mitglieder, der ParteiLinchen Baumann. presse neue Leser zugeführt wurden.
Von den Organisationen. Schmidthorst( Rheinland). Am 27. Juli hielten die organisierten Genossinnen ihre Monatsversammlung ab. Da die Vertrauensperson ertranft war, wurde die Kasfiererin, Genoffin Vogel, zur Leiterin der Versammlung gewählt. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten hielt Genosse Lippmann einen Vortrag über„ Die Beteiligung der Frau im politischen Kampfe". Er führte aus, daß jeßt die geeignetste Zeit sei, die Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen durch rege Agitations= arbeit von dem schädlichen Treiben der Schnapsblockparteien zu unterrichten. Die Proletarierinnen verspürten heute mehr denn je, daß Deutschland in der Welt voran sei nämlich in der Volksentrechtung und Volksausbeutung. Eine Diskussion fand nicht statt. Genoffin Vogel ermahnte die Genossinnen, recht rege am politischen Kampie teilzunehmen. Für die politische Organisation wurden Aufnahmen gemacht. Leider ist die Fluktuation unter den weiblichen Mitgliedern groß, so daß die Genossinnen Wühe haben, ihre Babl festzuhalten. S. Lippmann.
Jahresbericht der Genoffinnen zu Lübeck . Die Organisation der proletarischen Frauen ist in unserer Stadt in diesem Jahr wiederum vorwärts gegangen, wenn auch infolge der Arbeitsnot natürlich nicht in dem Maße, wie wir es gehofft hatten. Eine Reihe von Veranstaltungen diente der Gewinnung weiblicher Parteis mitglieder. In einer großen öffentlichen Versammlung im Januar, in der Genossin Ihrer referierte, wurden zwölf Frauen der Sozialdemokratie zugeführt. Entsprechend dem Beschluß des Nürnberger Parteitages sand dann im Februar und März eine intensive Agis tation bei den weiblichen Angehörigen der Parteigenossen statt. Es wurden fünf Distriktsversammlungen einberufen, zu denen schristliche Einladungen an jeden einzelnen Parteigenossen ergingen. Die umfangreiche Vorarbeit besorgte bereitwillig das Parteisekretariat, aber die Genossinnen selbst trugen die Emladungen von Haus zu Haus. In vier dieser Versammlungen sprach die Unterzeichnete, in einer der Parteisekretär Genosse Weyers. Der unmittelbare Erfolg war: zirfa 50 Aufnahmen und 28 Bestellungen auf die Gleichheit". Im ganzen Jahr stieg die Zahl der weiblichen Mit