Nr.2
20. Jahrgang
Die Gleichheit
Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen
Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder
Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.
Jahres- Abonnement 2,60 Mart.
Inhaltsverzeichnis.
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25. Oktober 1909
Frauen
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Rüstet zum Kampfe, Proletarierinnen. Von Berta Selinger. und Kindererwerb in minderbemittelten Familien. Von J. H. Viel Lärm um nichts. Von Mathilde Wurm . Abwehrkämpfe in der Textilindustrie. Von H. Jäckel. Die zivilrechtliche Stellung der deutschen Frau im allgemeinen. Von Ernst Oberholzer. Die Versuche einer Mutterschutz- Gesetzgebung in Italien . I. Von Adolf Hepner . Die Arbeiterbewegung in der Portefeuilleindustrie Deutschlands . II. Von H. W. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Bericht über die Tätigkeit der Kinderschutzkommission der Leipziger Genoffinnen. Resolutionen und Beschlüsse des Parteitags zu Leipzig. ( Fortsetzung.) Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Die gewert schaftlich organisierten Arbeiterinnen in Berlin im Jahre 1908. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.. Landarbeiterfrage. Frauenstimmrecht.
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Rüstet zum Kampfe, Proletarierinnen.
Die Sozialdemokratie führt frisch und fröhlich den Kampf gegen die preußisch- deutsche Reaktion. Hageldicht prasseln ihre Streiche auf das Untier hernieder, das in der stickigen Luft unseres politischen Lebens gedeiht und mit wütendem Fauchen das erwachende Proletariat anfällt. Die Partei der Entrechteten sucht alle Schwächen des Feindes zu erspähen, um ihn unschädlich zu machen und zur Strecke zu bringen. Jedem seiner Anschläge und überfälle gegen die ausgebeuteten Massen sucht fie zu wehren. So haben auch die Missetaten der sogenannten Finanzreform die Sozialdemokratie ins Feld gerufen. Und sie richtet ihre Waffen gegen einen der Hauptschuldigen und gewissenlosesten Nuznießer des Frevels: gegen die preußischen Junker.
Würdige Nachfahren der mittelalterlichen Raubritter zeigen sie die herrenbestialischen Ausbeuterinstinkte in Reinkultur. Die Edlen von Aar und Halm bilden daher die brutale Vorhut der deutschen Bourgeoisie im Kampfe gegen die um ihr Recht ringende Arbeiterklasse. Sie haben die Buschklepperpraktiken ihrer erlauchten Ahnen nicht verlernt und üben sie heute nur auf breiterer Grundlage aus und auf eine Weise, die für sie selbst weniger gefährlich ist als das alte„ Rauben und Reuten". Alle Gewalten des fapitalistischen Klassenstaats haben sie in den Dienst ihrer eigennützigen Interessen gezwungen. Sie hudeln und bütteln, sie knechten und entrechten die besitzlosen Massen. Das schändliche preußische Dreiklassenwahlrecht leistet ihnen dabei dank dem Willen der Bourgeoisie die wichtigsten Dienste. Es stempelt Abertausende von ländlichen Proletariern, von kleinen Beamten und Handwerkern zu politischen Heloten, und was der reaktionäre Gesetzestert beginnt, vollendet der Terror ohnegleichen, den die Herren und ihre Bureaukratie auf die Wähler ausüben. Die skandalösen Schulzustände, die den geistigen Aufstieg des deutschen Volkes so unendlich erschweren, danken wir in erster Linie dem schönen Grundsatz der preußischen Junker: „ Der dümmste Arbeiter ist der beste." Die ostelbischen Agrarier reiben sich die Hände, wenn die Branntweinpest immer weiter um sich greift und Geist und Körper des Volkes vergiftet. Die
Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.
große Zahl der Opfer, die ihr in den Massen der ausgepowerten Habenichtse fallen, sichern den Herren„ von“ und„ zu" auf Kosten der Allerärmsten ein privilegiertes Lotterleben. Enrichissezvous. Bereichert euch! Das war lange schon ihre Losung, ehe sie vom Bürgerkönigtum in Frankreich geprägt wurde. Von ihr geführt, stürzten sich die Junker in den Kampf um die Finanzreform. Mit Nägeln und Zähnen wehrten sich ihre Vertreter im Reichstag gegen die winzige Abgabe, die ihnen durch die Erbschaftssteuer auferlegt werden sollte. Aber mit wahrhaft teuflischer Geschäftigkeit sorgten sie dafür, daß den Massen der Besizlosen zu den 1200 Millionen indirekter Abgaben, die sie bisher zu tragen hatten, eine neue Last von 400 Millionen aufgehalst wurde. Und gierig werden sie mehr als ein Achtel des letzteren Betrags, nämlich 56 Millionen Mark, wiederum Jahr für Jahr als wohlverdiente Liebesgabe" in die Tasche schieben. Seit dem Jahre 1887 haben sie
auf diese vornehme Art das deutsche Bolt um etwa 1000 Mil
lionen Mark geprellt, und noch immer sind sie diejenigen, die den Schlunk nicht voll haben".
Das Gebot der Notwehr, des natürlichen Selbsterhaltungstriebs zwingt die geschundenen Massen, Hand anzulegen an den Giftbaum, der aus ihrem tiefsten Elend die Kraft zu seinem Gedeihen zieht und der den Junkern so überreiche, goldene Früchte trägt. Kampf dem Schnaps, diese Aufforderung hat der sozialdemokratische Parteitag unter die Massen geschleudert. Die Peitsche, die höhnend aus den Riemen ihrer Haut geflochten wurde, sollen sie gegen ihre Beiniger anwenden; sie soll diese dort treffen, wo sie am verwundbarsten sind: an ihrem Profitinteresse. Unsere Leserinnen finden an anderer Stelle die Resolution des Parteitags zu Leipzig , welche auch die politisch noch indifferenten proletarischen Massen zum Boykott des Schnapses und damit zur direkten Aktion gegen die feudalen und bürgerlichen Liebesgabenempfänger aufruft.
Wie empfindlich wir durch den Schnapsboykott die großen Brenner treffen können, haben die Herren uns im Voraus bestätigt. Auf ihrer Generalversammlung am 26. Februar 1909, also zu einer Zeit, wo von dem sozialdemokratischen Kampfe gegen den Fusel noch keine Rede war, heulmeierten sie ganz jämmerlich über die Gefährdung ihrer Interessen durch die bevorstehende Erhöhung der Branntweinsteuer. Ein Edler, v. Puttkamer , erblickte in ihr, da sie den Konsum verringern müsse, schon eine Vermögenskonfiskation, die sich niemand gefallen lassen brauche, da auch der Wurm sich krümme, wenn er getreten wird". Rittergutsbesitzer Förster- Kontopp klagte: " Je meniger getrunken wird, desto höher muß der Preis geschraubt werden, und je höher der Preis, desto weniger wird getrunken. Und das Endergebnis wird sein, daß unser Gewerbe in Grund und Boden ruiniert wird."
Was an uns liegt, soll geschehen, um dieses Ziel recht bald zu erreichen, das die Junker und Junkergenossen derart schreckt. Wenn es uns gelingt, für die Boykottbewegung auch nur jene Arbeiter zu gewinnen, die in Industrie, Schiffahrt und Bergbau tätig sind und den Schnapskonsum bis jetzt noch nicht abgeschmoren haben, so genügt das allein schon, daß die großen