Nr.4

20. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gletchheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

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Jabres- Abonnement 2,60 Mart.

Inhaltsverzeichnis.

Stuttgart

22. November 1909

Ein Wahlrechtskampf der Arbeiterinnen und weiblichen Handelsangestellten. Von Mathilde Wurm , Friedrich Schiller . Von Klara Zetkin. ( Forts.) Arbeiterbewegung in der Portefeuilleindustrie Deutschlands . III. Von H. W. Die Wirkungen des Frauenstimmrechts in Norwegen . Ver suche einer Mutterschutz- Gesetzgebung in Jtalien. IV. Von Adolf Hepner. Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von den Organisationen. Die -

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Berliner Stadtverordnetenwahlen. Jahresbericht der Genossinnen in Bremen . Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rund­schau. Ein Jubiläum. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Frauenstimmrecht.- Frauenbewegung.

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Fürsorge für Mutter und Kind. Verschiedenes.

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Ein Wahlrechtskampf der Arbeiterinnen und weiblichen Handelsangestellten.

Die ungeheure Zunahme der Frauenarbeit, wie sie die letzte Berufs- und Gewerbezählung im Deutschen Reiche amtlich fest­stellt, hat die alte bequeme Redensart die Frau gehört ins Haus" ein für allemal zu Grabe getragen. Zwar ist es den Kapitalisten zu keiner Zeit und in keinem Lande jemals ein­gefallen, die Frau ins Haus zurückzuverweisen, wenn sie sich, durch wirtschaftliche Not gezwungen, als billige und willige Arbeitskraft anbot. Nur wenn die Frau Rechte verlangt, dann bekommen die herrschenden Klassen regelmäßig patriar chalische Anwandlungen. Sie besinnen sich auf das Familien­gefühl", auf die Mutterpflichten" und auf all die anderen schönen Dinge, die, wie sie sagen, den eigentlichen Beruf" der Frau und Mutter bilden, dessen Nichterfüllung aber die Ausbeutenden jeder Art gänzlich unbefümmert läßt, wenn es sich um ihre Jagd nach Profit handelt.

Die fapitalistische Entwicklung hat die Frau immer mehr in den Produktionsprozeß hineingezwungen und damit ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Manne herbeigeführt, welche die feste Grundlage ihrer sozialen Gleichberechtigung mit ihm ist. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen steigt fortwährend. 1882 wurden insgesamt gezählt 5541587 weibliche Erwerbs­tätige einschließlich der Selbständigen und der Tienenden, 1895 bereits 6578350 und 1907 nicht weniger als 9492881. Zieht man aber nur die als Angestellte oder Arbeiterinnen in Industrie, Handel und Verkehr, Landwirtschaft und in häus­lichen Diensten tätigen weiblichen Personen in Betracht, so bleiben 8152405 im Jahre 1907; davon entfallen auf In­dustrie, Handel und Verkehr 2311366, also 28,35 Bro­zent. Verglichen mit dem Jahre 1895 ist die Zahl der in den gleichen Berufsgebieten tätigen weiblichen Angestellten und Arbeiterinnen fast um eine ganze Million, um 932748 oder 67,65 Prozent gewachsen. In Industrie und Bergbau be trug die Zunahme der Arbeiterinnen 67,5 Prozent; in Handel und Verkehr stieg die Zahl der angestellten weiblichen Personen von 365 005 im Jahre 1895 auf 605043 im Jahre 1907 oder um 66 Prozent.

Es ist ganz besonders die Metallindustrie, auf deren Rechnung die Zunahme der Frauenarbeit entfällt. So wurden

Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

beispielsweise in Berlin 1895 in der Metallindustrie insgesamt 44767 weibliche Personen beschäftigt, im Jahre 1907 war diese Zahl auf 119461 angewachsen. Das ist in zwölf Jahren eine Zunahme von 74694 oder von 167 Prozent. Allein in der Berliner Elektrizitätsindustrie, einem Zweig der Metallindustrie, stieg die Zahl der Arbeiterinnen von 1187 im Jahre 1895 auf 11724 im Jahre 1907. Die Zunahme betrug also 887,7 Prozent! In der Beleuchtungsindustrie wuchs die Zahl der Arbeiterinnen von 1835 auf 7306, das ist um 427,5 Prozent. In dem gleichen Zeitraum hat die Zahl der in der Berliner Metallindustrie beschäftigten Männer nur um 43 Prozent zu genommen.

Wie außerordentlich stark die erwerbende Frauenarbeit in einigen Berufen gestiegen ist, zeigt folgende übersicht:

Berufsart

Bahl der Arbeiterinnen 1895

Schneiderei, Kleider- u. Wäschekonfektion 210624 Weberei

Spinnerei.

Strickerei und Wirkerei Häkelei und Stickerei Tabakindustrie

Papier und Pappfabrikation Buchbinderei und Kartonnagefabrikation Ziegelei und Tonröhrenfabrikation..

1907

361 144

236019

118789

42869

177424

100055

9

42461

57 123

27586

69 485

113799

21860

16 221 13423

32961

32384

25 844

Seit der Berufszählung von 1882 hat die Zahl der weib­lichen Berufstätigen im allgemeinen stets mehr zugenommen als die der männlichen. Während von 1882 bis 1895 die Zahl der männlichen Berufstätigen um 17,8 Prozent wuchs, ist im gleichen Zeitraum die der weiblichen um 28,6 Prozent gestiegen. Von 1895 bis 1907 nahm die Zahl der männ lichen Berufstätigen um 22,2 Prozent zu, die der weiblichen um 57,1 Prozent. Die Frauenarbeit hat also ganz besonders in den Jahren 1895 bis 1907 eine große Ausdehnung erfahren. Wir kennen die treibenden Kräfte, die hinter der steigenden Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts stehen. Die fort­schreitende Entwicklung der Technik ermöglicht es, den unge­lernten und förperlich schwächeren Arbeiter, in unserem Falle die Frau, an die Stelle des gelernten und körperlich stärkeren Arbeiters zu setzen, ihn zum Anhängsel der Maschine", des Produktionsmechanismus zu machen. Die nie gestillte kapita­listische Profitsucht treibt dazu, daß diese Möglichkeit in größtem Umfange ausgenutzt wird, denn sie schafft das Bedürfnis nach billigen und willigen Arbeitskräften. Die Not der Arbeiter­familie aber gebiert den Zwang, daß die Frau als Berufs­tätige die Konsequenz der technischen Entwicklung und des kapitalistischen Profitbegehrens zieht. Daher ist es auch erklär­lich, daß die deutsche Zoll- und Steuerpolitik von Einfluß auf die Zunahme der Frauenarbeit ist. Sie hat eine starke Ver­teuerung der Lebenshaltung zur Folge, die bewirkt, daß der Lohn des Mannes nicht mehr ausreicht, die Familie zu er nähren, die Frau muß ihr Teil dazu beitragen.

Doch welch ein Gegensatz, welch eine Ungerechtigkeit! Die Frau ist eine unentbehrliche Kraft in unserem Wirtschafts­leben, die Frau ist vor dem Gesetz verantwortlich wie der Mann