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Die Gleichheit
Die Satzung fann Wöchnerinnen, solange sie ihre Neugeborenen stillen, ein Stillgeld in Höhe des halben Krankengeldes bis zum Ablauf der zwölften Woche nach der Niederkunft zubilligen. Ferner heißt es in einem späteren Abschnitt über Familienhilfe unter anderem: Die Satzung fann zubilligen: 1. Kranken pflege an versicherungsfreie Familienmitglieder der Versicher ten, 2. Wochenhilfe an versicherungsfreie Ehefrauen der Verficherten.
Diese Vorschläge des Regierungsentwurfes bleiben in wich tigen Punkten hinter den Forderungen unseres Parteitags zurück. Abgesehen davon, daß das Wochengeld weniger beträgt als der durchschnittliche Tagesverdienst, soll es nach dem Ent wurf zwar für acht Wochen gezahlt werden, aber davon brauchen nur sechs Wochen in die Zeit nach der Geburt zu fallen, während unser Parteitag die Unterstüßung für die Dauer von acht Wochen nach der Geburt fordert. Diese Forderung ist nur zu sehr berechtigt, trotzdem haben wir hier ein Minus von zwei Wochen in dem Entwurf. Noch schlimmer steht es mit der Schwangerschaftsunterstüßung, mit der freien ärztlichen Gewährung der Hebammendienste, mit dem Stillgelde und mit der Familienhilfe. Denn alle diese Leistungen sind nicht den Kassen unbedingt vorgeschrieben, sondern in ihr Belieben gestellt. Die Kassen gewähren die Leistungen nur dann, wenn dies ausdrücklich vom Ausschuß beschlossen und als Grundsatz in die Satzung( das Statut) der Kasse aufgenommen worden ist. Hierbei müssen wir aber berücksichtigen, daß nach dem Regierungsentwurf den Arbeitern, wie bereits erwähnt, der maßgebende Einfluß auf die Krankenkassen entriffen werden soll. Wenn diese Vorschläge wirklich in das neue Gesetz auf genommen werden sollten, würden die Arbeitgeber die Gewährung jener Leistungen sicherlich nicht annehmen und den Ver such vereiteln, die Gewährung der Leistungen in den Statuten vorzuschreiben, zumal sie dann auch die Hälfte der Kaffenbeiträge anstatt- wie jetzt ein Drittel zu bezahlen hätten. Daher sind jene Leistungen für die allermeisten Arbeiterinnen durchaus nicht sicher. Die Erwähnung der Leistungen in dem Regierungsentwurf ist in allen solchen Fällen nur ein Spiel mit leeren Versprechungen.
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Die Leistungen, von denen wir gesprochen haben, waren mit Ausnahme des Stillgeldes schon in dem Vorentwurf des Reichsamtes des Junern vorgeschlagen worden. Gerade weil diese Leistungen gänzlich ungenügend find, deshalb haben die Arbeiterinnen ihre Verbesserungsvorschläge gemacht. Irgend welche stichhaltige Gründe gegen die Vorschläge fönnen auch die verbündeten Negierungen nicht vorbringen, wenigstens find fie in der ausführlichen Begründung des Regierungsentwurfes nicht zu finden. Trotzdem sind die Verbesserungsvorschläge von den Geheimräten einfach in den Papierforb geworfen worden. So ist es, das wollen wir noch ausdrücklich wiederholen, mit fast allen wichtigeren Verbesserungsvorschlägen der Arbeiterschaft gekommen. Damit werden sich die Arbeiter selbstver ständlich nicht zufrieden geben. Durch ihre sozialdemokratischen Vertreter im Reichstag werden sie ihre Verbesserungsvorschläge von neuem einbringen. Dann müssen die bürgerlichen Parteien zeigen, ob sie den gerechten Forderungen der Arbeiter nach kommen oder ob sie auch bei dieser Gelegenheit die proletarischen Interessen verraten wollen.
So find die Verhandlungen des Reichstags und der Reichstagskommission über die Reichsversicherungsordnung in jeder Beziehung sehr wichtig. Mögen auch die Arbeiterinnen den Verhandlungen aufmerksam folgen.
Erschließung neuer Frauenberufe?
Auf einer Konferenz bürgerlicher Sozialpolitiker aller Schattierungen, die im Oktober v. J. im Charlottenburger Rat haussaal tagte, wurde ein Verband für handwerksmäßige und fachgewerbliche Ausbildung der Frau gegründet. An der Spitze des Verbandes steht Fräulein Marie Lisch. newsta, zu den Mitwirkenden gehören unter anderen Gold
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schmidt, Mugdan, Botthoff, Kopsch, Paasche, Prof. Dr. France, Prof. Dr. Jastrow, Dr. Alice Salomon , Dr. Marie Baum usw.
Wie aus einer Ansprache hervorging, mit der Fräulein Lischnewska die Verhandlungen einleitete, hat das gewaltige Anschwellen der Zahl der weiblichen Arbeitskräfte auf allen Gebieten des Erwerbslebens die Leutchen auf die Beine gebracht. Sie wollen mit Hilfe des neuen Verbandes versuchen, regelnd einzugreifen, den Zustrom weiblicher Arbeitskräfte in ihnen genehme Bahnen zu lenken. Bedauert wurde, daß der arbeitenden Frau in der Hauptsache die untergeordnete, mechanische Arbeit zufalle; die Zahl der ungelernten Arbeiterinnen sei Legion gegenüber dem verschwindend kleinen Häuschen gelernter weiblicher Berufstätiger. Das müsse vor allem geändert werden! Diese Aufgabe ist nach der Meinung eines großen Teiles der Konferenzteilnehmer dadurch zu lösen, daß dem Handwerk weibliche Lehrlinge zugeführt werden.
Ursprung und Zweck der ganzen Übung sind bald durch schaut. Die wirtschaftliche Entwicklung schreitet unausgesetzt fort. Ihr Fortschritt bewirkt auf der einen Seite die Konzentration der Produktionsmittel in immer weniger Händen, auf der anderen Seite die Proletarisierung immer größerer Massen der Bevölkerung. Diese lettere Tendenz macht sich auch für die Töchter der bürgerlichen Mittelschichten recht unangenehm fühlbar. Während hier früher die Mädchen bis zu ihrer Ver heiratung im Elternhause bleiben und vom Vater erhalten werden konnten, stellt sich jetzt auch für sie in steigendem Maße die Notwendigkeit heraus, ihren Lebensunterhalt selbst zu ver dienen. Erstens zeigen sich im Haushaltungsetat der Eltern immer bedenklichere Löcher, und zweitens werden die Aussichten auf eine„ standesgemäße" Versorgung in der Ehe immer geringer.
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So stehen die Töchter des Mittelstandes und der bürger lichen Intelligenz vor der Frage: Wohin mit der Schaffens freude"? Die Fabrit überlassen sie gern der Proletarierin von Geburt, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, und der Platz hinter dem Ladentisch ist auch für sie mehr oder weniger verpönt; in eine sogenannte dienende Stellung zu treten, dazu fehlt aber erst recht jede Neigung. Da soll nun der neue Verband Abhilfe schaffen: er soll es den Mädchen ermöglichen, sich zu qualifizierten Arbeiterinnen auszubilden, so daß sie nach ihrer Meinung auf der sozialen Stufenleiter doch wenigstens eine Sprosse über ihren Schwestern proletarischer Abkunft zu stehen kommen. Daneben soll auf diese Art eine Quelle billiger und gefügiger Arbeitskräfte für die Reste des bedrängten Handweris eröffnet werden. Man kann fast be haupten, die Klasse der kleinen Handwerksmeister suche ihre eigenen Töchter zu solchen Arbeitskräften auszubilden, wobei ihnen die Vertreter der verwandten Bevölkerungsschichten hilfreich unter die Arme greifen. In der Tat traten auf der genannten Konferenz die Vertreter mehrerer Handwerkskammern mit besonderer Begeisterung für den Plan ein, dem Handwerk weibliche Lehrlinge zuzuführen. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß die Konferenz, dem neuen Verband mit dem langen Namen die Aufgabe zuwies, für die Einführung obligatorischen Fortbildungsschulunterrichts für die weibliche Jugend zu wirken, eine Forderung, mit der wir uns selbstverständlich einverstanden erklären. Mögen es die Gründer und Leiter des Verbandes in ihrer Weise auch noch so gut meinen, so wird doch dessen Wirken in der Hauptsache nichts anderes zur Folge haben, als verun glückte Existenzen zu schaffen. Dieses Urteil mag hart erscheinen, aber in den ersten Schritten des Verbandes findet es schon seine Bestätigung.
Die Berliner Mitgliedschaft des Verbandes der Lithographen und Steindrucker erhielt von der neuen Organisation die Mitteilung, sie habe die Absicht, Stellen für weibliche Lithographenlehrlinge zu vermitteln. Dem war die Bitte hinzugefügt, die organisierten Lithographen möchten den jungen Mädchen nicht hinderlich entgegentreten. Die Mitteilung zeigt, daß der Verband sich auf falschem Wege befindet. Es gibt kaum einen Beruf, der so wenig wie die Lithographie als We