Nr. 17

20. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

Jahres- Abonnement 2,60 Mart.

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Inhaltsverzeichnis.

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Stuttgart

23. Mai 1910

Soziale Not. Von wd. Erwachende Sllavinnen der Textilindustrie! Von H. Jäckel. Die Frauen und der Vorentwurf zu einem deutschen Strafgesetzbuch. Von Dr. Siegfried Weinberg. Das englische Heim­arbeit- Minimallohngesetz. Von Adolf Hepner.( Fortsetzung.) Frauen tonferenzen in Desterreich. Von Adelheid Popp. - Zur Frauenkonferenz. I. Von Ernst Koch. II. Von Linchen Baumann. III. Von Berta Lungwitz. IV. Von Helene Mittag. V. Von Klara Zetkin .

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Zuschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

1907

1895

Davon verhet

Gruppe

ratet, verwitwet

über­

und geschieden

haupt

Über­haupt

Davon verhet­ratet, verwitwet und geschieden

Arbeite

rinnen

in Prozent

Arbeite- in

rinnen Prozent

Landwirtschaft Industrie. Handel u. Verkehr

1476819 619 534

42

2728 326 1523517

56

761 448 121 183

16

1077 600 317194

29

310998 126713

40

512743 217901

42

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Hausdienst

49

44

34

Aus der Bewegung: Stellungnahme der Genossinnen zur Frauenkonferenz in Randow- Greifenhagen, Remscheid und Kiel . Von der Agitation. Von den Organisationen. Ge Politische Rundschau. Von H. B. Aus der Textilarbeiterbewegung. Von hj. werkschaftliche Rundschau. Was der Textilarbeiterverband zur Hebung der Lage der Braun­ schweiger Arbeiterschaft tut. Von I. R. Der Deutsche Holzarbeiter­berband. Von fk.- Der achte Verbandtstag der Steinsetzer, Pflasterer und Berufsgenossen Deutschlands . Bon W. Kähler. Genossenschaft­liche Rundschau. Bon H. F. Notizenteil: Dienstbotenfrage. Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels- und Verkehrswesens. Weibliche Fabrikinspektoren.- Frauenstimmrecht.- Frauenbewegung.- Frauen in öffentlichen Aemtern.

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Soziale Not.

Wenn man nicht nach dem Muster superkluger Leute die soziale Lage des Proletariats rein mechanisch an zweckent­sprechenden absoluten Größen- falsch mißt; wenn man sie wertet unter dem Gesichtswinkel der Gesamtentwicklung, der revolutionierten Gütererzeugung, der gesteigerten Produktivität und fortgeschrittenen Kultur: dann läßt sich eine soziale Not gar nicht leugnen. Einen offensichtlichen Ausdruck findet sie in der starken Zunahme gewerblicher Tätigkeit verheirateter Frauen. Neben dem geschlechtlichen Impulse machte für die Frauen aus dem Proletariat das Bestreben nach eigener Häuslichkeit und der Befreiung vom Dienstbotenjoch früher die Verheiratung er­wünscht. Jezt erhebt sich oft genug mit der Gründung eines Hausstandes die Notwendigkeit, daß sowohl die Frau wie der Mann zur Erhaltung der Familie beitragen. In steigendem Maße sieht man die verheiratete Frau sich in die Fron der Erwerbsarbeit spannen. Nicht ohne starken Zwang verlassen Hausfrauen und Mütter das Heim, die hilflosen Kinder, um in dumpfen Werkstätten, in grausen Gifthöhlen, an ratternden, fauchenden Maschinen ihre Nerven frühzeitig zu zerrütten. Wirtschaftliche Sorgen, soziale Nöte treiben sie hinein in den Dienst fapitalistischer Profitmacherei. Wie die Erwerbsarbeit verheirateter Frauen zugenommen hat, welchen Umfang sie er­reichte, darüber gibt die letzte Berufszählung Aufschluß.

Neben der rapiden Steigerung, mit der die weibliche Arbeits­fraft in den Berufsstatistiken figuriert, eine Steigerung, welche die Gesamtzunahme der Erwerbstätigen erheblich überragt, tritt als martantes Zeichen der Entwicklung die Erscheinung zutage, daß bei dieser Zunahme weit mehr verheiratete Frauen als Mädchen in Betracht kommen. Wie sich die Zunahme der weiblichen Arbeitskraft in der Erwerbsarbeit überhaupt zu der der verheirateten Frauen, Witwen und der geschiedenen Frauen verhält, veranschaulicht die folgende Tabelle. Es wurden in Preußen weibliche Arbeitskräfte gezählt:

148377 72417 209508 93 630 Busammen 2 697 642 939 847 45281772 152242 48 Die Gesamtzahl der beschäftigten weiblichen Arbeitskräfte stieg von 2697642 auf 4528177, das heißt um 1830535, also um 68 Prozent. Bei den verheirateten, verwitweten und ges schiedenen Frauen ergibt sich aber eine Zunahme von 939847 auf 2152242 oder um 1212395, also um 130 Prozent! Die relativ höchste Zunahme der Arbeiterinnen dieser Kategorien entfällt auf die Industrie, während hier die Gesamtzunahme der weiblichen Arbeitskraft hinter dem Durchschnitt zurückbleibt. Das erklärt sich aus dem bißchen Schutzgesetzgebung für Kinder und jugendliche Arbeiter. Weil das gierige Kapital ihre Arbeits­fraft nicht mehr so ganz unbegrenzt ausbeuten kann, hat sein Heißhunger speziell nach der kindlichen und jugendlichen Arbeits­fraft etwas nachgelassen. Da man auf die Kinder verzichten muß, drängt man mehr als je die Mütter in die Fabriken. Der prozentuale Anteil der verheirateten, verwitweten und ge schiedenen Frauen im Hausdienst hat abgenommen. Zum Teil mag das auf eine strengere Scheidung nach rein häuslicher Dienstleistung und gewerblicher Arbeit zurückzuführen sein. Daß der Anteil der genannten Kategorie weiblicher Berufstätiger von 34 auf 48 Prozent aller beschäftigten Arbeitskräfte in die Höhe gegangen ist, ist sicherlich ein zwingender Beweis für die wachsende soziale Not.

Betrachten wir nun die Zunahme der Erwerbstätigkeit ver. heirateter Frauen allein. Es betrug die Zahl der hauptsächlich erwerbstätigen verheirateten Frauen:

In der Landwirtschaft, Gärtnerei und Forst­wirtschaft.

In der Industrie einschließlich Bergbau und Baugewerbe

In Handel und Verkehr.

In Hausdienst und Lohnarbeit wechselnder Art

1895

1907

338571

1235 730

98876

184245

56698

135837

18003

81717

Insgesamt ergibt sich eine Zunahme von 512148 auf 1587529 oder um 1075481 gleich 210 Prozent. Wenn auch die größte absolute und relative Zunahme verheirateter Arbeiterinnen auf die landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betriebe entfällt, so ist doch auch in der Industrie sowie im Handel und Verkehr eine ganz riesige Zunahme der Beschäftigung verheirateter Frauen zu konstatieren. In diesen beiden Gruppen zusammen waren bei der letzten Zählung gegenüber der voraufgegangenen 164508 verheiratete Frauen mehr beschäftigt. Die Steigerung macht 105 Prozent aus. Die gewaltige Zunahme in der Landwirtschaft spricht mindestens nicht dafür, daß die Schnapsblockbrüder ihr