Nr. 23
20. Jahrgang
Die Gleichheit
Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen
Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder
Die Gleichbeit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart.
Inhaltsverzeichnis.
Mehr Schutz den Müttern.
-
-
-
-
-
15. August 1910
Der Anteil der Frau an der deutschen Die vermögensrechtlichen Verhältnisse der Ehegatten. III. Von Ernst Oberholzer. Johann Gottfried Seume. III . Von Dr. W. Hausenstein. Die Arbeiterin in der Gewerks schaftsstatistik für 1907 und 1908. Von R. S. Vom Kampf um das Frauenwahlrecht in England. Vom Spinnen und Weben in alter Zeit. III. Von H. Jäckel. Der Fabritarbeiterverband. Von W. Kähler. Aus der Bewegung: Von den Organisationen. Jahresberichte der Ges nossinnen in Braunschweig und Lübeck . Über den Stand der Nürn berger Arbeiterinnenbewegung 1909. Politische Rundschau. Von H. B.
-
-
Gewerkschaftliche Rundschau.
-
-
-
-
-
-
Sozialistische
Notizenteil: Dienstbotenfrage. Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. Landarbeiterfrage. Fürsorge für Mutter und Kind. Frauenbewegung im Ausland. Verschiedenes.
1
Mehr Schuß den Müttern.
Zu den abstoßendsten Erscheinungen des Massenmordes, der im Wesen des Kapitalismus begründet ist, gehört die Vernichtung findlichen, jugendlichen Lebens, die dank der ausgebeuteten Frauenarbeit schon im Mutterleib beginnt. Der Schutz der arbeitenden Frau bildet daher innerhalb der Arbeiterschutzgesetzgebung ein eigenes wichtiges Kapitel. Der Zusammenfall von Erwerbstätigkeit und Mutterschaft bedingt bei der heutigen Form der Arbeit, die gleichbedeutend mit Ausbeutung ist, besondere Gefahren für die Frau und das nachwachsende Geschlecht, und der Schutz der Mutterschaft hat mithin weitgehende Bedeutung für die ganze Arbeiterklasse, ja die ganze Gesellschaft. Die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen wird zu der Frage des Schutzes von Mutter und Kind Stellung nehmen. Schon die Konferenz der deutschen Genossinnen zu Mannheim 1906 hat dazu ein Programm der notwendigen Forderungen aufgestellt. In der Richtung dieser Forderungen liegen die Anträge, die die sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag bei verschiedenen Gelegenheiten, zuletzt wieder bei der Beratung der Reichsversicherungsordnung stellten.
Sie lassen erkennen, wie durchaus unzulänglich die Gesetz vorschläge der Regierung zum Schutze der Schwangeren, Wöch nerinnen und Säuglinge find. Daß die erwerbstätige Frau durch ihre Arbeit in stärkerem Maße gefährdet ist wie der Mann, und deshalb eines besonderen Schutzes bedarf, zeigen folgende Zahlen der neuen großen Statistik des Kaiserlichen Statistischen Amtes über Krankheits- und Sterblichkeitsverhält nisse. Auf 100 ein Jahr lang beobachtete, gegen Krankheit versicherte Personen in dem Alter von 25 bis 34 Jahren entfielen Krankheitsfälle:
Bei den Pflichtmitgliedern
=
B
freiwilligen Mitgliedern
männlich
weiblich
36,8 71,8
47,7
67,3
Auf seiten der freiwilligen Mitglieder, die der Ruhe pflegen können, ist die Zahl der Krankheitsfälle bei den Männern größer als bei den Frauen. Umgekehrt finden wir, daß bei den Pflicht mitgliedern, das heißt bei den erwerbstätigen Mitgliedern, die Zahl der Erkrankungen der Frauen die der Männer übertrifft.
Zuschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.
Faffen wir die Dauer der Krankheit ins Auge, so erweist auch diese die größere Gefährdung der erwerbstätigen Frau. Es entfielen auf einen Krankheitsfall Krankheitstage:
männlich
weiblich
•
. 21,6
24,6
36,4
Bei den Pflichtmitgliedern. freiwilligen Mitgliedern 36,5
•
Die erwerbstätige Frau ist länger frank als der erwerbstätige Mann, während bei den freiwilligen Mitgliedern sich das Verhältnis eher zugunsten der Frauen verschiebt. Daß im all gemeinen bei den freiwilligen Mitgliedern die Krankheitsfälle zahlreicher sind und die Dauer der Krankheit eine längere ist als bei den Pflichtmitgliedern, erklärt sich aus einem Umstand: die freiwillige Mitgliedschaft wird vorwiegend nur von fränk lichen Personen aufrechterhalten.
Die stärkere Belastung der arbeitenden Frauen durch Krank heiten erhellt auch aus folgender Übersicht, die zugleich deutlich darauf hinweist, daß der Zusammenfall von Berufstätigkeit und Mutterschaft die Ursache davon ist.
Altersklasse unter 15
Auf 100 versicherungspflichtige männliche
weibliche
Die männlichen Mitglieder haben mehr(+) weniger(-)
Mitglieder entfielen Krankheitstage
595
533
+62
15 bis 19
617
754
-
137
20# 24
657
955
298
25= 29
708
1205
497
30
= 34
814
1395
581
35
°
39
941
1465
524
40 M 44
1088
1453
365
45 W 49
1243
1496
-
253
50= 54
1456
1490
34
55# 59
1705
1486
+219
60': 64
2069
1632
+437
65
69
2760
2373
+387
70
= 74
3456
2531
+925
75 und mehr 4043
2512
+1531
Diese Zahlen lassen scharf hervortreten, daß in dem Alter von 15 bis 54 Jahren die arbeitenden Frauen mehr Krank. heiten ausgesetzt sind als die arbeitenden Männer, und daß dieser Unterschied zuungunsten des weiblichen Geschlechts am stärksten ist in dem mittleren Alter von 25 bis 44 Jahren, das heißt in der Periode, die am meisten für die Mutterschaft in Betracht kommt. Auch wenn wir die Dauer der Krankheit prüfen, stellt sich heraus, daß die arbeitenden Frauen in den Jahren der Mutterschaft im Durchschnitt länger frank sind als sonst. Denn während im allgemeinen bei den Pflichtmitgliedern auf einen Krankheitsfall bei den Männern 21,6 Tage und 24,6 bei den Frauen kommen, ergibt sich in den Jahren von 25 bis 34 für die Männer eine Krankheitsdauer von 20,5 Tagen, bei den Frauen aber eine solche von 26,6 Tagen. Bei den Männern sinkt also die Dauer unter den allgemeinen Durchschnitt, bei den Frauen dagegen steigt sie darüber hinaus.
Den Einfluß der Erwerbstätigkeit auf die Mutterschaft selbst lassen die statistischen Ergebnisse der Leipziger Orts frankenkasse erkennen. Es entfielen danach 15,5 Prozent Fehlgeburten auf die Wochenbetten der Pflichtmitglieder, das heißt der erwerbstätigen Frauen, die bis furz vor der Entbindung