Nr. 25

20. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark.

Inhaltsverzeichnis.

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Stuttgart

12. September 1910

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Die

Magdeburg . Der Kaiser und die Frauen. Von Kz. Die Zweite Jnter nationale Konferenz Sozialistischer Frauen in Kopenhagen.- Bebels Brief an die Internationale Frauenkonferenz zu Kopenhagen . Fort mit dem Fleischwucher! Der organisatorische Aufbau und die Tätig. keit der Hamburger Kinderschutzkommission. Von H. Bullmer. ökonomische Lage der russischen Arbeiterinnen. II. Bon Alexandra Kollontay. Aus der Bewegung: Die Frauenbewegung im Kreise Waldenburg . Jahresberichte der Genossinnen des fünften sächsischen Reichstagswahl kreises und der Bremer Genoffinnen. Bericht der Genossinnen von Ludwigshafen . Von den Organisationen. Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Die Lage der Arbeiter­schaft in der Holzindustrie. Von f. k. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.- Fürsorge für Mutter und Kind.

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Magdeburg .

Mit leidenschaftlichem Interesse sieht das klassenbewußte Proletariat in Deutschland , ja in allen Ländern dem kommen den Parteitag der Sozialdemokratie entgegen. Im Vordergrund seiner Verhandlungen stehen zwei Gegenstände, die von außer ordentlicher Tragweite für unser weiteres Parteileben sind: die Frage der badischen Budgetbewilligung und die Frage des preußischen Wahlrechtskampfes.

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Theoretisch ist die Frage der Budgetbewilligung für die Sozialdemokratie bereits gelöst. Drei Parteitage haben sich be­reits mit ihr befaßt. Seit 16 Jahren hat die Partei Zeit ge habt, sich das Problem reiflich und allseitig zu überlegen. Die prinzipielle, die politische Bedeutung der Budgetabstimmung, ihr Zusammenhang mit der allgemeinen Politik der Sozial­demokratie, als der Partei des revolutionären proletarischen Klassenkampfes ist zur Genüge geklärt und der ungeheuren Mehrzahl der Genossen ins Bewußtsein geschrieben worden. Die Auseinandersetzung mit den badischen Genossen anläßlich ihrer jüngsten Budgetbewilligung hat auch nicht ein einziges neues Moment zutage gefördert, das über die früheren Erörte rungen in unserer Presse und auf den Parteitagen hinaus gehen würde. Die ganze Situation widerspricht daher der Auf­fassung, als ob der Streich unserer badischen Landtagsfraktion als eine neue oder nicht endgültig gelöste Frage der sozial demokratischen Taktik erörtert werden müßte. Notwendig ist dagegen, sie unter dem doppelten Gesichtspunkt zu behandeln: einmal als die Frage der Aufrechterhaltung der inneren Ein heit und der Disziplin in unseren Reihen, dann aber als eine Teilerscheinung jener fortlaufenden Vorstöße gegen Grundsäge und Taktik der Sozialdemokratie, welche sich seit einem Duzend Jahren Glied an Glied fügen, um unsere Bewegung langsam, aber unvermeidlich ins Fahrwasser eines kleinbürgerlichen Op. portunismus zu bringen. Die Vertretung der Sozialdemokratie hat demgemäß in Magdeburg nicht zum soundsovielten Male in ausgedehnten Debatten den Wert oder Unwert der Budget bewilligung zu erörtern. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, flipp und klar die Frage zu beantworten, ob die Partei gewillt ist, trotz aller bisherigen Abdrängungsversuche des Revisionismus

Zuschriften an die Redaktion der Gleichbeit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

zu bleiben was sie war und ist: eine geschlossene, straff diszipli nierte, einheitlich handelnde Armee von proletarischen Klassen­kämpfern. Es kann kein Zweifel obwalten, wie die Antwort auf diese Frage ausfallen muß. Hat aber die enorme Mehrheit des Parteitags gesprochen, dann wird es an den badischen Parla mentariern sein, die Konsequenzen des Spruches zu ziehen. Der Parteitag ist berufen, ihnen klar zu machen, daß im Rahmen der deutschen Sozialdemokratie fein Raum für Großblockillu­fionen, für Budgetbewilligung, für monarchische Kundgebungen und vor allem für partikularistische Eigenbrödelei vorhanden ist. An den badischen Parlamentariern ist es dann, sich zu besinnen, ob sie sich dem fügen wollen oder nicht, was eine Be bingung zur Zugehörigkeit der Partei ist.

Für die Partei als Ganzes erwächst aber aus dem badi­schen Streit eine andere wichtige Aufgabe. Mit einer noch so scharf gefaßten Resolution über das Verhalten unserer Land­tagsfraktion in Baden kann dort der Revisionismus nicht aus der Welt geschafft werden, dessen reifste Frucht die Budget bewilligung war. Damit der Wiederholung ähnlicher Vor­kommnisse in der Zukunft vorgebeugt wird, muß die Partei nach Mitteln und Wegen suchen, um in Baden unter den prole­tarischen Massen wirkliche Aufklärung im Sinne einer konse­quenten Klaffenpolitik zu verbreiten. An die proletarischen Interessen der Massen in Baden, an ihren gesunden Klassen­instinkt müssen wir appellieren, um im Bewußtsein dieser Massen selbst das sicherste Bollwerk gegen revisionistische Gefahren zu errichten. Der Magdeburger Parteitag wird die Frage einer entsprechenden systematischen mündlichen wie schriftlichen Agi­tation in Baden, die im Sinne und Geiste der Gesamtpartei geführt wird, ernstlich prüfen und dem Parteivorstand ein­schlägige Anregungen geben müssen.

Von der höchsten weittragenden allgemeinen Bedeutung ist die Frage des preußischen Wahlrechtskampfes. Seit einigen Monaten ist in unserem Feldzug für die Demokratisierung des Wahlrechts in Preußen eine Pause eingetreten. Kein Zweifel jedoch, daß der Kampf bald von neuem entbrennen muß. Die Massen werden wieder auf dem Plane erscheinen, die Sozial­demokratie steht vor einer langen und schweren Kampagne, die zum Abbruch des mittelalterlichen Augiasstalls des preußischen Landtags führen muß. Der preußische Wahlrechtsfampf ist je­doch nur äußerlich und oberflächlich betrachtet eine Angelegen heit der Sozialdemokratie Preußens. In Wirklichkeit ist er der Knotenpunkt unseres ganzen politischen Lebens in Deutschland . In unauflösbarem Knäuel gruppiert sich um ihn ein ganzer Komplex von hochbedeutsamen politischen Problemen: Der Kampf um die gründliche Wahlrechtsreform in anderen Einzelstaaten Deutschlands ; der Kampf gegen das Zweikammersystem, das heißt für die Beseitigung der Herrenhäuser, diese herausfordern­den Citadellen der Reaktion, die als Gegengewicht gegen die gesetz­gebenden Körperschaften aus Volkswahlen dienen. In erster Linie aber ist mit dem Kampfe um das preußische Wahlrecht die Sicherung des Reichstagswahlrechts, die Sicherung des Reichstags selbst gegen das persönliche Regiment unmittelbar verbunden. In entscheidender Weise greift mithin der preußische