Nr. 8

Die Gleichheit

fabrikation von Balingen , Ebingen usw. stehen die Arbeite rinnen noch stark unter der Fuchtel der Kirche und sind daher nur schwer für die Organisation zu gewinnen. Dabei ist auch hier ihre Lebenslage feineswegs rosig. In Tuttlingen , wo schlechte Be­handlung die Zugabe zu niedrigen Löhnen ist, wurden von den 10 bis 14 Mt. wöchentlichem Verdienst noch Abzüge bis zu 5 Mt. gemacht für Nadeln, Faden und Seide. Für dreiviertelstündige Reinigungsarbeit gibt es 15 Pf. Strafen werden aus den gering­fügigsten Anlässen verhängt. In der Süddeutschen Baumwoll industrie Kuchen ist brutale Behandlung die Regel, den Arbeitern wird sogar mit Schlägen gedroht. Dafür predigt der Seelsorger eitel Friede, Zufriedenheit und Nächstenliebe und macht den Mäd chen vor den Sozialdemokraten graulich. Auch in Reutlingen liegen die Dinge ähnlich. Die Arbeiterinnen müssen den Mut haben, fich von dem geistlichen Einfluß loszureißen, wenn sie bessere Lebensverhältnisse erringen wollen. Gauleiter Hoschka berichtete über die Mitgliederbewegung. Er wies nach, daß die Filialen, in denen Hausagitation betrieben wird, einen stetigen Mitglieder­zuwachs zu verzeichnen haben. Das müsse ein Ansporn für die nicht vertretenen Ortsverwaltungen sein, auch ihrerseits eine regere Agitation zu entfalten. Hierauf referierte Genossin Döhring­Stuttgart über:" Agitation und Organisation". Die Rednerin be tonte, daß die Notwendigkeit der Organisation und der Agitation fich aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen ergebe, und daher wirksam bleibe, solange diese bestehen. Unter Hinweis auf das große Heer der in der Textilindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen zeigte sie, wie flein noch die Zahl der organi fierten Arbeiter verglichen mit derjenigen der unorganisierten sei. Auf 100 Berufsangehörige kommen in der Textilindustrie nur 18,4 Drganisierte. In Süddeutschland steht die Prozentzahl der Organi fierten sogar noch weit unter dieser Ziffer, hier gibt es noch Orte, wo die Textilarbeiterschaft noch jedes gewerkschaftlichen Zusammen­schlusses ermangelt. Es fragt sich nun: wie agitieren wir am besten, um die Organisation auszudehnen und zu befestigen? Die Rednerin begründete eingehend, daß von den verschiedenen Agitationsmethoden die Hausagitation die am meisten Erfolg versprechende sei. Bum Schlusse schlug sie im Einvernehmen mit dem Gauvorstand folgende Resolution yor, die zur Annahme gelangte:

"

Die am 20. November 1910 tagende Arbeiterinnenkonferenz des Gau Süd beschließt: Die heute anwesenden weiblichen Dele­gierten verpflichten sich, jedes Vierteljahr einen Bericht über ihre Tätigkeit an die zu wählende weibliche Vertraueusperson des Gaues einzusenden. Der Bericht soll in der Regel Auskunft geben über die Zahl der in der Hausagitation gemachten Besuche, über die Zahl der Aufnahmen, über allgemeine Erfahrungen und über eventuelle Mißstände in den Betrieben. Die weibliche Gauver­trauensperson hat diese Berichte vierteljährlich zusammenzustellen und einen einheitlichen Bericht an den Gauleiter zu erstatten. Die Kosten für die Berichterstattung und eventuelle Entschädigung sind den Delegierten von den Filialkassen, für die Gauvertrauensperson von der Gaulasse zu ersetzen."

In der Diskussion ward angeregt, fleinere Bezirkskonferenzen abzuhalten, auf denen wichtige Fragen der Agitation erörtert und die gewonnenen Erfahrungen ausgetauscht werden sollen. Als Ver­trauensperson wurde Genossin Döhring gewählt, die mit ihrem Danke für das Vertrauen den Wunsch aussprach, daß die Konferenz den Verband in seinem Kampfe gefördert habe, die darbenden Textil­arbeiter aus Elend und Knechtschaft zu befreien. Genosse Hoschka gab zum Schlusse einen Überblick über die Ergebnisse der Konferenz und forderte zu weiterer eifriger Arbeit für den Verband auf. Um die organisierten Arbeiterinnen dafür durch tiefere Ausbildung aus­zurüften, empfahl er ihnen geeignete Lektüre. Die Tagung wird ihre günstige Wirkung auf die Agitation und insbesondere die Be­tätigung der Frauen dabei nicht verfehlen.

Genossenschaftliche Rundschau.

t. ch.

In etwa fünfzehn() Artikeln, deren letzter vor kurzem erschien, hat Heinrich Kaufmann , der Generalsekretär des Zentralver bandes deutscher Konsumvereine, in der Konsumgenossenschaftlichen Rundschau" den Internationalen Kongreß in Kopenhagen und den Parteitag in Magdeburg besprochen, soweit beide Ta­gungen zur Genossenschaftsfrage Stellung nahmen. In Kopenhagen sowohl wie in Magdeburg ist deutlich zum Ausdruck gekommen, daß die politisch organisierte Arbeiterschaft die Konjumvereine als ein wirkungsvolles Hilfsmittel im Klassentampf betrachtet und gewillt ist, dieselben sozial auszubauen, mit sozialem Geiste zu er­füllen. Scharf zum Ausdruck kam infolgedessen auch, daß Sozial demokratie und Konsumvereine in einem möglichst freundlichen Ver­

125

hältnis zueinander stehen sollen, was sich um so leichter erreichen läßt, als vielfach dieselben Personen in beiden Organisationen tätig sind. Und es ist eine Tatsache, daß die sozialdemokratischen Organisa­tionen, die Parteipresse und die Genossen im allgemeinen im Sinne eines guten Einverständnisses zu arbeiten bemüht sind. Aus den fünfzehn Artikeln Kaufmanns spricht leider ein anderer Geist. Es müßte die leitenden Konsumvereinler freuen, daß die Sozial­demokratie nunmehr so offen und offiziell für die Arbeitergenossen­schaften eintritt. Erst recht, da sie der Partei fortwährend vorwerfen, sie fümmere sich zu wenig um die Konsumvereine. Statt dessen ver­sucht Kaufmann in dem Bestreben, von der Sozialdemokratie ab­zurücken, nachzuweisen, daß die Partei absolut nichts in die Arbeiter­genossenschaften hineinzureden habe. Durch die ganze Artikelserie geht ein so unfreundlicher Ton, daß niemand über die Absicht im unflaren bleiben kann. Auf Einzelheiten einzugehen verbietet sich an dieser Stelle schon aus räumlichen Gründen. Unsere Partei­presse möchten wir aber darauf hingewiesen haben. Kaufmann nennt die Kopenhagener Resolution revisionistisch, die Magdeburger radikal. Und die letztere ist ihm offenbar die unbequemere, weil fie Selbstverständlichkeiten" ausspräche. Man müßte meinen, wenn eine solche übereinstimmung über die Bedeutung der Konsums vereine zwischen Partei- und Genossenschaftsinstanzen vorhanden ist, dann wäre alles gut und die Vorbedingung für ein Mitein­anderarbeiten gegeben. Kaufmann gibt mit feinem Worte diesem Gedanken Ausdruck! Wie ein roter Faden geht die Auffassung durch die Artikel: Ihr habt uns nichts zu sagen. Wir bestimmen die Richtung. Und mit überlegener Gebärde und Nasenrümpfen wer den allzu große Vertraulichkeiten, die sich die Sozialdemokratie etwa anmaßen sollte, von vornherein zurückgewiesen. Die Partei wird sich über die verschmähte Liebe nicht besonders alterieren; sintes malen die Konsumvereinsbewegung nicht von einzelnen Personen, sondern von der Masse organisierter Arbeiter getragen wird. Es ist aber höchste Zeit, daß derart selbstherrliches Gebaren von den in den Konsumvereinen tätigen Genossen etwas näher nachgeprüft und der Gesamtwille der Masse nachdrücklich zum Ausdruck ge­bracht wird. Es darf nicht der Eindruck erweckt werden, als ob Kaufmann mit seiner Anschauung auch die des Zentralverbandes

vertrete.

Im Sommer des Jahres 1911 findet in Dresden eine inter­nationale Hygieneausstellung statt, die ein bedeutsames Unternehmen zu werden verspricht. Umfang, Vielseitigkeit und Art der Ausstellung lassen das schon jetzt erkennen. Sie wird insofern noch ein spezielles Interesse für die Arbeiter haben, als auch die Konsumvereine auf ihr vertreten sein werden. In einer be­sonderen Abteilung werden der Zentralvorstand und die Großein­faufsgenossenschaft deutscher Konsumvereine die Entwicklung und Bedeutung der Arbeitergenossenschaften zeigen. Ausstellungsobjekte werden sein: Konsumgenossenschaftliche Literatur, graphische Dar stellungen, Protofolle, Geschäftsberichte, Bilder, Gipsmodelle von Geschäfts, Fabrit- und Verwaltungsgebäuden( vor allem der Eigen­betriebe), Darlegung der kaufmännischen und sozialen Einrichtungen usw. Neben den beiden Zentralinstituten werden wahrscheinlich auch noch einzelne der großen Konsumvereine, besonders die Dresdener, an der Ausstellung sich beteiligen. Es wäre nicht zu verwundern, wenn die Krämer ob des Unternehmens, die Konsumvereine mit Hilfe der Ausstellung zu propagieren, wieder einmal in Entrüstung geraten. Wir müßten uns sehr täuschen, wenn sie gegen die Ausstellungsleitung nicht den Vorwurf erhöben, sie unterstütze die sozialdemokratischen Bestrebungen, indem sie auch den Konsumvereinen die Tür offen hält. Hat man doch von anderer Seite schon ähnlich geflagt, weil die Generalfommission der Ges wertschaften in Dresden eine Heimarbeitausstellung veranstaltet.

-

Die Mittelständler scheinen übrigens in der Bekämpfung der Konsumvereine zu neuen, eigenartigen Methoden greisen zu wollen. So forderten in einem sächsischen Orte, wie die Kon­fumgenossenschaftliche Rundschau" fürzlich berichtete, die Krämer dort in der Zeitung die Handel- und Gewerbetreibenden auf, ohne Ausnahme dem Konsumverein beizutreten. Anteil und Haft­summe seien ja verhältnismäßig flein. Auf diese Weise werden fie( die Händler) auf die ihren Interessen entgegenstehenden Be­strebungen des Konsumvereins Einfluß gewinnen, wenn sie dann die Generalversammlungen der Genossenschaft fleißig besuchen. Jammern und Wehklagen nützt nichts, man muß die Sache prat­tisch anfangen." Das ist doch einmal ein origineller Einfall! Die Krämer wollen den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Sie scheinen dabei allerdings zu vergessen oder überhaupt nicht zu wissen, daß die Konsumvereine gegen solche Kunden, die der Ge­nossenschaft nur angehören, um sie zu schädigen und zu verderben, ein sehr einfaches und probates Mittel haben: sie werden einfach