Nr. 11

22. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Prets der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

Jabres- Abonnement 2,60 Mart.

Inhaltsverzeichnis.

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Stuttgart

19. Februar 1912

Die Entwicklung steht nicht still...- Unsere Aufgaben nach der Wahl. Von Luise Ziez. Das Erwachen des englischen Prole­tariats. Von Th. Rothstein. Das ziffermäßige Wahlergebnis. Elise Schweichel zum Gedächtnis. Von M. Kt.

Von H. B.

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Die braunschweigische Wahlreform. Von R. Wagner . konferenzen in Österreich . Von a. p.

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Frauen­

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Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von der Wahlarbeit der Genossinnen im neunten Hannoverschen Wahlkreis. Ewald Buch­heim Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Aus der Holzindustrie. Von fk. Notizenteil: Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen. frage. Frauenstimmrecht. Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauenbewegung.

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Dienstboten­

Die Entwicklung steht nicht still...

Das parlamentarische Zwischenspiel der Präsidentenwahl im Reichstag hat vorübergehend die Aufmerksamkeit von dem Sturs abgelenkt, den zu steuern die Regierung entschlossen ist. Er erhellt mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit aus der Thronrede, mit der Wilhelm II. den Reichstag eröffnet hat, und aus ihrer Ergänzung: der Thronrede, mit der der preußische Landtag begrüßt worden ist. Diese beiden Stundgebungen des Stronenträgers gehören zueinander wie der rechte und der linke Handschuh, gehören zueinander, weil die Politik des Deutschen Reiches unlöslich mit der Preußens verflochten ist, ja mehr noch: von ihr bestimmt und beherrscht wird.

Die an den neugewählten Reichstag gerichtete Thronrede hat für die wichtigsten Lebensinteressen und Forderungen des arbeitenden Volfes nur Schweigen oder nichtssagende Redens­arten gehabt, deren Sinn aber klar ist. An dem bewährten" System des Zoll- und Steuerwuchers soll nicht gerüttelt werden. Der arbeiterfeindliche Geist, der die Reichsversicherungsordnung geboren hat, der zu weiterem Arbeiterschutz" drängt, wird auch fürderhin die deutsche Sozialpolitik leiten. Das ungemilderte Los der Massen soll also bleiben: Ausplünderung durch künst lich geschaffene und gesteigerte Teuerungspreise; Vernichtung der Lebenskraft, Zertretung des Menschentums durch die kapita­listische Ausbeutung; Bettelpfennige statt ausreichender sozialer Fürsorge für die Zeiten der Not, der Schußbedürftigkeit. Spur­los scheint an der Regierung des Deutschen Reiches der Zeiten Wandel vorübergegangen zu sein, der mit märchenhaftem Reichtum Weniger Massenarmut zeugt und das Proletariat als zielklaren Kämpfer dagegen, als Preisfechter für die Be­freiung der lebendigen Menschen von der Macht des knech­tenden toten Besizes in die Geschichte stellt.

Wie ein blutiger Hohn klingt zu dem allem die Phrase der Thronrede: Die Entwicklung steht nicht still." Sie erhält nur ernsten Inhalt durch die Ankündigung der bevorstehenden neuen Rüstungen zu Wasser und zu Lande. Die ausbeutungs­und machttrunkene Politik des Imperialismus zu stüßen, das ist die einzige scharf umrissene positive Arbeit", zu der die Regierung die Vertreter des deutschen Volkes mit dem üb­

Zuschriften an die Redaktion der Gleichbeit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe , Poft Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

lichen patriotischen Tamtam aufruft. Und darin zeigt sich in der Tat, daß die Entwicklung nicht stillsteht". Indem die Regierung sich an den Triumphwagen der Weltmachtspolitik spannt, die den steigenden Rüstungswahnsinn zugleich fordert und fördert, erweist sie sich als getreueste Dienerin der aus­beutenden und herrschenden Klassen, bestätigt sie, daß die tapitalistische Ordnung sich bis zu einem Reisegrad entwickelt hat, der sie ohne Imperialismus, ohne Rüstungstollheit nicht mehr auskommen läßt.

Es ist daher nur selbstverständlich, daß der bürgerliche Liberalismus bis zur äußersten Linken des unentwegten" Fortschritts, wie er sich im Berliner Tageblatt" wortreich austobt, Purzelbäume des Entzückens darüber schlägt, daß sich in den Mund der Regierung die Binsenwahrheit von der nicht, stillstehenden Entwicklung" verirrt hat. In diesem Ausdruck tommt Realeres zum Ausdruck als die unschuldsvolle Freude über die billige Reverenz bekundet, die Herrn Bethmann Hollwegs Weisheit dem liberalen Gedanken" erwiesen hat. Es spricht daraus der beruhigte bürgerliche Klasseninstinkt, daß trotz der 4 Millionen sozialdemokratischer Wähler die Regierung ,, voll und ganz" Sachwalterin der Besitzenden und Ausbeutenden bleiben wird und der aufbegehrenden Canaille nötigenfalls das Knie auf die Brust zu sehen willens ist.

Wer darüber im Zweifel sein konnte, den muß die Thron­rede belehren, welche die Wiederaufnahme der parlamen­tarischen Arbeiten in Preußen verschönt hat. Hier, hinter den schüßenden Wällen des erbärmlichsten aller Wahlrechtssysteme" konnte die Regierung offener und kräftiger reden als im Hause des allgemeinen Wahlrechts. Und was verheißt sie dem Volte hier als Ergebnis der Entwicklung, die nicht stillsteht?" Etwa die Wahlrechtsreform als stärksten, lebendigsten Ausdruck da­für, daß die Entwicklung auch vor Preußen nicht Halt ge­macht, sondern es gründlich umgewälzt hat? Kein Sterbens­wörtchen davon. Dafür die Forderung neuer Steuern, die namentlich die kleinen Leute schwer belasten werden, wie dies in einem Klassenstaat recht und billig ist. Daneben die An­fündigung eines Zwangsarbeitsgesetzes für die Habenichtse. Das Belieben der Behörden- preußischer Behörden! jeden in das Arbeitshaus sperren können, der nicht nur vor­übergehend" für sich oder seine Familie Unterstützung aus Armenmitteln erhält.

soll

Mit heuchlerischem Augenverdrehen wird versichert, daß das Gesetz im Interesse der Familie und der Allgemeinheit sich gegen die selbstverschuldete", pflichtvergessene" Armut wenden solle, die lieber in Freiheit lungert und hungert, vagabondiert und beftelt, als hinter den Gittern der kapitalistischen Aus­beutung darbt und gutgesinnt die Almosen Gutgesinnter demütig empfängt. Allein letzten Endes würde sich die Macht­stärkung, die es Bureaukratie und Bütteltum verleihen wird, gegen" meuternde" Lohnsklaven kehren. Das Gesetz ist in Wirklichkeit nach seiner innersten Natur eine Abart des Zucht­hausgesetzes in einer neuen bunten Tüte; ist ein Ast am Baume jener Zwangsmaßregeln, welche bestimmt sind, die Koalitionsfreiheit der Arbeiter und Arbeiterinnen zu meucheln