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Die Gleichheit

der oberen Zehntausend in ihrer Heimat mit dem erbarmungs­lofen Naturalismus wissenschaftlicher Forscher bloßlegten; wer auch nicht einen Tropfen von den Schmußlachen geschaut hat, die die Harden- Moltke- Eulenburgprozesse enthüllt haben. Nicht die rückständige Sittlichkeit, die fortgeschrittene kapitalistische Entwicklung ist in unserem Falle das Entscheidende.

Die Importländer" find Neuland der kapitalistischen Kultur. Noch rascher als in dem alten Europa stampft diese hier große Industrie- und Handelszentren aus dem Boden und häuft in ihnen meist eine überwiegend männliche Bevölkerung an. Unter ihr befinden sich viele Unverheiratete, weil nicht nur der ver­hältnismäßige Mangel an Frauen die Verehelichung verhin dert, sondern auch die Unsicherheit, das abenteuerliche Hin und Her der Existenz. Um die Menschen brütet die Treibhaushite eines Milieus, in dem sich die ältesten und rohesten mit den modernsten und raffiniertesten Instinkten und Praktiken des Hungers nach Gold und Genuß paaren. Der grausame Non­furrenzkampf ertötet feinere Regungen des Innenlebens und läßt zur Ausspannung der gequälten, zerrütteten Nerven nach grobem Sinnentaumel statt nach Erhebung verlangen. Bittere Not und brennende Beutegier führen den neuen Herrschafts­gebieten des Kapitalismus in großer Zahl Schiffbrüchige zu, Glücksritter, Leute ohne Durchbildung des Geistes und Cha­rafters, ohne inneren Halt, Verzweifelte und Verwegene, für die es keine Skrupel mehr gibt. Vielerorts steigern klimatische Einflüsse und regellose, eigenartige Lebensbedingungen das geschlechtliche Triebleben. In manchen kolonialen Besitzungen tut die Unvernunft der Beamten ein übriges, den Raum für die Prostitution zu erweitern. Man vergesse nicht das Verbot der Ehe zwischen Weißen und eingeborenen Frauen, das Herr Dr. Solf als Gouverneur von Samoa erlassen hat; die Ent rechtung, die die Herren Dernburg und v. Schuckmann über die Weißen in Südwestafrika verhängten, die mit eingeborenen Frauen im Konkubinat lebten. Überhaupt trägt der Imperia­fismus mit feinen erobernden Soldaten, verteidigenden" Schutztruppen, verwaltenden Bureaukraten, mit seinen erwerbs­tollen Pflanzern, Industriellen, Händlern und Spekulanten, mit seinem System der Pfandweiber" und der flotten Cou­finen" der Puttkämerlinge geschlechtliche Zügellosigkeit und Ausschweifung über die Welt, damit aber auch den schmutzigen Handel mit Frauenfleisch. Wo immer der triumphierend über den Erdball rafende Kapitalismus fich einmiftet, da schafft er wie für andere Gewerbe auch einen Markt für die Pro­stitution, die Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleische ist.

Einen Markt, auf dem infolge der oben angedeuteten Um­stände die Nachfrage nach Dirnen meist das Angebot davon übersteigt. Zwar peitscht die emporblühende Industrie der überseeischen Länder mit harter Fron und Hungerlöhnen Scharen ausgebeuteter Frauen und Mädchen als Verkäufe rinnen ihres Leibes in die Straßen. Die Ausbeutung der Fabritarbeiterinnen in den Südstaaten der nordamerikanischen Union , das Elend der Heimarbeiterinnen in New York und anderen Städten des Dstens fuppelt Tausende dem Lafter. Es gibt jedoch noch Gegenden und Erwerbsgebiete, in denen die geringe Zahl der Frauen zur Versorgung der meisten durch die Ehe führt und der weiblichen Arbeit Seltenheitswert" verleiht. Wie die Länder neuer kapitalistischer Kultur zunächst und oft noch lange auf die Einfuhr industrieller Erzeugnisse, auf die Einfuhr der Ware aller Waren angewiesen sind der menschlichen Arbeitskraft, so tommen sie auch ohne den Jm­port der Prostitutionsware nicht aus. Wo aber die Ware mensch­liche Arbeitskraft in der einen oder anderen Form gehandelt wird, da entwickelt sich auch in der einen oder anderen Form der Schacher mit der anderen menschlichen Ware: Frauen­leiber. Diese Tatsache geht durch die Geschichte, seitdem die Herrschaft des Privateigentums den lebendigen Menschen zur Beute des toten Besizes werden ließ. In frassester, greifbarster Gestalt bringt das der Mädchenhandel zum Ausdruck, der die Märkte seiner Importländer" mit weißen Luftfflavinnen ver sorgt, wie früher der Handel der frommen Engländer, Hol­

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länder, Portugiesen und Spanier den Plantagenbesitzern schwarze Arbeitssklavinnen lieferte.

Was vermag an diesen Zusammenhängen, die ihre Opfer fordern, das Verbot der Bordelle zu ändern, von dem sich Genosse Göhre das Schwinden des Absatzgebiets für den ruch­losen Handel verspricht? Herzlich wenig. Wir stimmen der Forderung selbst gewiß zu, weil ihre Verwirklichung unserer Meinung nach das traurige Los der Dirnen etwas zu mildern vermag. In den Bordellen fallen sie der härtesten Ausbeu­tung durch die gemeine Zunft der Wirte, Kuppler usw. an­heim, bleiben durch ewige Schulden an ihr schmachvolles Ge­werbe gekettet und finden kaum je die Möglichkeit, sich ar­beitend aus dem Schmuze wieder zu erheben. Die Jllusion können wir jedoch nicht teilen, daß die Schließung der Bor­delle dem Mädchenhandel selbst den Boden abgräbt. Sie mag die Mühen und Gefahren des Gewerbes" steigern, sie trifft es nicht an der Wurzel. Tingel- Tangel, Varietés, Animier­Kneipen, einzelne Zuhälter werden Abnehmer der gewinn­bringenden lebendigen Ware bleiben, solange die Bedin­gungen fortbestehen, die Männer als ihre Käufer erscheinen lassen, die auf der anderen Seite aber auch die Verkäufe­rinnen feiler Umarmungen erzeugen.

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Es ist uns nicht möglich, im Rahmen dieses Artikels ein­gehend die sozialen Zustände darzulegen, die den Mädchen­händlern ihre Opfer ins Garn treiben. In der Hauptsache find es die nämlichen, die in den Jammer der öffentlichen und geheimen Prostitution hinabstoßen. Genosse Göhre hat eindringlich auf sie hingewiesen. Als erfolgreichster Zutreiber der Händler erweist sich die Not, denn auch Unwissenheit, Unerfahrenheit, Leichtsinn sind nur zu oft ihre Kinder.. Die fatte Tugend hat es leicht, über das hungrige Lafter des jungen Dinges den Stab zu brechen, das aus dem grauen, rauhen Einerlei seiner mühsalbeschwerten, darbenden Existenz nach etwas Freude und Genuß drängt und glänzenden Lof­fungen zu wenig Charakterstärke entgegenstellt. Die Not aber, die in hundertfältiger Gestalt die Geschäfte der Mädchen­händler besorgt, ist der Schatten des Reichtums, den die aus­gebeutete Arbeit schaffen muß, solange die kapitalistische Drd­nung dauert. Die großen Exportzentren" der gemeingefähr­lichen Burschen finden sich bezeichnenderweise in Ländern, Gegenden und Berufsgruppen, in denen sich der ausbeutende Stapitalismus noch einem ungezügelten Raubtier gleich auf die Habenichtse stürzt, weil diese selbst nicht über sein Wesen aufgeklärt sich zum bewußten Stampfe gegen ihn zusammen­geschlossen haben. Diesem Stande der Dinge entsprechend hat Genosse Göhre mit Recht betont, daß die gesetzlichen Maßregeln gegen den Mädchenhandel selbst durch eine groß­zügige soziale Reformpolitik ergänzt werden müssen. Wir fürchten jedoch stark, daß auf diesem Rhodus die wenigsten der tugendbeslissenen bürgerlichen Politiker tanzen werden, die im Namen ihrer Parteien die volle Schale ihrer sittlichen Empörung über die Mädchenhändler ausgeschüttet haben. Die Probe aufs Erempel wird der Kampf des Proletariats sein gegen Zoll- und Steuerwucher; gegen Militarismus und Im­perialismus; gegen Gesindeordnungen und Ausnahmerecht für die ländlichen Arbeiter; der Kampf für die gesicherte Koali­tionsfreiheit und die volle Demokratisierung des Wahlrechts, die Einführung des Frauenwahlrechts inbegriffen.

Das Geschick der betrogenen und betörten Opfer der Mädchenhändler ist so entsetzlich, daß wir es begrüßen, wenn es internationalen gefeßlichen Verträgen gelingt, jährlich auch nur ein Dugend von Hunderten der Bedauernswerten den Fängen ihrer Verderber zu entreißen. Allein wir verlieren nicht die Tatsache aus dem Auge, daß die kapitalistische Ord­nung, dem Ziele solcher Gesegesterte spottend, ihre Wasser weiter auf die Mühlen der skrupellosen Geldjäger treibt. So­lange diese Drdnung große Scharen von Männern in dem käuflichen Geschlechtsgenuß ein Surrogat für reine Liebe, clue Entschädigung für den Druck und den Schmutz einer Handels­ehe suchen läßt; folange sie große Scharen von Frauen zwingt, mit dem Verkauf ihres Körpers das Brot zu erwerben, das