Nr. 18

22. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich obne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jabres- Abonnement 2,60 Mart.

-

Inhaltsverzeichnis.

-

-

Stuttgart

29. Mai 1912

Scherben. Die Frau in der Industrie und Landwirtschaft Württem­bergs. III. Von m. Autorität. Von J. B. Der sozialdemo= fratische Frauentag: I. In Deutschland . II. In Österreich . Von Adelheid Popp. III . In Holland . Von Helene Ankersmit. Inter­nationaler Gruß zum Frauentag aus Schweden . Frauentag- Polizeischmach. Von Emil Unger. Aus der Bewegung: Von der Agitation.- Frauenkonferenz in Döbeln . Frauenkonferenz für Württemberg.- Politische Rundschau. Von H. B. Gewerkschaftliche Rundschau. Arbeitslosenzählung im Deutschen Textilarbeiterverband. Von k. sch. Vom Bibliothek wesen des Textilarbeiterverbandes. Von H. Kr. Christliche Dr­ganisationen. Von r. r.-

-

Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Frauenarbeit auf dem Gebiet der Industrie, des Handels und Verkehrswesens.- Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.- Soziale Gefeßgebung.- Sozialistische Frauen bewegung im Ausland. Frauenstimmrecht.- Verschiedenes.

-

Scherben.

Wilhelm II. hat sich auf Korfu vom Regieren erholt, von den ästhetischen Teekränzchen, Diners, Soupers, Reisen, Be­sichtigungen, Feiern aller Art". Er kam auf der Heimkehr nach Straßburg und erklärte dort bei einem Frühstück elsässisch­Lothringischen Volksvertretern: Wenn das so weiter geht, schlage ich Ihre Verfassung in Scherben. Bisher kennen Sie mich nur von der guten Seite. Sie dürften mich bald auch von einer andern Seite kennen lernen. Jawohl, wenn das nicht anders wird, machen wir aus Elsaß- Lothringen eine preußische Provinz."

Es ist noch kein Jahr, daß des Kaisers Regierung mit Ach und Krach für Elsaß- Lothringen eine Verfassung zusammen geleimt hat, und schon droht Wilhelm II. diese Verfassung zu zertrümmern. Warum? Weil die Elsaß- Lothringer von dieser Verfassung wirklich Gebrauch zu machen wagten. Wie es ihr gutes Recht ist, hatte die elsässische Kammer den kaiserlichen Gnadenfonds zunächst abgelehnt. Allerdings fiel das Zentrum später um, und der Gnadenfonds wurde doch noch bewilligt. Die Kammer hat weiter einen Abstrich gemacht an dem Fonds der Geheimpolizei, aus dem Spizzel und andere Ehrenmänner gespeist werden, auf deren Mitarbeit die Regierung nicht ver­zichten kann. Endlich sprachen die Abgeordneten der Regie­rung ihr Mißtrauen aus wegen ihres Verhaltens gegen die Grafenstadener Lokomotivenfabrik. Der Leiter dieses Werts, so hieß es, sollte deutschfeindliche Gesinnungen hegen und vorwiegend französisch sprechende Arbeiter beschäftigen. Die Regierung verlangte furzerhand seine Entlassung, andernfalls würden der reichsländische und der preußische Fiskus keine Bestellungen mehr bei der Fabrik machen.

Bedeutet die Drohung des Kaisers eine wirkliche Gefahr für die Verfassung Elsaß - Lothringens ? Wilhelm II. liebt große Worte, und seine Reden und Erlasse zeichnen sich weniger durch gutes Deutsch, als durch ihre manchmal unglücklich ge­wählten Bilder aus. Erklärte er nicht schon zu Beginn seiner Regierung: Wer sich mir entgegenstellt, den zerschmettere ich." Wen hat er zerschmettert? Etwa die Sozialdemokratie?

Zuschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

"

Sie zählt heute 4 Millionen Wähler. Oder die Junker, die sich ihm in Preußen entgegenstellten, als es galt den Mittellandkanal zu schaffen? Nun, die junkerlichen Kanal­rebellen sizen heute in hohen Ämtern, und einer von ihnen ziert Preußen als Polizeiminister. Die Sprache des Kaisers ist also nicht immer wörtlich zu nehmen. Ein elsässischer Reichs­tagsabgeordneter trat denn auch im Reichstag für mildernde Umstände ein, indem er erklärte: Als Bewohner eines großen Weinlandes nehmen wir Tischgespräche niemals tragisch." Die Verfassung in Elsaß- Lothringen kann ja auch vom Kaiser nur mit Zustimmung des Reichstags und des Bundesrats geändert werden. Es sei denn, Wilhelm II. schritte zum Staatsstreich, bei dem allerdings verschiedenes andere in Scherben gehen würde, als die elsaß - lothringische Verfassung allein. Doch trotz alledem sind diesmal die Worte des Kaisers ernster zu nehmen. Sie erhalten Bedeutung durch die Heße, die die reaktionäre Presse gegen Elsaß- Lothringen veranstaltet hat, bevor die Tischrede gehalten wurde. Die konservative Post", dasselbe Blatt, das im letzten Sommer von Wilhelm dem Furchtsamen, dem prahlerischen Hasenfuß" sprach, sieht jetzt im Kaiser den starken Mann und jubelt nicht umsonst: Wir hoffen, daß die Meldung von diesem Kaiserwort keine Ab­Yeugnung zu erfahren braucht,... und wir würden es im Gegenteil mit aufrichtiger Genugtuung begrüßen, wenn sich der Kaiser tatsächlich in diesem Sinne geäußert."

Bekanntlich glaubt der Kaiser, nur von seiner eignen Ein­gebung abhängig zu sein, und hält sich für ein Instrument des Himmels". Was aber die Blätter vom Schlage der" Post", Täglichen Rundschau" und" Rheinisch- Westfälischen Zeitung" schrieben, noch ehe der Kaiser nach Straßburg kam, läßt erkennen, wer diesmal das Instrument" gehandhabt hat. Die" Post" zum Beispiel hatte geschrieben: Zu retten ist unter den gegen­wärtigen Verhältnissen nicht mehr viel in Elsaß- Lothringen ; die einzige Möglichkeit, welche bleibt, ist die eines raschen und entschlossenen Handelns: Aufhebung der Verfassung und Ein­verleibung des widerspenstigen Landes in den Macht- und Zuchtbereich der preußischen Monarchie!" Hinter den Worten des Kaisers stehen also diesmal entschlossene Reaktionäre, Junker und industrielle Scharfmacher mit großer materieller und politischer Macht im Staate. Sie wehrten sich von An­fang an dagegen, daß die Elsaß- Lothringer eine freiere Ver­fassung als die Preußen erhalten sollten. Die Konservativen stimmten im Reichstage gegen die Verfassungsvorlage, und diese wurde nur mit Hilfe der sozialdemokratischen Fraktion durchgedrückt. Bei den rheinisch- westfälischen Industriellen tommt zu ihrem Haß gegen die Verfassung noch der Kampf gegen den Wettbewerb der reichsländischen Industrie. Über die Beschäftigung französisch sprechender Arbeiter regen sich ausgerechnet Junker und Großindustrielle auf, die doch jährlich Hunderttausende fremder Arbeitskräfte ins Land ziehen, um die Löhne ihrer Volksgenossen" zu drücken.

Am unangenehmsten sind des Kaisers Drohworte den Libe­ralen. Sie zwingen diese schwachrückigen Herren, entweder den ernsten Kampf gegen das persönliche Regiment an die