Nr. 21

22. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichbett erscheint alle vierzehn Tage einmal. Prets der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig.

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Inhaltsverzeichnis.

Stuttgart

10. Juli 1912

Die Frauenerwerbsarbeit im Deutschen Reiche. II.- Von der deutschen Kolonialpolitik. I. Von H. B.- Die Frauenstimmrechtsfrage in Schweden . Von Alexandra Kollontay. Von der Pforzheimer Von der Pforzheimer Schmuckindustrie. Von Else Woldt. Das Bürgerrecht der Frau in der Gemeinde vor dem preußischen Abgeordnetenhaus.- Die elfte Generalversammlung des Tertilarbeiterverbandes. Von H. Jäckel. -Der neunte Verbandstag des Deutschen Holzarbeiterverbandes.

Von fk.

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T

Aus der Bewegung: Von der Agitation. Von den Organisationen. -Eine Stonferenz der sozialdemokratischen Frauen des Bochumer Reichstagswahltreises. Politische Rundschau. Von H. B. Ge werkschaftliche Rundschau.- Aus der Textilarbeiterbewegung. Von sk. Notizenteil: Dienstbotenfrage.- Frauenstimmrecht. Die Frau in öffentlichen Amtern.

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Die Frauenerwerbsarbeit im Deutschen Reiche.

II.

Eine der auffälligsten allgemeinen Entwicklungserschei­nungen des deutschen Wirtschaftslebens, auf die gerade die Frauenarbeit den Blick zwingt, ist die überflüge lung der Landwirtschaft durch Industrie, Handel und Verkehr. Der Anteil der Landwirt­schaft am Wirtschaftsleben im Reiche ist zurückgegangen, die Bevölkerungsgruppe ist kleiner geworden, für die die landwirtschaftliche Erwerbsarbeit im Hauptberuf die Quelle des Einkommens, des Unterhaltes bildet. Die Entwicklung der Industrie Bergbau und Baugewerbe inbegriffen, des Handels und Verkehrs weist dagegen genau die entgegengesetzten Tatsachen auf. Faßt man zuerst die Zahlen über die landwirtschaftliche Frauenarbeit in den drei Vergleichsjahren allein ins Auge, so könnte man auf das Gegenteil schließen. Zumal wenn man es mit der Auffassung hält, durch die manche bürgerliche Gelehrte und Sozialreformer konservative Gemüter beruhigen. Nämlich daß das starke Vordringen der Frauenarbeit in der Haupt­sache immer die Ausdehnung und Blüte eines Erwerbs­gebiets anzeige und zum Ausdruck bringe, die dafür verfüg­baren männlichen Arbeitskräfte seien nicht ausreichend, das Bedürfnis, die Nachfrage der Volkswirtschaft" zu decken. Die gewaltige Zunahme. der Frauenarbeit kündet in der Landwirtschaft nicht wie in der Industrie, in Handel und Verkehr die Erweiterung, den Aufschwung des Wirtschafts­gebiets. Sie tritt vielmehr auf als ein Zeichen seiner sinken­den Bedeutung. Denn sie ist hier nicht wie dort von dem Zuwachs der männlichen Erwerbstätigen und der gesamten Bevölkerung begleitet, die von der Landwirtschaft lebt.

Die landwirtschaftliche Bevölkerung des Deutschen Reiches ist von Berufszählung zu Berufszählung wie folgt ab­solut und erheblich zurückgegangen: 1882: 19 225 455; 1895: 18 501 307; 1907: 17 681 176. Den Gegensatz dazu bildet das sehr beträchtliche Anwachsen der Bevölkerung in der Industrie, in Handel und

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Zuschriften an die Redaktion der Gleichbett find zu richten an Frau Klara Zetkin ( 3undel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

Verkehr. Die industrielle Bevölkerung betrug in den Zäh­lungsjahren 16 058 080, 20 253 241, 26 386 537; die bon Handel und Verkehr lebende Einwohnerschaft 4 531 080, 5 966 846, 8 278 239. Bei der Zählung von 1882 war die in­dustrielle Bevölkerung mit 16,06 Millionen noch um 3,17 Millionen fleiner als die landwirtschaftliche, 1907 aber hat sie diese bereits um 8,7 Millionen überflügelt. Rechnen wir die Einwohnerschaft Deutschlands zusammen, die die Grund­lage ihrer Existenz in Industrie, Handel und Verkehr hat, so ergibt sich, daß sie von 1882 bis 1907 von rund 20,5 Mil­lionen auf 34,6 Millionen angewachsen ist: um 14 075 616, während die landwirtschaftliche Bevölkerung in der Ver­gleichszeit um 1544 279 Personen abgenommen hat. Das Verhältnis der betreffenden Bevölkerungsgruppen zuein­ander hat sich geradezu umgekehrt. Vom Hundert der Reichs­bevölkerung entfielen auf

1882 1895 1907

.

.

Landwirtschaft Industrie Handel und Verkehr

42,52

35,51

35,74

39,12

28,65

42,75

10,02

11,52

13,42

1882 bezogen noch stark zwei Fünftel der deutschen Be­völkerung ihren Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft, 1907 aber nur noch fast zwei Siebtel, dagegen gewannen ihn mehr als zwei Fünftel in der Industrie und über ein Achtel in Handel und Verkehr.

Der vollzogene Umschwung ist offensichtlich, zeigt aber erst in Zusammenhang mit anderen Tatsachen seine ganze Be­deutung. Auch die Zahl der im Hauptberuf Er­ werbstätigen hat sich in den drei großen Wirtschafts­gebieten in der gleichen Richtung verändert wie die Zahl der betreffenden Gesamtbevölkerung. Von 100 hauptberuflich Erwerbstätigen überhaupt waren beschäftigt in

Landwirtschaft Industrie Handel und Verkehr 8,27

1882 1895 1907

.

43,38

33,64

·

.

36,19

36,14

32,69

37,21

10,21

11,50

Sieht man von den hauptberuflich Erwerbstätigen in den drei Gruppen der Statistik D, E und F ab- Häusliche Dienste und Lohnarbeit wechselnder Art; Armee-, Staats-, Gemeindedienst usw.; Ohne Beruf und Berufsangabe- und stellt nur diejenigen in Landwirtschaft, Industrie, Handel und Verkehr in Anrechnung, so tritt es noch greifbarer zu­tage, daß die Landwirtschaft die frühere führende Rolle für das Erwerbsleben in Deutschland verloren hat. In den drei Wirt­schaftsgebieten zusammen famen auf 100 Erwerbstätige im Hauptberuf auf

bie Landwirtschaft

1882 1895 1907

48,29

.

41,37 33,78

Industrie, Handel und Verkehr

51,71

58,63

66,22

Machten die Hauptberuflich Erwerbstätigen in der Land­wirtschaft 1882 nahezu die Hälfte aller Erwerbstätigen der