Nr. 5
Die Gleichheit
tariats trat Genossin Zieß scharf entgegen. Wer behaupte, daß die große Kinderzahl die Ursache des proletarischen Elends sei, der bringe Verwirrung in die Reihen der Arbeiterklasse und mache sich geradezu eines Verbrechens schuldig, denn er lente von un= seren Organisationen und ihrer Arbeit ab. Nicht die große Kinderzahl, die kapitalistische Ausbeutung sei die Ursache der Not in den werftätigen Massen. Diese Ursache zu bekämpfen, sei und bleibe unsere Aufgabe. Die Einschränfung der Kinderzahl könne die Lage der einzelnen Frau, der einzelnen Familie etwas verbessern, die Gesamtlage der Arbeiterklasse vermöge sie nicht zu heben. Was Privatsache sei, dürfe nicht aur Parteiangelegenheit gemacht werden.
An der Diskussion beteiligten sich die Genossinnen Güldner, Bohm- Schuch, Dunder, Wurm, Reichert und die Genossen Düwell und Ernst. Die beiden erstgenannten Genossinnen lehnten zwar ab, den Gebärstreik als revolutionäre Kampfeswaffe zu betrachten, legten aber der Beschränkung der Kinderzahl auch für die Klassenlage der Arbeiter und insbesondere für die Beteiligung der Frauen an der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung eine größere Bedeutung bei, als dies Genossin Zieh getan hatte. Genossin Güldner meinte, alle Arbeiterinnen müßten auf die Möglichkeit, ja Notwendigkeit hingewiesen werden, die Kinderzahl zu beschränken. Genossin BohmSchuch befürwortete die Erörterung der Frage in der größten Öffentlichkeit, damit die Massen über den kulturellen Wert der gewollten Geburtenbeschränkung aufgeklärt würden. Nachdrücklich vertraten die Genossinnen Dunder, Wurm und Reichert den Etandpunkt, daß die Beschränkung der Kinderzahl Privatsache sei und daß die Partei energisch der verwirrenden Agitation entgegentreten müsse, die sie zur Parteifache machen wolle. Die Debatte war zum Teil recht lebhaft, doch ließ das Schlußwort von Genossin Zie hervortreten, daß in der Hauptsache die Meinungen nicht allzu weit auseinandergingen.
Der zweite Teil der Tagesordnung galt der Frage: Wie ge= winnen wir die weibliche Jugend?" Genoffin Wurm erstattete dazu das Referat, das wir bei der großen praktischen Bedeutung der Frage in der nächsten Nummer ausführlicher wiedergeben, als uns das heute möglich wäre. Die Grundgedanken sind in dieser Resolution zusammengefaßt:
" Die am 16. November 1913 im Gewerkschaftshaus zu Berlin tagende Bezirkskonferenz der Frauen von Groß- Berlin erklärt es als eine dringende Aufgabe der organisierten Arbeiterschaft, die weibliche Jugend der Freien Jugendbewegung zuzuführen, damit die künftigen Mütter des Proletariats auch die klassen= bewußten Gefährtinnen ihrer Männer, die klassenbewußten Erzicherinnen ihrer Kinder werden.
Wie schon seit langer Zeit die Kirche, so sucht jetzt auch der Staat auf die jungen Proletarierinnen Einfluß zu gewinnen, um sie ihrer Klasse zu entfremden, ja, sie zu Feindinnen gegen diese zu erziehen. Dazu sollen neuerdings auch die Pflichtfortbildungsschulen helfen, welche seit 1. April 1913 durch Gemeindebeschluß hier in Berlin für Mädchen errichtet worden sind.
Je mehr die herrschenden Klassen sich bemühen, alle Mittel des Klassenstaats, zu denen vor allen anderen die Schule gehört, zur Verfolgung ihrer arbeiterfeindlichen Zwecke auszunuben, um so mehr ist es auch hier Aufgabe der aufgeklärten Arbeiterschaft, den jungen Arbeiterinnen und ihren Müttern zu zeigen, wie wenig die heutige Schule den berechtigten Ansprüchen der gesamten Arbeiterjugend auf Wissen und Fortbildung entspricht.
Aber auch alle anderen Maßnahmen des Staates und der Gemeinde zur förperlichen und geistigen Entwicklung der weiblichen Jugend sind ungenügend.
Deshalb empfehlen wir:
1. Eifrige Verbreitung der Arbeiter- Jugend' als bestes Kampfmittel gegen die Schundliteratur.
2. Anregung der Jugendlichen, auch durch ihre Mütter, die vorhandenen Jugendbibliotheken so viel wie möglich zu benuten.
3. Erhöhte Teilnahme der weiblichen Jugend an den gemeinsamen Veranstaltungen der Freien Jugendbewegung. 4. Reger Besuch der Arbeiter- Jugendheime.
5. Eine umfassende freiwillige Mitarbeit der Genossinnen von Groß- Berlin innerhalb der proletarischen Jugendbewegung."
Die Resolution tam einstimmig zur Annahme. In den Debatten pflichteten Genoffin Bohm- Schuch und Genosse Weimann, Sekretär der Jugendbewegung, auf Grund ihrer Erfahrungen den Gedankengängen und Forderungen des Vortrags durchaus bei. Genossin 8ietz erklärte, daß sie über die weibliche Eigenart
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und ihre Berücksichtigung durch besondere Beranstaltungen für Mädchen etwas anderer Auffassung sei als Genossin Wurm. Sie verwies des weiteren darauf, daß eine regere Fühlung zwischen den Kinderschutzkommissionen und der Jugendbewe gung herbeigeführt werden müsse. Von Genossin Bauer= meister wurde bedauert, daß wir für unsere Jugendbestrebungen noch nicht genügend Verständnis und Vertrauen bei den Arbeiterfrauen gefunden hätten. Die Aufklärung der weiblichen Jugend bereite der Schulung der Frauen die Bahn.
Genossin Arendsee hielt das Referat zum dritten Punkt der Tagesordnung: Wie gewinnen wir die unverhei ratete Arbeiterin?" Sie legte dar, daß unsere Agitation zur politischen Organisierung der Proletarierinnen sich namentlich an die Arbeiterfrauen und-mütter wende, dagegen nur ungenügend die ledigen Arbeiterinnen erfasse. Ein Beweis dafür sei es, daß die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnen um annähernd 50 000 größer sei als die unserer weiblichen Parteimitglieder. Man müsse eingedenk sein, daß die Berufsarbeit der Frau ständig und rasch wächst und immer neue Gebiete erobert. So würden zum Beispiel jest Arbeiterinnen an der Drehbank als Revolverdreherinnen beschäftigt. Wir müßten uns mehr als bisher an die Proletarierin als Arbeiterin, als Berufstätige wenden. In den Fabriken, Werkstätten und Bureaus habe unsere Propaganda einzufeßen und Aufklärung über die wirtschaftlichen Verhältnisse zu bringen. Dazu bedürften wir geeigneten Materials, das die Arbeits- und Existenzbedingungen der verschiedenen Arten erwerbender Frauen berücksichtigt. Notwendig sei auch, daß die Arbeiter, Handlungsgehilfen usw. in ihrem täglichen Berkehr mit den Berufsgenossinnen beweisen, daß sie diese als gleichwertige Kampfesgefährtinnen achten und daß sie um ihre Aufklärung bemüht sind.
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In der kurzen Debatte pflichtete Genossin Güldner den Darlegungen der Genossin Arendsee bei. Mißstände bei Wertheim und anderen Firmen wurden von Genoffin Bed gegeißelt. Genossin Zietz versprach Material- Flugblätter und Schriften. die Agitation unter den weiblichen Erwerbstätigen der verschiedenen Berufsgruppen. Parteivorstand und Parteiausschuß haben sich schon mit dieser Agitation beschäftigt und ihre tatkräftige Förderung in Aussicht genommen. Einstimmig wurde diese Refolution angenommen:
„ Aus der Erkenntnis, daß für den Kampf des Proletariats die Gewinnung der Arbeiterinnen unbedingt notwendig ist, fordert die Frauenkonferenz Groß- Berlins die Parteigenossen und -genossinnen auf, in Fabriken, Werkstätten und in der Familie mehr wie bisher in diesem Sinne tätig zu sein und alles daran zu setzen, die Arbeiterinnen den Parteiorganisationen zuzuführen.
Von den Parteiorganisationen erwartet die Frauenkonferenz, daß sie geeignete Maßnahmen zur Propaganda unter den Arbeiterinnen trifft."
Genosse Ernst schloß die Tagung mit dem Wunsche, daß mit frischer Kraft und alter Treue im Sinne der Anregungen ge= arbeitet werden möge, die das Ergebnis der Aussprache seien. Dem großen Ziel zu Nuk und Frommen, dem die proletarische Frauenbewegung diene.
Aus der Bewegung.
X.
Bericht der Magdeburger Kinderschutzkommiffion. Unsere Kinderschutzkommission hat ein arbeitsreiches Jahr hinter sich. Sie hat sich mit vielen Fällen von Ausbeutung, Mißhandlung, Verwahrlosung von Kindern, ja sogar von Sittlichkeitsverbrechen gegen unglückselige Kleine beschäftigen müssen. Teils hat die Kommission versucht, in Güte für die Interessen der Kinder einzutreten, verschiedentlich sah sie sich jedoch dazu gezwungen, behördliche Hilfe anzurufen. Drei Genossinnen der Kommission nahmen an den Sizungen im Fürsorgeamt teil, um die von uns festgestellten Fälle zu vertreten, wo dessen Eingreifen nötig erscheint. In jedem Bezirk halten unsere Mitarbeiterinnen vierteljährlich in den Morgenstunden Kontrolle ab, um festzustellen, wo Kinder gefezwidrig mit dem Austragen von Milch, Gebäd, Zeitungen usw. beschäftigt werden. Die Kommission ließ sich angelegen sein, den ausgebeuteten Kindern zu ihrem Recht zu verhelfen. Dabei stellen sich ihr viele Schwierigkeiten entgegen, doch hoffen wir, daß wir ihrer Herr werden und immer mehr die Möglichkeit erlangen, die verwüstende Kinderausbeutung zu bekämpfen. Die Kommission hat in dem letzten Sommer drei Ausflüge für proletarische Kinder veranstaltet. Der erste, ein Halbtagsausflug, vereinigte 1500 Kinder. Es wurden dabei für 20 Mt. Zwieback, 60 Kuchen, 80