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Die Gleichheit

Recht entdecken können. Die bevorstehende Reform des Straf­gesetzbuchs kann dem Schutz der Arbeitswilligen gegen den ge­werkschaftlichen Terrorismus dienstbar gemacht werden.

Jedoch, so beachtenswert all diese Bekundungen sind, sie treten an Bedeutung hinter den parlamentarischen Vorgängen zurück, die sich um den Fall Zabern " mit seinem politischen Drum und Dran abgespielt haben. Dieser Fall selbst war ein­fach genug. Es bedurfte weder langwieriger Untersuchung noch besonderer Geistesschärfe, um über seine Wesenheit ins Reine zu kommen. In Zabern hatte die Militärgewalt die bürgerliche Gewalt beiseite geschoben. Frech, brutal, ohne viel Federlesens mit der bürgerlichen Ordnung, dem bürgerlichen Gesetz. Widergesetzlich verhaftete Rechtsanwälte und Land­richter wurden gleichsam zum Symbol des Rechtsbruchs. Der Militarismus hatte die Verfassung zerrissen, mit Füßen ge­treten oder wenigstens den papierenen Schein einer Konstitu­tion, mit dem sich das deutsche Bürgertum sättigt.

Mußte nicht die Regierung des Reiches und, wenn sie ver­jagte, der Reichstag zum Schuße des vergewaltigten Balla­diums handeln? Sicherlich! Zornig rauschten es die bürger­lichen Blätter, mit Ausnahme der konservativen, mit leiden­schaftlichen Gebärden beschworen es die bürgerlichen Bier­philister. Der große Tag der Abrechnung im Reichstag fam. Der Militarismus verschmähte es, der erwählten Vertretung des deutschen Volkes auch nur die armseligste Kupfermünze eines höflichen Entschuldigungsgestammels zuzuwerfen. Er trat als der Herr und Gebieter auf. Wie der Leutnant den lahmen Schuster in Zabern , so traktierte der Kriegsminister die Zivil­kanaille im Reichstag. Er rechtfertigte die Diktatur des hauen­den Säbels, der schießenden Flinte. Und der Reichskanzler, der oberste verantwortliche Leiter der deutschen Politik, trat als Handlanger neben den Kriegsminister. Er fegte die Ver­fassung als alten Papierwisch beiseite und erhob den Offizier in des Königs Rock zur obersten richtenden und rächenden Gewalt. Ob sie wollten oder nicht, Liberale und Zentrümler wurden vom Militarismus und seinem bureaukratischen Hausgesinde an die Seite der Volkspartei und Sozialdemo­fratie zum Protest gestoßen. Mit erdrückender Mehrheit sprach der Reichstag in aller Form dem Reichskanzler sein Miß­trauen aus.

Hoffnungsselige Gemüter schwärmten kindlich von einer Verfassungskrise, von der unvermeidlichen Abdankung des Reichskanzlers, von dem frisch- fröhlichen Kampfe einer parla­mentarischen Mehrheit gegen die militärische Diktatur und den Scheinkonstitutionalismus, für die Machtsicherung und Machterweiterung des Reichstags. Rascher fast als das graue

Elend des Aſchermittwochs ist das klägliche Ende solcher Selbst­

täuschungen gekommen. Die bürgerliche Mehrheit hat es halb angstschlotternd, halb entrüstet zurückgewiesen, sich wie ein Mann mit der Sozialdemokratie gegen Säbelregiment und Absolutismus zu erheben. Sie denkt nicht daran, dem Kanzler den Etat zu verweigern; sie hat nicht den Willen zur parla­mentarischen Macht, der den Kanzler aus einem Diener des Kaisers in einen Beauftragten der Volksvertretung ver­wandelt, der von dieser zum Teufel geschickt werden kann, wenn er ihr Vertrauen nicht mehr besitzt.

Dröhnende Worte und große Gesten können über den Aus­gang des Falles Babern nicht trügen. Es ist der Triumph des Militarismus und des Absolutismus. Es ist der Verzicht des Reichstags auf Würde und Macht. In der Zeit des Im­perialismus sind die besitzenden und ausbeutenden Klassen weder willens noch fähig, auch nur für die Demokratie im bürgerlichen Sinne zu kämpfen ,,, Und das, nachdem wir die Wehrvorlage bewilligt haben!" Mit diesem Stoßfeufzer rieben sich bürgerliche liberale Abgeordnete die Wange, auf der die Ohrfeigen des Kriegsministers und des Reichskanz­lers brannten. ,, Auch das noch, gerade weil ihr die Wehrvor­lage bewilligt habt", erklärt die Logik der geschichtlichen Dinge. Die Kapitalistenklassen Deutschlands , die ohne den Imperialismus nicht mehr leben können und die vor dem Sozialismus zittern, vermögen den goldbetreßten Säbel­

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helden so wenig zu missen wie den Herrscher von Gottes Gnaden. Das hat der Theaterdonner gegen das persönliche Regiment in den Novembertagen 1908 gezeigt, und das be­rühmte Wort von dem Leutnant mit den zehn Mann hat es bestätigt. Das ist auch der unzweideutige Sinn der letzten parlamentarischen Auseinanderseßung über Säbelregiment, Nebenregierung, Konstitutionalismus und Parlamentarismus. Es bleibt deshalb ein aussichtsloses Beginnen, wenn sozial­demokratische Abgeordnete den bürgerlichen Parteien wohl­meinend und verständig zureden, den oppositionellen Worten Zaten folgen zu lassen, im eigensten Interesse der bürger­lichen Klassen das Recht und die Macht des Parlaments gegen Militärwillkür und selbstherrliche Regiererei durchzu­setzen. Die Klassen der Besitzenden und ihre politischen Ver­treter wissen mit dem feinen Instinkt der Herrschgewohnten und in ihrer Gewalt Bedrohten, was ihren Interessen frommt. Und wenn die Sozialdemokraten zu ihnen mit Engelzungen reden würden, die bürgerlichen Parteien ließen sich in dieser geschichtlichen Stunde nicht mehr zum Kampfe für die Demo­fratie bekehren. Aber die arbeitenden Massen, die noch in der Gefolgschaft des Zentrums und der Liberalen aller Schattie­rungen laufen? Die Sozialdemokratie gewinnt sie um so sicherer, je grundsätzlicher und schärfer sie sich in ihrem Auf­treten von den bürgerlichen Parteien unterscheidet, die wegen des kapitalistischen Profits und der ersehnten Ewigkeit der kapitalistischen Herrschaft das Recht und Wohl des Volkes unter die Füße stampfen.

Im deutschen Reichstag gibt es bereits heute keine Majori­tät mehr, die einen lebenskräftigen Parlamentarismus will, gibt es dagegen vielleicht morgen schon eine Mehrheit, die den Parlamentarismus durch Verschandlung des Wahlrechts, durch Verstärkung der Regierungsgewalt noch weiter ent­wertet. Lieber den Umsturz von oben als den Umsturz von unten, das ist die Losung der besitzenden Klassen im Reiche. Die tragende Kraft des Kampfes gegen Baberner Zustände und Donaueschinger Jagdabenteuer liegt in den ausgebeu­teten Massen außerhalb des Reichstags. Der Kampf wird erst siegreich, wenn das Proletariat mit der Faust auf den Tisch schlägt und quod egos ruft. Ohne diese Tat wird die Re­aktion auch die phrasenreichste Entrüstung der bürgerlichen Parlamentarier und die schönsten Mißtrauensvoten mit dem verachtungsvollen Wort abtun, das von dem allerhöchsten Kunstverständigen im Reiche gegen die Kritiker des Archi­teften v. Ihne gefallen sein soll: Die Hunde bellen, der Wagen geht weiter."

Die Gewinnung der weiblichen Jugend.

Referat von Mathilde Wurm , gehalten auf der Frauenkonferenz von Groß- Berlin am 16. November 1913.

( Schluß.)

Nehmen wir an, es seien in den drei lezten Jahren rund 80 000 Gemeindeschüler in Berlin entlassen wor­den, ungefähr 38 000 na ben und 42 000 Mädchen, zweifellos zu 90 Prozent Arbeiterkinder. Machen wir uns klar, wie viele von diesen für die proletarische Jugend­bewegung gewonnen wurden, so läßt das Resultat noch recht viel zu wünschen übrig. Der beste Maßstab hierfür ist die Abonnentenzahl der Arbeiterjugend" nach dem Be­richt der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutsch­ lands für das Jahr 1912/13. Danach hatte Berlin allein 13 475 Abonnenten der Arbeiterjugend", Teltow Bees­tow mit 15 Orten 2454 und Niederbarnim mit 13 Orten 1188. Gemessen an den 80 000 jungen Proletariern von 14 bis 18 Jahren bedeutet die Zahl von 13 475 Abonnenten der Arbeiterjugend" nicht mehr als 16,8 Prozent derer, die wir haben müßten. Daß davon nur ein winziger Teil meib­liche Abonnenten sind, weiß jeder, der die Bewegung mit Aufmerksamkeit verfolgt. Etwas erfreulicher erscheint ja das Ergebnis, wenn wir die Zahl der organisierten Bar­teimitglieder mit der Abonnentenzahl der Ar­beiterjugend" vergleichen. Nach dem letzten Jahresbericht zählt