Nr. 24

25. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mr ven Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart.

Inhaltsverzeichnis.

Stuttgart 20. August 1915

Genossin Zetkin verhaftet! Die neuen Höchstpreise. - Zwei Grund­fragen der sozialen Fürsorge für Kriegerwitwen und Krieger­waisen. V. Zur Soziologie des Krieges. Von Frizz Röttcher. ( Fortsetzung.)

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Aus der Bewegung: Klara Wehmann t.- Von den Organisationen: Bericht über die Tätigkeit der organisierten Genossinnen des 16. sächsischen Reichstagswahlkreises. Frauenkonferenz in Chem niz. Politische Rundschau. Notizenteil: Burgfrieden. Für den Frieden.- Sozialistische Frauenbewegung im Ausland. Frauen in öffentlichen Ämtern.

Genossin Zetkin verhaftet!

Genossin Zetkin , seit 24 Jahren leitende Redakteurin an der Gleichheit", wurde am Donnerstag, den 29. Juli, in ihrer Wohnung, Wilhelmshöhe bei Stuttgart , verhaftet und am selben Tage noch nach Karlsruhe ins Untersuchungsgefängnis über­führt. Vorher hatte in ihrer Wohnung und in den Redaktions­räumen der ,, Gleichheit" eine ergebnislose Haussuchung statt­gefunden, die mehrere Stunden dauerte. Auch eine junge Ge­nossin, die auf der Redaktion tätig ist, wurde einem einstündigen Verhör durch den Untersuchungsrichter unterworfen.

Wie bekannt, befinden sich in Karlsruhe seit etwa zwei Mo­naten eine Anzahl Genossen in Untersuchungshaft wegen an­geblicher Verbreitung des Aufrufs der internationalen Frauen konferenz in Bern . Man will nun offenbar Genossin Zetkin für die Verbreitung dieses Aufrufs verantwortlich machen.

Genossin Zetkin steht seit Jahrzehnten als unbeugsame Vor­kämpferin in der vordersten Reihe der internationalen Sozial­demokratie. Ihr ganzes Leben ist der Erringung des Sozialis­mus gewidmet, der Herbeiführung dauernden Völkerfriedens und einer echten, allesumfassenden Menschheitskultur. Nur von dieser hohen Warte aus kann ihr Wirken beurteilt werden. Ihr Name genießt Weltruf nicht bloß bei dem sozialistischen Proletariat, nein weit hinein in die Kreise des fortschrittlich gesinnten Bürgertums in allen Ländern.

Zuschriften sind zu richten

an die Redaktion der Gleichheit, Wilhelmshöhe, Post Deger­loch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

Die neuen Höchstpreise.

Wenn irgend ein Ereignis geeignet war, den Frauen die Augen zu öffnen über die Wichtigkeit politischer Rechte und gesetzgeberischer Mitbestimmung, so waren es die Vorgänge auf dem Lebensmittelmarkt seit Anfang des Krieges im August letzten Jahres. Jede einzelne Hausmutter, zumal jede prole­tarische Hausmutter erhielt hier einen drastischen Anschauungs­unterricht, wohin die Dinge treiben, wenn man die Regelung der Lebensmittelversorgung und der Preise dem ,, freien Spiel der Kräfte" im Wirtschaftsleben überläßt. Männer der Wissen­schaft wie auch die Regierungen mußten zugeben, daß ohne einen Eingriff des Staates die Verhältnisse auf dem Lebens­mittelmarkt zur Katastrophe geführt hätten, daß die in den Kriegszeiten besonders üppig wuchernde Spekulation nahe daran war, die Ernährung und damit den Bestand des ganzen Volkes zu untergraben. Umsonst versuchte man durch einen Appell an den Patriotismus der Produzenten und Händler der un­heilvollen Entwicklung zu steuern. Die ganze, bisher planlose Lebensmittelerzeugung durch Tausende großer und kleiner Privatunternehmer, die Verteilung und Verarbeitung der Lebensmittel durch unzählige private Händler, Fabrikanten und Kleinmeister boten den willkürlichen und unwillkürlichen Preistreibereien viel zu viel Gelegenheit und Spielraum. Erst nachdem die Preise der wichtigsten Lebensmittel fast uner­schwinglich geworden waren, und die militärische Stärke des Retches darunter zu leiden drohte, da griff die Regierung ein und milderte durch Zwangsmaßnahmen einige der schlimmsten Auswüchse. Die Maßnahmen kamen für die unbemittelten Schich­ten reichlich spät und griffen bei weitem nicht genügend durch. Der Grundpreis für Roggen wurde zum Beispiel im Herbst 1914 auf 220 Mr., für Weizen auf 260,50 mt. pro Tonne fest­gesetzt. Das war rund 30 Mt. mehr als der höchste Preis, den diese Getreidearten im Laufe der letzten zehn Jahre je­mals erreicht hatten. Diese Höchstpreise stiegen aber vom 1. Januar 1915 ab je am 1. und 15. des Monats um 1,50 Mr. pro Tonne.

Trotzdem fanden sich, als die neue Ernte herannahte, eine Reihe Produzenten und Wirtschaftsverbände, die eine aber­malige Erhöhung der Höchstpreise verlangten und diese Forde­rung mit erhöhten Produktionskosten begründeten. Solche Forde­rungen mußten in den breiten Massen des arbeitenden Volkes um so mehr beunruhigend wirken, als die bisherigen Höchst­preise auf die erhöhten Produktionskosten übergenug Rücksicht nahmen und die unbemittelten Bevölkerungsschichten bereits an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt waren. Die ,, Gleichheit" hat in der letzten Nummer ausführlich zu den Forderungen der Produzenten Stellung genommen und die Interessen des Proletariats, zumal der proletarischen Haus­frauen dargelegt.

Nun hat der Bundesrat gesprochen. Die Getreidehöchstpreise für das kommende Jahr sind festgelegt. Im Prinzip ist von einer Preiserhöhung für Roggen und Weizen abgesehen wor­den. Der Grundpreis von 220 mt. pro Tonne Noggen für