Nr. 5

26. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart.

Inhaltsverzeichnis.

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Stuttgart

26. November 1915

Der Krieg gegen die Teuerung. Parteivorstand und Barteiaus­schuß zur Lebensmittelteuerung. Von Luise Zietz . Die sozia listische Frauenbewegung in Bulgarien im Jahre 1914/15. Von Tina Kirkow. Aus der Bewegung: Von den Organisationen. Gewerkschaftliche Rundschau. Genossenschaftliche Rundschau. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Für den Frieden. Arbeitslosigkeit der weiblichen Erwerbstätigen. Frauenstimmrecht. Frauenarbeit.

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Der Krieg gegen die Teuerung.

Während draußen an den Grenzen und im fremden Lande die Söhne des Volfes ihr Blut vergießen, frißt daheim die Teuerung an dem Marke der arbeitenden, unbemittelten Schichten. Kaum ein Nahrungsmittel, kaum ein Gebrauchs­gegenstand, der nicht um die Hälfte, um das Doppelte, ja Dreifache im Preise gestiegen ist. Reichte sonst das Einkom­men der Arbeiterfamilie eben hin, um sich notdürftig durchs Leben zu schlagen, so ist heute die Unterernährung von Mil­lionen, zumal der heranwachsenden Arbeiterkinder eine offen­fundige Tatsache. Keine noch so reaktionäre Zeitung, feine Behörde von Verantwortlichkeitsgefühl, keine öffentliche Kör­perschaft bringt es über sich, sie zu verkleinern, geschweige denn wegzuleugnen.

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Die Teuerung ist nur zum Teil eine Folge des Wirtschafts­trieges, der von allen miteinander ringenden Staaten nach Maßgabe ihrer Kräfte und Möglichkeiten gleich rücksichtslos geführt wird. Gewiß hat der Krieg ungeheure Mengen Le­bensmittel, Rohstoffe und Fabrikate jeder Art vernichtet, ver­derben lassen oder von unseren Grenzen ferngehalten. Er hat auch die Herstellungskosten des Bedarfs gesteigert, indem er den ganzen Prozeß der Gütererzeugung schwieriger und um­ständlicher gestaltete. Trotzdem hat sich die Organisation der heutigen Wirtschaft dauerhafter und leistungsfähiger er­wiesen, als selbst Fachleute zu prophezeien wagten. Wenn heute in Deutschland wie in den anderen kriegführenden Staaten und auch in den neutralen Ländern eine uner­trägliche Teuerung herrscht und die Volksmassen tief auf wühlt, so ist daran tein absoluter Mangel an Le­bensmitteln schuld. Was bei uns vorhanden ist, reicht zur Er­nährung auch des lezten Säuglings, vorausgesetzt, daß die Vorräte nach den vorhandenen Bedürfnissen räumlich ver­teilt und der Konsum pro Kopf geregelt wird. Die einheit liche Reichsgetreideversorgung beweist das trotz aller ihr an­haftenden Mängel. Bei Kartoffeln und Zucker, die Deutsch­ land zur Genüge erzeugt, wäre dieselbe Maßnahme mög­lich gewesen. Fleisch, Milch und Fette wurden früher nur in verhältnismäßig geringer Menge vom Ausland eingeführt, auch hier hätte also ein rasches, fachmännisches und energi­sches Eingreifen der Zentralregierung eine befriedigende Lösung finden können.

Schritt für Schritt sieht sich der Bundesrat jetzt gezwungen, Maßnahmen anzuordnen, die, vor einem Jahre getroffen, imstande gewesen wären, die Teuerung wenigstens in erträg. lichen Schranken zu halten. Beschlagnahme aller wichtigen

Suschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart . Die Erpedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

Lebensmittel und mäßige Höchstpreise hatten Sozialdemo­kratie und Gewerkschaften gleich zu Anfang des Krieges von der Reichsregierung gefordert. Die Preise standen schon vor dem Kriege wahrlich hoch genug. Selbst angesichts der gestei­gerten Produktionskosten wären Erzeuger, verarbeitende In­dustrie und Händler in ihrem Profit nicht zu kurz gekommen. Man konnte ja mit Recht von dem Patriotismus dieser Be­völkerungsgruppen erwarten, daß er sich während dieser Not­zeit mit geringeren Dividenden und mäßigen Gewinnen zu­frieden geben würde. Auch die Regierung war dieser Ansicht und appellierte an die Vaterlandsliebe und an das soziale Verantwortlichkeitsgefühl der Kapitalisten.

Sie wagte nicht, die Grundlage der bürgerlichen Wirtschaft anzutasten, die freie Konkurrenz und die freie Verfügung über das Privateigentum. Sie wußte freilich aus tausend ge­schichtlichen Beispielen, daß mit dem Augenblick des Kriegs­ausbruchs, mit dem Aufhören der ausländischen Einfuhr: mit dem Stocker des Verkehrs, mit der steigenden Nervosität des kaufenden Publikums, bei dem rücksichtslosen Egoismus vieler Besitzenden ein Steigen der Preise unfehlbar eintreten müsse. Der freie Markt, der schon in Friedenszeiten eine planlos schwankende Größe ist, mußte unvermeidlich in Un­ordnung geraten. Die Regierung wußte auch, daß diese Un­ordnung, daß die Stockungen, Verwirrungen der Produktion an allen Orten zu Preistreibereien ausgenutzt werden wür­den. Mit der Sicherheit eines Naturgesezes! Und zwar nicht allein von den sogenannten Wucherern"! Der Wucherer" treibt bloß im großen, mit frecher Gewissenlosigkeit, was Tausende andere, an die mit Recht und Gesezesparagraphen nicht heranzukommen ist, im kleinen, vorsichtig, oft gegen ihr besseres Wollen getrieben haben und treiben. Nachdem ein­mal die Preise gestiegen sind, müßte der Fabrikant, der Händler, der Landwirt kein Geschäftsmann sein, wenn er nicht auch jene Vorräte teuer absetzte, die er noch zu den alten Bedingungen erzeugt oder eingekauft hat. Er hält damit nur die allgemeine kaufmännische Gepflogenheit fest. Es fällt auch niemand ein, dem kapitalistisch Wirtschaftenden daraus einen Strick zu drehen. Er muß ja mit der Konkurrenz Schritt halten, und zumal der kleinere Produzent oder Krämer han. delt hierbei unter wirtschaftlichem Zwang. Es ist also gut und billig, wenn man heute mit aller Schärfe gegen den aus. gemachten Wucherer" einschreitet. Wer aber wirklich helfen will, muß tiefer greifen.

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Beschlagnahme der wichtigsten Lebensmittel, mäßige Höchst. preise und einheitliche Regelung des Verbrauchs im ganzen Reiche wären gleich zu Anfang des Krieges die gegebenen Maßnahmen gewesen. Das waren durchaus keine sozialisti­schen, ja nicht einmal besondere Arbeiterforderungen". Die Maßnahmen lagen ganz allgemein im Interesse von min­destens 80 Prozent der deutschen Bevölkerung, aller jener Personen, die weder Eigentümer ausreichender Produktions­mittel sind, noch als Inhaber von Aktien, Hypotheken und sonstigen Wertpapieren an dem steigenden Kapitalprofit be­teiligt sind. Warum ist die Regierung nur so zögernd und so