Nr. 27

Die Gleichheit

zerischen Proletarierinnen wirft. Die organisierten Genoffinnen wenden den Teuerungsverhältnissen ihre volle Aufmerksamkeit zu, bestreben sich, die Frauen über die Ursachen des übels aufzu­flären und die Energie der Massen auf die Forderung der mög­lichen Milderungsmaßnahmen zu richten. Die Vorsitzende des Arbeiterinnenverbandes, Genoffin Bloch, wurde am 31. Juli vom Bundesrat Schulthe B empfangen, dem Vertreter des Echweizerischen Volkswirtschaftsdepartements, um ihm die Klagen und Wünsche der Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen über die Lebensmittelversorgung zu übermitteln. Die Dar­legungen der Genossin waren von größter Deutlichkeit, und so wurde die Unterredung recht lebhaft; der praktische Erfolg bleibt abzuwarten.

Die Genoffinnen beteiligten sich auch an der Konferenz vom 6. August, die Vertreter aller modernen, flaffenbewußten Arbeiterorganisationen vereinigte, nämlich: der sozialdemokrati­schen Partei in den einzelnen Kantonen, der sozialdemokratischen Partei für die gesamte Schweiz , des schweizerischen Gewerkschafts­bundes, der Notstandskommission der schweizerischen Arbeiter­schaft, des schweizerischen Arbeiterinnenverbandes und der lokalen Arbeiterunionen. Die Konferenz nahm eine Resolution an, in der es heißt:" In Erwägung, daß die seit Kriegsbeginn eingetretene Teuerung immer bedrohlichere Formen annimmt und die bereits bestehende Unterernährung breiter Volksschichten in besorgnis­erregender Weise vergrößert; daß die wirtschaftliche Lage der Schweiz infolge der vermehrten Schwierigkeiten in der Zufuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen immer prefärer sich gestaltet und in der Folge die ausreichende Ernährung der Bevölkerung im nächsten Winter ernstlich in Frage gestellt ist; daß die Schwie­rigkeiten der Ernährungsfrage und der Rohstoffbeschaffung von gewissenlosen Elementen nicht nur zur wucherischen Bereiche­rung, sondern überdies als Vorwand benützt wird für eine die Neutralität des Landes gefährdende Propaganda, deren Ziel die eventuelle Teilnahme der Schweiz am Weltkrieg ist: beschließt die Konferenz, die ganze Arbeiterklasse des Landes zu einer ener= gischen Aftion gegen diese kriegsheherische Propaganda aufzufor­dern und den verbrecherischen Versuchen, die Schweiz zur Preis­gabe ihrer Neutralität zu veranlassen, mit allen zu Gebote stehen den Mitteln entgegenzuwirken. Die Aktion zur Wahrung der Neu­tralität steht im engsten Zusammenhang mit der Gestaltung der Ernährungsfrage und bedingt eine zweckmäßige Organisation des Wirtschaftslebens, durch die die Ernährung der Bevölkerung, den gegebenen Verhältnissen entsprechend, sichergestellt wird." Die Resolution zählt dann im einzelnen die Forderungen auf, die dem gezeigten Ziel dienen sollen und die auf dem Gebiet der Bundes-, Kantons- und Gemeindepolitik liegen.

Hinter die Forderungen soll der unzweideutig bekundete Wille der Arbeitermassen treten. Die Resolution sagt darüber:" Diese Forderungen find von den gewerkschaftlichen und politischen Ar­beiterorganisationen zum Gegenstand einer allgemeinen Bewe­gung zu machen, wobei alle Mittel der Organisation und des ge= meinsamen Vorgehens( Presse, parlamentarische Aktion, öffent­liche Versammlungen und Demonstrationen) anzuwenden sind. In allen Fürsorgestellen und Kommissionen ist auf eine angemessene Vertretung der Arbeiterschaft au dringen, wobei besonders die Frauenorganisa= tionen zu berüdsichtigen sind.... Um eine wirksame Kontrolle der öffentlichen Märkte herbeizuführen, bilden die lo­falen Arbeiterunionen, unter Mitwirkung der Frauen= organisationen, besondere Kontrollfommiffionen. Genügt diese Kontrolle nicht, so find allgemeine Marktdemonstrationen zu organisieren. Die Gewerkschaften haben unverzüglich die Frage der Einleitung von Lohnbewegungen zu prüfen und dement­sprechende Forderungen zu stellen." Wie man sieht, ist die Mit­wirkung der Frauen an der Verwirklichung der Forderungen vor­gesehen, und man erwartet, daß auch die breitesten Frauenmaffen die Bewegung tragen helfen werden.

Frauenarbeit.

a. ch.

Zur Entlohnung der Frauenarbeit in den Frankfurter Kriegsküchen wird uns geschrieben:

Als Geschäftsführer der Frankfurter Kriegstüchen möchte ich Sie bitten, die in der Gleichheit" Nr. 25 an den Ausführungen der Ge­noffin Brunner durch Abdruck der Korrespondenz" Notiz geübte Stritit in einigen Punkten zu berichtigen. Hierzu stelle ich folgendes fest: Die Löhne der bei uns angestellten Stüchenhilfskräfte betragen 50 bis 70 mt., die der Köchinnen 70 bis 100 Mt. monatlich bei freier Verpflegung. Wir berechnen die Verpflegung zu unseren Selbst

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kosten mit 45 Mt., so daß der Lohn 95 Mt. für die Hilfskräfte, 125 bis 145 Mt. für die Köchinnen beträgt. Hierzu kommt noch, daß die Versicherungsbeiträge von der Geschäftsstelle getragen wer­den, die für jede unserer Mitarbeiterinnen 5 Mt. monatlich aus= macht. Das sind meines Erachtens Entschädigungen, wie sie so leicht nicht mehr in einem Hauswirtschaftlichen Betrieb gezahlt werden. Dazu kommt jede Woche ein freier Nachmittag, jedes Jahr acht bis vierzehn Tage Ferien, bei Krankheit Aufbesserung des Kranten­geldes bis zur Höhe des Lohnes für die ersten Wochen. Außerdem liefern wir den Mitarbeiterinnen Holzschuhe und Schürzen auf unsere Kosten. Wenn da noch von schlechter oder auch nur unge­nügender Zahlung die Rede ist, so darf doch nicht übersehen werden, daß wir uns doch nicht mit einem Male über gewisse ortsübliche Gebräuche und Löhne hinwegsegen dürfen. Ich kann der Redaktion der Gleichheit" nur sagen, daß ich noch in keinem Hauswirtschaft­ lichen Betrieb ähnlich geordnete Verhältnisse gefunden habe, was ich im übrigen für eine Selbstverständlichkeit halte.

Bei der Beurteilung unserer Einrichtung kommt noch etwas an­deres hinzu. Wir sind ein gemeinnüßiges Institut, kein auf Mehr­werte abzielendes Unternehmen, da darf man doch nicht die gleichen Regeln anwenden wie in einer Fabrit, die auf Kosten der Arbeiter soundso viel überschüsse erzielt. Wir setzen hier monatlich über 40000 Mt. zu. Man verstehe mich nicht falsch: Darunter sollen und dürfen unsere Angestellten nicht leiden, aber ganz darf man doch wohl den sozialen Zweck nicht aus den Augen lassen, sonst würde ich mich bedanken, nun schon zwei Jahre ehrenamtlich meine Straft zu opfern. Die Redaktion der Gleichheit" hat recht, wenn sie all­gemein dafür eintritt, daß höhere Löhne gezahlt werden, es ist aber nicht damit gedient, wenn man diese Forderung zu straff auf solche Institutionen ausdehnt, wo wir zufällig ein klein wenig Einfluß haben, denn auch da kann man nur auf ortsüblichen Verhältnissen weiterbauen. Bemerken möchte ich noch hierzu, daß wir fast allen Anträgen unserer Mitarbeiterinnen bisher zugestimmt haben, wie ja auch Genoffin Brunner bestätigt. Nun noch eine kleine Rand­bemerkung, die für die Leserinnen der Gleichheit" nicht ohne Interesse sein dürfte. Meine Absicht, immer noch mehr an Entschädigung für unsere Mitarbeiterinnen herauszuholen, wird in schlimmster Weise durchkreuzt durch ein Massenangebot billiger weiblicher Sträfte. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht aus bestimmten Kreisen Ange­bote zur Küchenarbeit bekommen, die vom Arbeiterstandpunkt aus beschämen. Da bieten sich Frauen an, die nur unterkommen wollen", andere, die auf bares Geld nicht sehen", wieder welche, die nicht so hohe Ansprüche stellen" usw. Es sind das freilich meist Frauen aus nichtproletarischen Kreisen. Frauen, denen jedes Verständnis dafür fehlt, was sie damit ihren Schwestern, die mitverdienen müssen, antun. Natürlich färbt das ein flein wenig ab, mindestens schädigt ein solches Verhalten den Aufstieg der Arbeiterklasse. Wir lassen uns davon nicht beeinflussen, man kann sich aber leicht ein Bild machen, wie solche Vorgänge in anderen Kreisen wirken.

Ich hoffe, daß unsere geregelten Verhältnisse für andere Orte zum Anreiz werden, ein Gleiches zu tun.

Th. Thomas, Frankfurt a. Main . Wir danken dem Genossen Thomas für seine Darstellung, die Genossin Brunners Mitteilungen vervollständigt und zeigt, daß die Verwaltung der Frankfurter Kriegsküchen von dem aufrichtigen Bemühen beseelt ist, den dort beschäftigten Frauen gute Arbeits­bedingungen zu schaffen. Unsere Stritit zu berichtigen" sind wir jedoch außer stande. Wir unterschäßen feinen der Vorteile, die die Frant furter Kriegsküchen den angestellten Frauen gewähren; besonders hoch werten wir die durchgeführte feste Regelung der Arbeitszeit mit dem freien Nachmittag in der Woche, den alljährlichen Ferien usw. Trotz alledem ist es uns jedoch unmöglich, die festgesetzten Löhne als Ideal zu preisen, als beispielgebendes Ziel, wie dies in Genofsin Brunners Ausführungen geschah.

Gewiß: leider gibt es genug Frauenverdienst, der erheblich nied­riger ausfällt als in den Frankfurter Vollstüchen. Aber seit wann messen wir Sozialisten das zu Erstrebende, Fordernde an den nied­rigsten Vergleichswerten und nicht an den höchstmöglichen? Das jedoch tut Genosse Thomas, indem er zum Vergleich die Arbeits­bedingungen im Hauswirtschaftlichen Durchschnittsbetrieb heranzieht. Wir Sozialisten haben jederzeit behauptet, daß gerade diese Arbeits­bedingungen im allgemeinen die rückständigsten sind, die es für die Frauenarbeit gibt. Sie sind deshalb nicht als Maßstab der Wertung zu nehmen. Außerdem ist in unserem Fall zweierlei nicht zu über­sehen. Die Festangestellten der Hauswirtschaft erhalten Wohnung nebst Beleuchtung, Heizung usw., und einigermaßen einsichtsvolle Familien sorgen auch für Kleidung, Wäsche usw., während die An­gestellten der Frankfurter Kriegsküchen für die betreffenden Ausgaben mit ihrem Lohn aufkommen müssen. Die Arbeit in den Kriegsküchen