Nr. 14

27. Jahrgang

Die Gleichheit

Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen

Mit den Beilagen: Für unsere Mütter und Hausfrauen und Für unsere Kinder

Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Poft vierteljährlich ohne Bestellgelb 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mart.

Stuttgart

13. April 1917

Inhaltsverzeichnis. Hohe Lebensmittelpreise und niedrige Entlohnung der jugendlichen und weiblichen Arbeitskraft. Von Wilhelm Düwell.. Das Recht der Frau zur Mitarbeit in der Kommunalverwaltung vor dem Preußischen Abgeordnetenhaus . II.- Die Auseinandersetzung in der Sozialdemokratie. Aus der Bewegung: Von der Agitation. - Gegen die grundsägliche Haltung der Gleichheit".- Die Kreisgeneralversammlung des Wahlkreises Hanau- Bockenheim­Gelnhausen- Orb für die Opposition und die grundsätzliche Hal­tung der Gleichheit". Gegen die Maßregelung der Genossin Bieg. Sympathiekundgebung des österreichischen Frauenreichs­fomitees für Genossin Zieß. Genossin Ziez' Adresse. Gewerk­schaftliche Rundschau. Genossenschaftliche Rundschau. Von H. F. Notizenteil: Aus dem öffentlichen Leben. Für den Frieden.- Frauenstimmrecht.

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Hohe Lebensmittelpreise und niedrige Entlohnung der jugendlichen und weiblichen Arbeitskraft.

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Die Agrarier sind geschickte Leute. Sie übten stets die Po­litik, weit übertriebene Forderungen zu erheben, den anderen jedoch die Kunst von dem Erstreben des Erreichbaren, weiser Mäßigung zu predigen. Damit hatten sie stets Erfolg. Nun auch bei der Kriegswirtschaft. Allgemein begeistern sich diese Herren für die Opferfreudigkeit. Das macht sich immer gut. Aber die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte darf nicht abgeschreckt werden, man muß sie anregen zum Heile des Vaterlandes natürlich. Und das Mittel der Anregung sind gute Preise, lohnende Preise, noch höhere Preise, gesteigerte Gewinne, Kriegsfonjunkturprofite! Sie heben in der Land­wirtschaft die Opferfreudigkeit zu vermehrter Warenerzeu gung. Darin steckt Logik, die Hand und Fuß hat; sie ent­spricht der von ideologischen Verbrämungen befreiten nackten kapitalistischen Ordnung. Und in ihr wurzelt auch die ganze Kriegswirtschaft, troß des verschiedenen Stöhnens über den abscheulichen oder des Jubelns über den herrlich in die Halme schießenden Staatssozialismus .

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Bei diesem Sozialismus", der von Beginn an dem Grund­satz huldigte, die Gewinnernten des Kapitals zu sichern, sind die überschüsse der gewerblichen Unternehmen und die Ein­nahmen der Landwirtschaft gewaltig gestiegen; die Masse der Arbeiter und Verbraucher jedoch hat mit einer stets wachsen den Erschwerung und Verminderung der Lebenshaltung zu fämpfen.

Aber es soll besser werden; der Präsident des Kriegsernäh. rungsamts, Herr v. Batocki, versprach's. Verheißungsvoll verkündete er, die Preise würden allmählich abgebaut, nach­dem bestimmt worden war, daß die hohen Getreidepreise in Wirksamkeit bleiben, die Kartoffelpreise eine erhebliche Stei­gerung erfahren hatten und die Preise für Fleisch, Butter, Eier, Milch, Gemüse, Obst einen verwegen hohen Stand er­reicht haben. Die Ankündigung rief die Landwirtschaft auf den Plan. Beuge vor!" lautet ihr Wahlspruch, und sie for­dert noch höhere Preise. Bewährte Taktik!

Zuschriften an die Redaktion der Gleichheit find zu richten an Frau Klara Zetkin ( Zundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart . Die Expedition befindet sich in Stuttgart , Furtbach- Straße 12.

Als Hauptrufer trat der Herr v. Januschau auf. Er wetterte die Kriegswirtschaft in Grund und Boden, weil sie nur an den Schutz der Verbraucher denke, die Erzeugung schädige. Haltet den Dieb! Her mit unserem Eigentum, her mit höheren Preisen! Also donnerte der vielmögende Herr v. Ja­ nuschau . Die Arbeiter können es bezahlen!" rief er aus, stachelte damit die Begehrlichkeit der Landwirte und rühmte sich nachher der vielen Zustimmungen, die ihm aus dem Lande zu seinem Kreuzzug für weitere Preissteigerungen zuge= gangen seien.

Natürlich hat der Herr v. Januschau seine Forderung be­gründet, zwar nicht mit einwandfreien Beweisen, aber mit einer fecken Behauptung. Preissteigerungen sind berechtigt, denn, sagte der agrarische Führer, die Arbeiter in der Stadt finden einen Ausgleich in der großen Steigerung der Löhne". Das mußte wirken, wie Märchen auf kleine Kinder wirken, bald einschüchternd, bald begeisternd. Und die Geschichte von den großen Lohnsteigerungen ist ein Märchen. Im allgemei­nen bleiben die Lohnsteigerungen in dem Wert ihrer Kauf­kraft hinter der Verteuerung der Lebenshaltung zurück. Richtig ist, daß in einigen Kriegsindustrien und einigen durch den Krieg mittelbar begünstigten Gewerben ein kleiner Kreis von Arbeitern und Arbeiterinnen beträchtlich höhere Löhne erzielt als früher. Das ist richtig, mehr aber auch nicht! Weiter ist richtig, daß die große Mehrzahl der Arbeiter nur sehr bescheidene oder gar keine Lohnerhöhungen erzielt hat, daß in manchen Gewerben der Jahresverdienst sogar geringer geworden ist.

Wir wollen's nicht treiben wie der Herr v. Januschau sowie andere Leute, die nach größeren Gewinnen auf die Jagd gehen; wir wollen nicht nur behaupten, sondern auch bewei­sen. Hier einige einwandfreie Angaben: Nach den Rechnungs­ergebnissen der Papiermacher Berufsgenossen­schaft betrug der durchschnittliche Jahreslohn eines Voll­arbeiters ein Vollarbeiter ist gleich 300 Arbeitsschichten- im Jahre 1913 1004 Mr., im Jahre 1915 jedoch nur noch 994 Mr. Der Jahreslohn ist demnach um 10 Mr. gesunken; ein Tageslohn betrug noch 3,31 Mr. Es ist zu bedauern, daß die Schreier, denen die Preise für Lebensmittel immer noch zu niedrig sind, nicht gezwungen werden können, mindestens sechs Monate lang ihren Unterhalt mit den Löhnen der Arbeiterinnen zu bestreiten. Könnte man ihnen solche Ver­pflichtung auferlegen, dann würde ihre Durchhaltekraft gründ­lich erschöpft sein. Schade auch, daß sie nicht gezwungen wer­den können, durch ihre eigene Lebenshaltung zu zeigen, wie ein Mensch mit den Lohnsteigerungen" im Bekleidungsge­werbe die Verteuerung der Lebenshaltung ausgleichen kann. Sie würden sehr kleinmütig werden, denn nach den Rech­nungsergebnissen der Bekleidungsindustrie- Be­rufsgenossenschaft betrug das durchschnittliche Jah­reseinkommen einer versicherten Arbeitskraft im Jahre 1913 rund 922 Mt. Sicher kein Prasserlohn, aber im Vergleich zu den Verhältnissen im Jahre 1915 war er's doch, denn das Einkommen sant um 43 Mr. auf 879 Mk., und die Kosten der