Nr. 6
A. g. XIII
28. Jahrgang
Die Gleichheit
Zeitschrift für Arbeiterfrauen und Arbeiterinnen
Mit der Beilage: Für unsere Kinder
Die Gleichheit erscheint alle vierzehn Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pfennig, durch die Post vierteljährlich ohne Bestellgeld 55 Pfennig; unter Kreuzband 85 Pfennig. Jahres- Abonnement 2,60 Mark.
Mitten im falten Winter!
Zuschriften find zu richten
an die Redaktion der Gleichheit, Berlin SW 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morigplan 14838. Expedition: Stuttgart , Furtbachstraße 12.
Es ist ein' Ros' entsprungen.
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Heulende Novemberſtürme fegten mit nebelschweren Wolfen die Bahn frei für Dezemberschnee und Winterfrost da blühte über Nacht in Millionen armer, bedrängter, frosterstarrter Menschenherzen der schönste Hoffnungsfrühling auf. Waffenstillstand- Friedensverhandlungen!
Wer hatte noch solche Träume zu nähren gewagt? Wem waren alle Hoffnungen auf Frieden und friedliches Menchenglück nicht schon lange im innersten Herzen erfroren? Wer sah nicht dem vierten Weihnachtsfest im Kriege mit ohnmächtigem Born und trostloser Ergebung ins Unabänderliche entgegen?
Als die Menschen vor drei Jahren zum ersten Male Weihnachten, das Fest des Friedens und der Menschlichkeit, unter Sem wilden Geklirr blutgetränkter Waffen begehen mußten, war es vielen wie eine grausame Offenbarung. Es ging ihnen an diesem Tage eigentlich zum ersten Male die unerbittliche Grausamkeit des Krieges auf. Gedankenlos hatten sie bis daHin in den Tag hineingelebt. Nach einigen Monaten würde der Krieg vorbei sein und alles in der Welt wieder sein gewöhnliches Gesicht annehmen.
O, es kam anders, so ganz anders!
Ein Jahr verstrich, und der Krieg dauerte noch immer an. Die zweite Weihnacht dämmerte herauf und sab nur blutgedüngte Felder. Und wieder verging ein Jahr. Das dritte Weihnachsfest sah noch mehr Völker im Kriege und mußte noch mehr Blut trinken als die beiden Feste vorher.
Allmählich verlernten die Menschen das Hoffen. Wer mag fich immer wieder trösten lassen, um schließlich doch nur immer wieder von neuem zu erkennen, daß aller Trost eitel und nichtig war! Und mit Grauen sahen die Menschen den vierten Kriegswinter näher und näher rücken.
Zwar hatte es im Laufe des letzten Jahres nicht an Anzeichen gefehlt, daß der Krieg allmählich seinen höchsten Bunft erreicht hatte. Seine Bahn gleicht der Bahn eines Geschosses, das in schrägem Laufe immer höher hinauf und zugleich immer weiter vorwärts eilt. Aber so wie das Geschoß immer höher steigt, viele Hunderte und Tausende von Metern, und schier unaufhaltbar zu sein scheint, so stürmte auch der Krieg immer weiter, durch die Wochen, Monate, Jahre. Aber endlich, endlich erreicht das Geschoß doch seinen höchsten Punkt. Dann aber fällt es nicht gleich wieder, wie die neueste Kriegswissenschaft festgestellt hat, sondern es bleibt eine Zeitlang in der Schwebe und eilt in dieser höchsten Lage vorwärts. So schien auch der Krieg in den letzten Monaten in dieser Schwebe. Sein höchster Punkt schien erreicht. Eine weitere
Ausdehnung und eine weitere Steigerung seiner Zerstörungsfraft schien unmöglich. Wohl aber tauchten Anzeichen auf, daß die Raserei des Krieges erlahmen mußte, ohne daß man von diesem Erlahmen etwas spürte.
Aber so wie das Geschoß doch endlich einmal an das Ende feines Schwebezustandes kommt und zu Boden sinkt, immer rascher und rascher und in immer steilerem Bogen, so daß sein Abstieg viel fürzer ist als sein Aufstieg, so ist auch der Krieg jezt endlich auf seinem Abstieg angelangt, und nun geht es mit ihm abwärts, immer weiter, immer weiter, bis schließlich ein allgemeiner Friede die Menschheit wieder sich felbst und ihren eigentlichen Aufgaben zurückgibt.
Noch sind wir leider nicht so weit.
Noch hat die Bahn des Krieges nur die erste Krümmung nach unten eingeschlagen. Aber welche Erleichterung bedeutet das schon für die gequälte Menschheit! Sie sieht wieder das Land des Friedens, und sie wird es sich nicht wieder nehmen laffen. Die Völker werden widerspenstige Regierungen zwingen! Was in Rußland aller Welt zum Beispiel vor sich gegangen ist, ist auch in anderen Ländern möglich. Und es wird eintreten, wenn anderwärts wie in Rußland die Friedensnotwendigkeit dem ganzen Volke zum Bewußtsein gekommen ist, ohne daß die Regierungen diese Notwendigkeit erkennen wollen. Dann wird auch für andere Regierungen gelten, was die russischen Machthaber, die den Friedenswillen des Volkes glaubten mißachten zu können, vom Zaren bis zum Demofraten erfahren mußten:
„ Umsonst, ihr Herren! Kein Halten mehr! Ihr sprecht den Lenz zum Winter nicht, Und hat das Eis einmal gekracht, so glaubt mir, daß es bald auch bricht!"
Und das mitten im falten Winter!
So erlebt der tiefinnerliche Sinn des innerlichsten aller Weihnachtslieder in diesem Jahre endlich eine wunderbare Belebung und Verjüngung.
Noch sprechen die ehernen Schlünde der Kanonen auf langgestreckten Fronten Europas . Aber auf anderen, nicht minder weiten Fronten schweigen sie bereits. Und es wird kommen die Zeit, wo sie überall schweigen.
Neue Zuversicht belebt die Menschheit, die Glieder straffen sich, die Herzen schwingen sich auf, und zum ersten Male seit vielen Jahren- solche Kriegsjahre zählen dreifach und zehnfach!- wagt der Mund wieder voller Hoffnungsfreude zu singen:
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, Es ist ein' Ros' entsprungen..."