Nr. 6

Die Gleichheit

der deutschen Ehre. Aber ein Trost ist dabei. Sie sind nicht von Haus aus so stark gewesen. Sie sind geworden und um so mehr hervorgetreten, je länger die Krankheit dieses Krieges dauerte. Begleiterscheinungen einer Strankheit! Strankhafte Ent artungen. Man kann es nicht anders nennen. So wie die Glieder befallen werden, wenn das Zentralorgan nicht richtig funktioniert, so haben uns diese Entartungserscheinungen be­fallen. Wir dürfen hoffen, daß sie in demselben Maße schwinden werden, in dem es uns gelingt, der Krankheit Herr zu werden. Wir haben den entscheidenden Schritt getan. Siegreich ist eine fast unblutige Revolution durch die deutschen Lande ge­schritten. Eines aber tut not: Daß wir festen Schrittes die neuen Wege gehen und uns weder von rechts noch von links von diesen Wegen abdrängen lassen. Dann aber auch nur dann werden wir in ruhiger Sicherheit die unversieglichen Kraftquellen eines Volkes erschließen, das so diese Prüfungs­zeit überstanden hat, und den Acer unserer Zukunft so be­stellen können, daß daraus die Ernte einer gesegneten Volks­zukunft uns entgegenwachse. Henriette Fürth .

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Die Nationalversammlung kommt.

Am 9. November brach das Kartenhaus der alten Staats­form zusammen. Der Baugrund wurde freigelegt für den Bau des neuen Hauses, in dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlich­feit wohnen sollen. Das Fundament hat die Volksregierung bereits gelegt. Es ist die politische Freiheit, die jedem Volks­genossen, Mann und Frau, ermöglicht, am Bau des neuen Hauses mitzuarbeiten.

Viel Frauenglück liegt unter den Trümmern des alten Hauses begraben. Frauenliebe, die Quelle unerschöpflicher Straft, soll neues Glück aufrichten helfen. In dieses Naturrecht, das uns das kapitalistische Zeitalter versagte, setzt uns das beginnende sozialistische ein. Um unserer und unserer Kinder willen, um der Menschheit willen, die heraus will aus der Blutschuld des Kapitalismus, ruft es die Frauen auf den Plan. Genossinnen! Das Schicksal der Welt liegt in unseren Hän­den. Es sollen die Vertreter zur Nationalversammlung gewählt werden. Die Nationalversammlung soll endgültig den Bauplan festlegen für den Bau des neuen Vaterlandes. Noch einmal wer­den kapitalistischer und sozialistischer Geist miteinander ringen. Genoffinnen, der Sieg ist unser, wenn wir alle restlos unsere Pflicht tun. Nur noch eine kurze Zeitspanne trennt uns vom Wahltage. Bis dahin heißt es alle Sträfte sammeln, Der Krieg ist den Frauen ein harter Lehrmeister über den engen Zu­sammenhang zwischen Politik und Familie gewesen. Die trau­rigen Folgen der kapitalistischen Vergangenheit und die er­lösenden Aussichten einer sozialistischen Zukunft, die ihre helfen­den Boten bereits voraussendet, stehen in flarem Gegensatz

zueinander.

Auf Grund der veränderten politischen Verhältnisse hat sich die Unternehmerschaft gezwungen gesehen, auf ihre Diktatur im Wirtschaftsleben gegenüber der Arbeitnehmerschaft zu ver­zichten. Die Gewerkschaften sind von ihnen als berufene Ver­treter der Arbeiterschaft anerkannt worden. In allen Betrieben werden fortab die Arbeiterfragen von gewählten Ausschüssen aus der Arbeiterschaft gemeinsam mit der Geschäftsleitung ge­regelt. Das ist die Mitbestimmung der Arbeiterschaft in allen Fragen, die sich auf Lohn, Einstellung, Entlassung, Arbeits­zeit, hygienische Einrichtungen des Betriebes usw. bezieht. Als Höchstmaß für die Arbeitszeit ist der Achtstundentag einge­führt worden, ohne daß dadurch eine Kürzung der Einnahmen erfolgt. Afford- und Stundenlohn werden entsprechend erhöht. Daneben hat die Unternehmerschaft sich bereit erklärt, die heimkehrenden Soldaten möglichst in ihre alten Stellungen wieder einzusetzen. Unumgängliche Entlassungen sollen mit möglichster Schonung erfolgen. Hier haben die Arbeiter- und Angestelltenausschüsse ein dankbares Feld sozialer Betätigung. Das gilt besonders auch für die Frage der Entlassung aus­hilfsweise angestellter Frauen. Regelung der Arbeitslosenfür

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forge und Arbeitsvermittlung sind die nächsten Aufgaben, die die Regierung lösen wird.

Alle diese Errungenschaften sind, wie schon gesagt, Rück­wirkungen der politischen Umwälzungen. Das Ziel der Re­volution ist nicht nur die politische, sondern vor allem die wirtschaftliche Befreiung. Die wirtschaftliche Befreiung hat zur Voraussetzung, daß der Arbeitnehmer an der Produktionsweise, der Leitung des Unternehmens mitbestimmend beteiligt ist, ganz unabhängig davon, ob sich der Betrieb im Besitz pri­vater Hand oder des Staates befindet.

Wieviel Frauenliebe, wieviel Mutterglück sind nicht in der Tretmühle des ewigen Alltags, zu dem unzähligen Müttern unter der kapitalistischen Wirtschaft auch der Sonntag wurde, zertreten worden. Die aufgezählten Neuerungen, die uns jetzt über eine schwere Übergangszeit hinweghelfen, werden eine Quelle der Lebensfreude werden, wenn am 16. Februar der sozialistische Geist siegen wird. Er wird nicht bei diesen Re­formen haltmachen, nein, der sozialistische Geist hat die un­begrenzten Möglichkeiten einer tiefen, allumfassenden Menschen­liebe, die nur allein fähig ist, die Welt aus dem Jammer, in den der Kapitalismus sie gestürzt hat, zu befreien. Nicht mit zu hassen, mit zu lieben sind wir da! Nicht weil wir hassen, nein, weil wir lieben, sind wir Sozialdemokratinnen. Mit dieser Losung wollen wir uns den Aufgaben unserer Zeit hingeben. So wollen wir sie alle lehren, mit uns zu lieben. Am Wahltag werden die Augen der ganzen Erde auf uns gerichtet sein. Die Proletarier aller Länder stehen unter dem­selben Joch. Unser Sieg wird ihr Sieg sein. Deutsche Genos­sinnen! Wir standen bisher mit unseren politischen Rechten hinter den Frauen der meisten Kulturstaaten zurück. Bald aber wollen wir für sie alle unseren Stimmzettel in die Wahlurne legen. Nur der Sozialismus kann die Frau ganz frei machen. Für ihn soll mit unserer Hilfe der 16. Februar entscheiden. Minna Todenhagen .

Gegen rechts und links!

Wenn bei den kommenden Wahlen zum Nationalrat die

wahlberechtigten Frauen alle von ihrem Staatsbürgerrecht Gebrauch machen, so geben sie den Ausschlag über die künf­tige Regierungsform Deutschlands . Darum liegt in der Ent­scheidung der Frauen eine große Verantwortung, und dieser Entscheidung muß jede einzelne sich bewußt werden. Klares Denken ist notwendig, um den Weg zu finden, den unser Ge­wissen als den besten zur Sicherung der sozialen Republik vorschreibt. Leicht ist es für die Masse der Frauen nicht, zu dieser Zielklarheit zu kommen, denn von rechts und links werden Anstrengungen gemacht, das starkentwickelte Gefühls­leben der Frau in den Dienst der Sache zu stellen. Auch wir wollen, daß das politische Denken von dem lebendigen Strom des Gefühls durchpulst wird; aber wir wollen nicht, daß Ein­seitigkeit und Fanatismus den Blick für die praktischen Mög­lichkeiten und für die zukünftige Entwicklung trüben.

Von rechts tritt uns als stärkste Gegnerin in der politi­schen Aufklärungsarbeit die Kirche entgegen. Sie behaup­tet, daß die neue Gesellschaft dem Volke die Religion, daß sie

den Frauen ihren Gott nehmen wolle. Das ist ganz falsch. Wir haben niemals die Religion an sich, nie den Gott, zu dem der Gläubige beten will, bekämpft. Bekämpft haben wir nur die Kirche als Dienerin des kapitalistischen Staates, als Bedrückerin der Volksschule, die es für ihre Aufgabe ansah, die freie geistige Entwicklung unserer Kinder zu denkenden Menschen zu verhindern zu Nutz und Frommen des kapitali­ stischen Staates. Und zu diesem Kampfe waren wir nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet, wenn wir es ernst meinen mit der geistigen Befreiung unseres Volkes. Die Schule muß frei werden von jedem Druck. Das sozialdemokratische Partei­programm verlangt die Erklärung der Religion zur Privat­sache. Die Kirche soll frei sein, sie soll unabhängig vom Staat auf sich selber gestellt werden und dadurch die Möglichkeit er­halten, ihre wirkliche innere Lebenskraft zu beweisen.