Nr. 19

Die Gleichheit

und so können alle diesbezüglichen Geseze gar nicht gründlich genug geprüft werden.

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entgeltlich ist, solche, wo Schulgeld bezahlt werden muß. Die zugelassenen Ausnahmen ändern an der Tatsache nichts. " In allen bürgerlichen Schulen ist persönliche und staats­

Die allgemeine Schulpflicht beträgt heute schon in vielen Bundesstaaten acht Schuljahre. Der Fortbildungsunterrichtbürgerliche Tüchtigkeit und sittliche Bildung auf deutscher soll auf vier Jahre festgesetzt werden, also um ein Jahr respek­tive zwei Jahre verlängert werden. Wir wissen alle, daß die wenigen Wochenstunden für den Fortbildungsschulunterricht nicht genügen. Wir hoffen, daß bei den Arbeiterschutzgesetzen für die jugendlichen Arbeiter und Arbeiterinnen bis zum acht­zehnten Lebensjahr der Sechsstundentag festgesetzt wird. Da­durch würde mehr Zeit frei für die Fortbildung. Was aber hier vor allem not tut, ist eine sehr gründliche Reform des Unterrichts. Gewiß gehört Staatsbürgerkunde als neues Lehr­fach hinein. Aber genügt das?

Die Volksschule scheint beibehalten werden zu sollen. Nur für fie gilt Unentgeltlichkeit der Lehrmittel und des Unter­richtes. Der Aufstieg zu den mittleren und höheren Schulen soll jedem Unbemittelten durch Bereitstellung öffentlicher Mittel ermöglicht werden entsprechend seiner Neigung und Begabung. Wir werden also den Aufstieg der Begabten haben in ähnlicher Form wie bisher durch Freistellen. Der unbemit­telte Begabte hat daher eine Ausnahmestellung in der höheren Schule. Man weiß, wie oft diese Ausnahmestellungen mit Demütigungen verbunden sind.

Es follen allgemeine Vorschulen eingeführt werden mit gemeinsamer Grundlage. Der Ausbau und die Möglichkeit einer längeren Dauer ist ungemein wichtig, denn wir brauchen eine Hebung der allgemeinen Bildung. Private Vorschulen werden unter gewissen Bedingungen zugelassen. Natürlich sind sie nur den Kindern zugänglich, deren Väter einen gefüllten Geldbeutel haben. Also kommt von klein auf schon die Schei­dung nach der sozialen Lage.

Der Besuch der mittleren und höheren Schulen ist nicht un­entgeltlich. Was hilft es, wenn für die Aufnahme eines Kin­des in eine bestimmte Schule dessen Anlagen und Neigungen, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung seiner Eltern maßgebend sein soll. Sie wird immer maßgebend sein, solange wir zweierlei Schulen haben, solche, deren Besuch un­

Feuilleton

Bei der Arbeit magst du fingen, Das verleiht der Arbeit Schwingen.

Gretchen und wir.

Grün.

stets gleicher Ehrfurcht und Bewunderung stehen wir vor dem Faust", dem Meisterwerk Goethes  . In ewiger Jugendfrische erscheint es uns. Ist Faust nicht noch heute das Idealbild männlichen Denkens, Sehnens und Wirkens? So wäre es sehr wohl denkbar, daß uns ein Dichter der Gegen wart eine Faust- oder faustähnliche Gestalt schaffen könnte.

Unmöglich aber wäre es ihm, ein Wesen zu gestalten, das dem Gretchen Goethes ähneln oder gar gleichen würde. Un­möglich nicht aus dichterischem Unvermögen, sondern weil das Ideal, das Bild der Frau sich seitdem völlig verändert hat. Ja, eine solche moderne, veränderte Gretchengestalt wäre viel­leicht das schönste Beispiel für die Aufwärtsentwicklung der Frau im letzten Jahrhundert. Eine Entwicklung, die darauf hinausläuft, den Vorsprung, den das männliche Geschlecht gewonnen hat, wieder einzuholen.

Ist doch die Wertschäzung beider Geschlechter in der da­maligen Zeit so unterschiedlich, so ungleich, daß das Ver­brechen, das Faust an Gretchen begeht, weder in seinen Augen noch in den Augen der anderen als Verbrechen. gilt. Es ist ja alltägliches Frauenschicksal: verführt und sizzen­gelassen zu werden. Und die Geduld, die. Selbstverständlich­keit, mit der Margarete ihr Schicksal hinnimmt, ist restlos nur zu erklären durch die Unterordnung des weiblichen Ge­schlechtes unter das männliche.

volkstümlicher Grundlage zu erstreben." Nirgends ist die Rede davon, daß dies Biel sich nur erreichen läßt, wenn Elternhaus und Schule Hand in Hand arbeiten. Nirgends wird darauf hingewiesen, daß die Schule auch für die He­bung der körperlichen Tüchtigkeit sorgen muß. Die Schule hat doch auch die Aufgabe, da einzuspringen, wo Eltern ihre hungernden und frierenden Kinder hinschicken. Sie hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, daß Kinder, die in ihren Frei­stunden aufsichtslos sind, in der Schule ein Heim finden. Sie hat zu sorgen, daß die Gesundheit der Kinder in der Schule geschützt wird. Hier sind noch so unendlich viele Forderungen zu stellen, daß die Forderung in Absatz 6: Jeder Schüler er­hält bei Beendigung des Schulamterrichtes einen Abdruck der Verfassung" fast komisch berührt. Die sachverständigen Ver­treter unserer Partei werden hier ihren ganzen Einfluß auf­bieten müssen, um noch zu retten, was zu retten ist. Anna Blos  ( M. d. N.)

Zur Siedlungsfrage.

Unter der Fülle der Verordnungen und Erlasse, die seit dem 9. November herausgegeben sind, verdient die Verord­nung zur Beschaffung von landwirtschaftlichem Siedlungs land besondere Beachtung, da durch sie wesentlich dazu bei­getragen werden kann, brennende Fragen des Tages und der Zukunft zum Teil zu lösen. Die Ernährung des deutschen Volkes ist nicht nur die größte Sorge des Augenblicks, son­dern auch die der Zukunft. Wenn es uns gelingen würde, die­selbe mehr als bisher vom Ausland unabhängig zu gestalten, würde sich der wirtschaftliche Aufbau Deutschlands   viel schnel­ler und wirksamer vollziehen.

Diese Möglichkeit wäre vorhanden, wenn die weiten Strecken Moor  -, Heide- und Ödland, die noch in Deutschland   vorhanden sind, urbar gemacht würden. Zu diesem Zwecke müßten aber

Zwar lieben auch heute noch viele Männer solch gretchen­haftes Denken und Empfinden, weil es zu der Verachtung paßt, die sie immer noch den Frauen entgegenbringen, ob­gleich sie in ihrer Unlogik und Gedankenlosigkeit auf der anderen Seite das bessere" und schönere" Geschlecht wieder in den Himmel heben.

Auch Faust hat dieses halb spielende, halb verächtliche über­legenheitsgefühl Gretchen gegenüber. So wird es verständlich, daß ihm das Schnippische" in ihrem Wesen besonders gefällt: Wie sie kurz angebunden war,

Das ist nun zum Entzücken gar!"

Das ist die Siegerstimmung des sich überlegen Fühlenden, der nicht das geringste von Kameradschaft zwischen den Ge­schlechtern weiß.

Natürlich ist Gretchen sitt- und tugendreich", Eigen­schaften, die stets dann in erhöhtem Maße von der Frau ver­langt werden, wenn sie der Mann recht nötig hätte.

Und unter den menschlichen, das heißt weiblichen Eigen­schaften find Demut und Niedrigkeit die höchsten Gaben der liebevoll austeilenden Natur...."( Das Wort   Niedrigkeit" hatte damals einen anderen Sinn als heute und bedeutete etwa das Gegenteil von Hochmut.) Während das heutige Frauengeschlecht gerade in selbstbewußten, aufrechten, und hochgemuten Gestalten ihre nachzustrebenden Vorbilder sieht. Am treffendsten kennzeichnet Gretchen selbst diese weibliche Unterlegenheit:

" Du lieber Gott, was so ein Mann Nicht alles, alles denken kann! Beschämt nur steh' ich vor ihm da Und sag' zu allen Sachen ja. Bin doch ein arm unwissend Kind, Begreif' nicht, was er an mir find't."