Nr. 23

Die Gleichheit

Aljo Brutalität auf beiden Seiten, die doch nur durch die Rückkehr zur Besonnenheit vermieden werden kann. Und dazu können die Genossinnen ihr redlich Teil beitragen. Auch in unseren Reihen werden Ausdrücke wie Bluthunde, Noske­gardisten u. a. ähnlich klingende Worte den Angehörigen der Reichswehrtruppe gegenüber gebraucht. Nur gedankenlose Schimpfereien können solche Wörter einem in den Mund Iegen. Wir Frauen wissen doch nur zu gut, was eine Störung in der Lebensmittelversorgung heißt. Danken sollen wir denen, die für regelrechte Lebensmittelzufuhren Sorge tragen und wenn nötig, ihnen unsere Unterstützung nicht versagen. Dann werden sicherlich die Uebergriffe auf ein ganz beschränktes Maß zurückgeführt.

Aber der Lebensmittelversorgung drohen noch andere Ge­fahren. Die Eisenbahner sind vom Streiffieber be­fallen. In Erfurt , Berlin , Frankfurt , Schlesien , Hannover und Hamburg sind zum Teil die Eisenbahner im Ausstand gewesen, zum Teil haben sie Forderungen gestellt, die bei Nichterfüllung mit Arbeitseinstellung beantwortet werden follen. Tritt letzteres ein, dann haben wir nicht nur feine Lebensmittel, sondern auch keine Kohlen. Die Industrie wird dadurch lahmgelegt, ein Mangel an Hausbrandkohle wird ein­treten, Gas und Elektrizität wird nicht mehr erzeugt werden tönnen. Ein Chaos wird entstehen, das zweifelsohne unseren ficheren Untergang nach sich ziehen wird. Das schlimmste und furchtbarste aber ist es, daß damit die Arbeiterschaft, die sich mit Recht nach einer Gesundung sehnt, ihr eigenes Grab schau­felt. Was die Hungerblockade der Ententeländer an Lebens­fraft noch übriggelassen hat, wird durch die Kurzsichtigkeit der eigenen Volksgenossen vernichtet. Das Weltdrama hat endlich seinen Abschluß gefunden. Jetzt liegt es an uns, ob wir wieder aufsteigen wollen oder untergehen. Im Interesse unserer Kinder müssen wir das letztere zu verhüten suchen durch Auf­flärung und beruhigendes Wirken. Fest und bestimmt den irregeleiteten Frauen und Männern auseinandersehen, wohin die Neise geht.

Aus den Trümmerstätten des Krieges fann von heut auf morgen kein Schlaraffenland entstehen. Not und Entbeh. rungen werden noch lange Zeit unsere ständigen Begleiter sein. Darum sollten mir uns hüten, durch eigenes Verschulden das Jammertal noch größer zu machen. Durch Freigabe von Stoffen und Tertilien wird in allernächster Zeit eine Erleichte­rung in der Beschaffung von Bekleidungsgegenständen ein­treten. Die Lebensmittelzufuhren werden reichlicher sein und die hohen Preise mancher Lebensmittel durch die Hilfe des Reiches, der Einzelstaaten und der Gemeinden eine Preis­fenkung erfahren. So wird schrittweise der Aufstieg beginnen und dessen sollen wir uns freuen. Johanne Reite.

Genossenschaftliche Rundschau

Die Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine feierte am 29. März ihr 25jähriges Bestehen. Die Einkaufszen trale der deutschen Konsumvereine fann auf eine glänzende Ent widlung zurückblicken. Das Stammfapital der Gesellschaft stieg in der Zeit des Bestehens von 24 500 M. auf 10 Millionen. Der Umjah, der im ersten Jahre wenig über eine halbe Million betragen hatte, steigerte sich bis auf 157% Millionen im Jahre 1914, um dann leider infolge der kriegswirtschaftlichen Berhäl:- nisse einen Rückgang bis auf 104½ Millionen im Jahre 1918 zu erleiden. Der Wert der eigenen Produktion von Lebensmitteln und Bedarfsgegenständen bezifferte sich in der günstigsten Periode im Jahre 1916 auf rund 21 Millionen Mark. In diesem Jahr wurde auch der größte Reingewinn erreicht in Höhe von 2 176 000 1. Die Bilanz zeigt ein glänzendes Bild und weist für das Jahr 1917 nicht weniger als 13 957 000 Mt. Reserven auf. Die einzelnen Produktionszweige sind bekannt und an dieser Stelle wiederholt aufgeführt worden. Auch die Bankabteilung der G. E. G. nahm eine glänzende Entwicklung. Die Giroumfäße betrugen im Jahre 1918 545 Millionen Mark bei einem Bank­einnahmebestand von 128 Millionen Mark. Leider haben die Striegsjahre diese große gemeinwirtschaftliche Organisation nicht in dem Maße gefördert, wie es mit Rücksicht auf die deutschen

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Verbraucher notwendig erschienen wäre. Um so mehr muß er wartet werden, daß die gut fundierte wirtschaftliche Zentrale der deutschen Konsumbereine nach Beendigung des Krieges einen neuen Aufschwung verzeichnen kann.

Zur Minderung der Möbelnot beabsichtigt die bisher größte deutsche Konsumgenossenschaft, der Konsum-, Bau- und Ep trverein Produktion" in Hamburg , die Eigenproduktion von Döbeln in größerem Umfange aufzunehmen. Die von der Produktion" hergestellten Hausstandseinrichtungen sollen möglichst geschmad. voll, dauerhaft und zweckmäßig hergestellt werden. Die Fabrik beschäftigt zurzeit etwa 40 Personen und ist mit Maschinen modernster Art ausgestattet. Der Umsatz dieser genossenschaft­lichen Möbelfabrik betrug im ersten Monat nach Beginn des Bertaufes 160 000 Mt., auch auf diesem Gebiete zeigt die Pro­duktion" sich als bahnbrechend und gibt ein Beispiel genossens schaftlicher Tatkraft.

Die Teilnahme der Frauen an Genossenschafts- Generalversamm­lungen sucht Herr Dr. Deumer in Hamburg dadurch zu er­leichtern, daß er die Beseitigung der Bestimmung des§ 42 Abs. 4 des Genossenschaftsgesetzes anregt, wonach es dem Statut über­lassen ist, Frauen von der Teilnahme an der Generalversamm lung und damit auch von der Etellung eines Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedes auszuschließen. Für die weitaus meisten deutschen Konsum genossenschaften hat diese vorgeschlagene enderung keine praktische Bedeutung, da sie in ihren Statuten feinen Gebrauch von der Bestimmung der erwähnten Paragraphen gemacht habe. Wenn auch die Frauen bisher verhältnismäßig wenig in den Verwaltungen der Genossenschaften mitwirkten, jo war doch die Möglichkeit geboten.

Die Kinder Europas

Unser englisches Parteiorgan" The Labor Leader" schreibt: Die schreckliche Ernte der europäischen Militaristen geht weiter. Und die Ententemächte vergrößern sie mit Bedacht.

Das Komitee der neutralen Aerzte, bestehend aus Professor Tendelco( Holland ), Brandt( Norwegen ), Johannsen und Gadelins, Bergman( Schweden ), haben Wilson telegraphisch gebeten, die ernsten Folgen zu bedenken, die die Friedensbedingungen auf die Ernährung der deutschen Frauen und Kinder haben müssen, be­sonders wenn Deutschland gezwungen ist, die Mehrzahl seiner Milchkühe herzugeben.

Der Freiburger Aerztebund hat angekündigt: die Folge der Ablieferung der deutschen Milchkühe, die durch den Friedens­vertrag befohlen ist, würde die sein, daß die kondensierte Milch, die vom Ausland eingeführt wird, jetzt für Kinder gebraucht werden muß. Ganz abgesehen von der volkswirtschaftlichen Sinn­losigkeit dieser Aenderung, wird diese Nahrung, wenn sie als dauernder Ersatz gebraucht wird, mit Gewißheit zu einer Epidemie von Kinder- Skorbut führen.

Am 31. März schrieb Professor Abderhalden aus Halle( Sachsen ): Die Milchkürzung wird täglich größer.... Ich würde sehr glücklich sein, die Verteilung der Milch persönlich vornehmen zu können und darauf zu sehen, daß nur diejenigen, die in der größten Not sind, Milch für ihre Kinder erhalten." Und am 16. April schrieb er:

Sie waren so gut, einen Weg zu weisen, um den in der größten Not Befindlichen kondensierte Milch zu verschaffen. Die Not ist unermeßlich gestiegen. Die Tuberkulose wächst in ent­segenerregender Weise unter den Kindern.... Die hiesige wund. ärztliche Klinik kann die Kinder nicht mehr fassen, die an Knochen­tuberkulose leiden, obgleich in jedem Bett zwei Kinder liegen. Kein einziger Fall ist heilbar.-Jedes dieser Kinder ist verurteilt. ... Es ist ein furchtbarer Anblick. Wenn diesen Kindern Milch gegeben werden könnte, wäre ich unaussprechlich dankbar."

Augenblicklich erlaubt die Milchmenge Groß- Berlins nur eine Verteilung an Kinder bis zu drei Jahren.

Kranke und Kinder über drei Jahre müssen ohne Milch aus­kommen. Die verfügbare Menge beträgt weniger als die Hälfte der vor einem Jahr verfügbaren. Ein beredter Beweis dafür, in welcher Lage Deutschland sich was die Milch anbetrifft befand, lange bevor der Waffenstillstand unterzeichnet wurde. Kinder, die seit dem Krieg geboren wurden, haben sehr oft noch nie Milch gefoftet.

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Wie können deshalb die Alliierten für Frankreich und Belgien 140 000 Milchfühe fordern?