Nr. 11

Die

30. Jahrgang

Gleichheit

Zeitschrift für die Frauen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Mit den Beilagen: Für unsere Kinder..

Die Gleichheit erscheint wochentlich

Preis: Monatlich 1,20 Mart, Einzelnummer 30 Pfennig Durch die Pont bezogen vierzeljährlich ohne Bestellgeld 3,60 Mart; unter Kreuzband 4,25 Mark

Der Schein des Rechtes

Berlin 13. März 1920

Seit Wochen werden im Lande leidenschaftliche Debatten geführt über die Abfindung, welche dem ehemaligen König bon Preußen durch ein Gejezz, dessen Entwurf am 2. Mära dem Preußischen Abgeordnetenhaus in zweiter Lesung vorlag, zugesprochen werden sollte. Der preußische Finanzminister, ein Sozialdemokrat, Genosse Dr. Südefum, hatte den Gesetz­entwurf eingebracht. Diese Tatsache war den meisten Partei­angehörigen draußen im Lande geradezu unfaßbar. Es geht einfach gegen jedes sozialistische Empfinden, daß ein Mann, der durch eigene Kraft nichts erworben hat, nun alles als sein Eigentum bezeichnen darf, was der Krone gehörte, oder aus Staatsmitteln für den König angekauft wurde. Genosse Süde fum, der übrigens den Abfindungsvertrag nicht entworfen bat, steht in der politischen Beurteilung der Frage, ebenso wie die übrigen sozialistischen Minister, zu unserer Anschauung; er erklärt aber den Rechtsanspruch der Familie Hohenzollern als bestehend. Das ist dem Buchstaben nach richtig und doch schlägt es jedem Rechtsempfinden ins Gesicht. In dieser Sache kommt man ungewollt zu der Frage: haben wir überhaupt eine Revolution gehabt? Und noch dazu eine, die je zur Hälfte mehrheitssozialistische und unabhängige Männer an das Ruder der Staatsgeschäfte trug? Ja, wir haben das alles gehabt und die Unabhängigen möchten jetzt durch großes Geschrei, durch laute Proteste zu gerne ihre Samalige Haltung vergessen machen. Aber gerade deshalb muß es jede Genojfin wissen, daß es der unabhängige Finanz­minister Simon, der Justizminister Kurt Rosenfeld und Adolf Hoffmann gewesen sind, die mit ihren Unterschriften das Bermögen der Hohenzollern sichergestellt haben und das Privateigentum für unantastbar erflärten. Es wurde auch von diesen Herren mitbeschlossen, der Hohenzollernfamilie einen angemessenen Unterhalt zu gewähren und Herr Simon übernahm die fürsorgliche Verwaltung. Auf den Ge­banken einer Enteignung zugunsten des Staates, die allein dem Rechtsempfinden der Masse der Bevölkerung ent­sprochen hätte, fam damals feiner dieser Unabhängigen, die sich heute trampshaft bemühen, die Schuld für Versäumtes ben Mehrheitssozialisten aufzubürden. Bei der Zusammen fegung der Breußischen Landesversammlung, bei dem starken monarchistischen Einschlag, den sie hat, wird es heute ummög. lich sein, eine Enteignung ohne Entschädigung durchzuführen, und dennoch darf der entworfene Vertrag niemals Wirklich feit werden, wenn das Volk nicht jedes Vertrauen zu der Ne­gierung berfieren foll

Kaiser und König Wilhelm, der oberste Kriegsherr, ist de. fertiert. Das allein hätte genügen müssen, um ihn seines Vermögens verlustig zu erklären. Welche Frau hat nicht die entsetzlichen Fälle während des Krieges erlebt, wo den Frauen der desertierten Soldaten sofort die staatliche und gemeindliche Unterstützung entzogen wurde. Die Familien strafte man so in furchtbarer und erbarmungsloser Härte für das, was der in so vielen Fällen in Todesnot und Berzweif­

Bater

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Die Frau und ihr Haus

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lung tat. Und dem föniglichen Deserteur will man Milli­ardenwerte nachsenden, damit er und feine ganze Familie ( deren männliche Angehörige gesund und arbeitsfähig aus dem Kriege zurückgekehrt sind und sich doch nicht selbst er. nähren) angemessen leben fönnen. Lachen könnte man, wenn es nicht so beschämend traurig wäre.

Die Not im Lande steigt von Tag zu Tag höher. Wir sind als Volk Bettler geworden und wir gehen betteln. Das Aus­land nimmt uns unsere unterernährten Kinder ab und schickt Gaben, um dem schreiendsten Elend zu wehren. Da sind un­zählige Familien, die die so knapp rationierte Milch für die Fleinen Kinderchen nicht kaufen fönnen, weil sie 2 Mr. für den Liter nicht zu bezahlen vermögen, da laufen seit Jahren Tausende von Kindern und Erwachsene ohne Hemd auf dem Leibe herum; so viele Familien müssen seit Jahren in Not­wohnungen hausen, die ein menschenwürdiges Leben nicht mehr möglich sein lassen. Und dem Mann, der so ein großes Maß Schuld an all dem unermeßlichen Elend trägt, in das uns der Krieg geführt hat, sollen Riesensummen gezahlt, 39 Schlösser zur Verfügung gestellt werden, weil er angeblich einen Rechts titel darauf besitzt.

Die Unmöglichkeit zur Erfüllung des Friedensvertrages stellt sich bei jeder neu zu leistenden Forderung mehr heraus. Unsere Regierung und das gesamte Volk versuchen die En­tente davon zu überzeugen, daß unser guter Wille an unserer Armut scheitert und im Widerspruch dazu wollen wir Zahlun gen an die Leute in Amerongen leisten, die wir schon um unserer Ehre willen ablehnen sollten.

Eine Resolution unserer Parteigenossen im Preußischen Landtag fordert ein Reichsgesetz zur Enteignung der Hohen­ zollern . Diese Resolution wurde mit dem Gejebentwurf einer Kommission überwiesen, wodurch vorläufig die Sache ihre Er­ledigung gefunden hat.

In der Deutschen Nationalversammlung stehen indes die Erzbergerschen Steuervorlagen die uns in unserer Armut helfen sollen- zur Beratung und Erzberger selbst kämpft vor

dem Staatsanwalt in Moabit einen Strauß mit Helfferich, dem ehemaligen Kriegsfinanzminister, aus, bei dem das Zu­schauen weder ein ästhetisches noch ein moralisches Vergnügen ist. Zafiir bedeutet er den Leuten, die ohne Sensation und fatich nicht leben können, geradezu einen Hochgenuß. Alle Stricas'chieber fühlen sich Erzberger gegenüber so weißwestig. so erbebend moralisch, weil sie es so viel besser verstehen, ihre Sunklen Bunfte zu berbergen, weil sie nie so ungeschickt sein würden, als dieser Mann in seinen Geschäften war. Stein Sozialdemokrat wird Herrn Erzberger in seinen geschäftlichen Handlungen, die er als Reichstagsabgeordneter machte und die ihm ein Vermögen einbrachten, deden wollen, denn unsere Wloralbegriffe in diesen Dingen sind von den seinen grund­verschieden. Wenn aber Leute wie Helfferich und Genossen, deren Reichtum und Moral auch auf kapitalistischem Boden ge­wachen sind, sich entrüften wollen, dann steigt einem doch der Ekel hoch ob solcher Heuchelei. Erzberger, der zuerst durch­aus Stapitaleroberungspläne verfolgte, war der Mann, der im