Für unsere Mütter und Hausfrauen

Nr. 13

O O O O O O O O 1911

。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit 。。。。。。。。

Inhaltsverzeichnis: Klara Müller- Jahnke . Von E. W. Trojan.

-

Aus der Geschichte unseres Hausrats: Alte Bratgeräte. Von Hannah Lewin- Dorsch. Hörstumme Kinder. Von gb. Feuilleton: Der Held. Von Wilhelm Holzamer. ( Schluß.)

Klara Müller- Jahnke .

Von E. W. Trojan.

( Nachdruck verboten.)

Das fünfzigste Lebensjahr hätte die Dichterin, von der ich hier sprechen will, vor kurzer Zeit vollendet. Und zu Hunderten wären die Menschen nach dem stillen, selbst von den Berlinern kaum ge­tannten Wilhelmshagen hinausgezogen, um ihr Gruß und Glück­wunsch und Dank darzubringen. Wer aber heute hinauskommt, der findet in der märkischen Heide nur ein einsames Grab, über­ragt von einem gewaltigen Findlingsblock; Kiefer, Wacholder und Ginster neigen ihre starren Häupter vor dem Reliefbild, dessen mild- ernste Büge aus dem Steine dem Wanderer entgegenblicken. In dem freundlichen Häuschen am ragenden Walde aber, das einst zwei Menschen Schuh und Heim bieten sollte, wohnt heute ein ein­famer Mann. Seine Gedanken sind dort, wo unter Kiefer und Wacholder sein Liebstes ruht. Wohl hat sein Künstlersinn die Halle des Hauses mit den Schönheiten des Orients ausgekleidet, aber die Herrin, die durch diesen Raum wandelt, die fehlt für immer, und der melancholische Klang des Klausnerglöckleins draußen am Hause kündet nur den Besuch von Fremden. Nur eines blieb dem zurückgebliebenen Gatten Klara Müllers zu tun übrig: die Werke seines Weibes zusammenzufassen und sie der Offentlichkeit darzubieten. Das ist nun in einer im Verlag der Vor­wärtsbuchhandlung, Berlin , erschienenen Ausgabe ihrer Gedichte geschehen( geheftet 3,50 Mt., gebunden 4,50 Mt.). Ein stattlicher Band von nahezu 300 Seiten ist es, den wir in den Händen Hundert tausender sehen möchten. Und jede einzelne Seite des Buches hat die Liebe des Gatten, des Malers Oskar Jahnke, zeichnerisch mit innigem Verständnis für die gerade angeschlagene Melodie ge­schmückt. Jede der sieben großen Abteilungen hat eine eigene stim­mungsvolle Titelzeichnung, und hineingestreut finden wir mancherlei Bildchen, hervorgegangen aus Erinnerungen an die zu früh dahin gegangene Gattin und aus landschaftlichen Eindrücken. So zeugt das Buch von der Liebe zweier Menschen, die über das Grab hin­aus vereinigt bleiben, wie die besten Wurzeln ihres Seins schon im Leben miteinander verwachsen waren.

Es gibt Dichter, die Stimulantien, Reizmittel brauchen, um, wie sie sagen, in Stimmung zu kommen und dann in dieser ge­wissermaßen erdentrückten Gemütsverfassung ihre Gedichte zu schreiben. Dem einfachen Menschen wird ein solches Gebaren, Ge mütserhebungen künstlich herbeizuführen, recht lächerlich, weil un natürlich erscheinen. Und zumeist ist es das auch. Wie ganz anders bei einer Dichterin wie der unserigen. In welcher Weise in einem Menschen das künstlerische Ingenium entsteht, darüber tappen Bio­logie und Psychologie noch im dunkeln. Blutmischung, Vererbung gewisser Neigungen und Fähigkeiten spielen da eine große Rolle. Und in den Eltern Klara Müllers lagen gewiß schon die Eigen­schaften des Kindes verborgen. Der Vater pommerscher Landgeist­licher, aber wo findet man das heute?- schwarz- rot- goldener Demokrat, die Mutter eine feine, sanfte Natur. Das Leben in der freien Natur, die Nähe der sehnsuchterweckenden Ostsee taten wohl ein übriges, um die schlummernden Dichtertriebe in Klara Müller zu wecken. Eines Tages brach es aus ihrem Innern hervor, kristall­flar, silbersprudelnd, hellklingend, labsalspendend. Da bedurfte es feiner Reizmittel, keiner Anregung durch Alloholika, Narkotika und ästhetisches Geschwätz im Literatencafé. Gin Duell war aufge­sprungen reich an dichterischer Kraft und Gestaltungsfähigkeit. Man fühlte sofort, Klara Müller gehörte keinem Dichtertlüngel an, kam aus feiner Schule, sie war ganz sie selbst, und wie es herausstieg aus den Tiefen ihrer Seele und ihrer Sehnsucht, so sang sie es hinaus in die Welt, unbekümmert darum, ob es den Literatur­professoren gefiel oder ob die haarumwallten Dichtergenies der mitternächtigen Kaffeehausrunden sie für zünftig erklärten. Sie fang, weil alles in ihr sang; sie sang, weil in ihr alles Freude, Lebensdrang, Schaffenslust war; sie sang, weil sie mußte.

Wie teck, unverzagt und selbstbewußt sie hinaustrat, sagt sie selbst in ihrem Ersten Lied":

Das erste Lied, das ich gesungen, um die Kritik war mir nicht gram, von meinen Lippen ist's gellungen so frisch, wie's mir vom Herzen kam. Das Kunstgefühl für Maß und Einheit hat mich kein Menschenmund gelehrt, mit Silbenzahl und Formenreinheit hatt' ich mir nie das Herz beschwert...

Ich ahnte nur, daß tief im Grunde der Zukunft weltverloren schlief ein Etwas, das mir jede Stunde ein, Singe!" in die Seele rief!

In dieser ersten Schaffensperiode waren es zunächst Natureins drücke, künstlerisch umgeformte Stimmungsbilder, die sie durchtränkte mit den eigenen seelischen Erlebnissen. Aber auch ihre Krast, sich von der Außenwelt abzuschließen und nur dem Widerhall zu lauschen, den die Ereignisse der Sinnenwelt im Innern fanden, tommt bereits wunderbar zum Ausdruck in einem Gedicht: Das Höchste" betitelt:

Was mir das Höchste ist, das sing' ich nicht; verschlossen bleibt des Herzens Heiligtum und seines Wesens feusches Siegel bricht fein Beifallslächeln und kein Dichterruhm; doch ist mein Schaffen nur von ihm belebt: Wie in der Blüte Kelch, der Felsenglieder granitner Pracht das Unsichtbare webt,

"

so strömt sein Hauch durch alle meine Lieder. Immer breiter wird nun der Strom ihrer Lieder, immer macht< voller rauscht er einher. Da ist es zunächst das große Ereignis im Leben eines jeden Menschen, die Liebe, das die Dichterin packt. Aber wie stellt sich diese Revolution des Leibes und der Seele bei Klara Müller dar! Nichts, gar nichts von der schamlosen Zur­schaustellung letzter, tiefster Empfindungen, wie das einige durch und durch zermürbte und dekadente ,, Dichterinnen" beliebten. Liebe ist unserer Dichterin weit mehr als tierische Erotik, als Wollüste trunkener Sinne; sie ist ihr der Sturm, der über die Geschlechter hinbraust, ihre prachtvollsten, gewaltigsten Kräfte aus geheimen Tiefen heraufholt und den von allen Schauern höchster Daseins­freude erbebenden Leib hoch emporhebt bis zum Kamme der Welle, wo er sich im vollen Sonnenlicht badet. Die Woge sinkt und zieht den Leib mit herab tief ins Tal und ins Dunkel der Verlassenheit, der Enttäuschung, der ewig ungeftillten und sich verzehrenden Sehn sucht. Aber Klara Müller ist eine tüchtige Schwimmerin; sie kämpft. nicht ohnmächtig gegen Sturm und Wogen, sie läßt sich tragen. Während es hinangeht, weiß sie, daß der Absturz folgen wird, und während sie hinuntergeschleudert wird in die Tiefe, breitet sie schon die Arme, um sich von einem neuen Glück, von einer neuen Welle hoch emportragen zu lassen, der Sonne entgegen. Sie sagt: In alle Tiefen bin ich gestiegen, Erklommen habe ich alle Höhn.

Und weiter:

Nichts Menschliches ist mir fremd geblieben. Aus dem Becher trank ich der bittern Not. Und ein wettersturmwildes, gewaltiges Lieben hat wie sengende Flammen mein Haupt umloht.

Und hier, in diesen unermüdlichen Kämpfen, wird sie zu dem, was sie hinaushebt aus dem Groß der Dichterinnen, wird sie zu dem, was uns berechtigt, sie in eine Reihe zu stellen mit der Ita lienerin Ada Negri und mit Dichtern wie Dehmel, Henckell , Mackay und Wedde, wird sie zur sozialen Dichterin. In ihrem eigenen Ringen um den Preis der Liebe erkennt sie die Schicksale all der vielen Tausenden ihrer Geschlechtsgenossinnen wieder, sieht sie den Marterweg, den das Weib, die Geliebte, die Mutter in unserer Gesellschaft zurücklegen muß. Da findet sie die Kraft, sich über sich selbst und ihre eigenen Nöte und Angste hinauszuheben zu der großen allumfassenden, alles verstehenden Menschenliebe, und sie singt diese Verse:

Ich sah das Weib, wie tiefer Sehnsucht voll es auf den dürren, dornenbewehrten Aeckern sah das Weib, nach Paradiesen suchte,

-

von dunklem Fluch geheizt,

mit blutenden Füßen durch die Wüsten irren...