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Für unsere Mütter und Hausfrauen

im Wasser; aber noch einmal es schauen zu dürfen, ist mein sehn­lichster Wunsch." Sein Freund lachte und sagte:

Es werden nur auf dem Wasser tanzende Lichtstrahlen und der Schatten deines eignen Kopfes gewesen sein. Morgen wirst du alles vergessen haben."

Aber morgen, übermorgen und wieder morgen kam, und der Jäger zog einsam umher. Er durchforschte Wald und Gehölz, er suchte an den Seen und im Schilfe, jedoch er fand nichts. Er schoß feine wilden Vögel mehr; was fragte er noch nach ihnen. ,, Was bedrückt ihn?" sagten seine Gefährten.

Er ist von Sinnen," meinte einer.

Nein, schlimmer als das", sagte ein anderer; er will etwas ge= sehen haben, was feiner von uns jemals sah, und sich nur auf­spielen."

Laßt uns die Gemeinschaft mit ihm aufgeben!"

Und so ging er hinfürder allein.

Eines abends, als er weinend und wunden Herzens im Dunkeln wanderte, stieß er auf einen alten Mann, der mächtiger und größer erschien als die Menschensöhne.

Wer seid Ihr?" fragte der Jäger.

Ich bin Weisheit," antwortete der alte Mann; manche aber nennen mich Wissen. All mein Leben lebte ich in diesen Tälern; aber der Mensch gewahrt mich erst, wenn Frau Sorge sich ihm zu­gesellt hat. Die Augen, die mich erblicken, müssen feucht von Trä­nen sein, und was ich dem Menschen verkünde, hängt davon ab, wieviel er gelitten hat."

Da rief der Jäger:

Ach, wenn Ihr so lange hier lebt sagt mir doch, was ist's mit diesem großen wilden Vogel, den ich im Himmelsäther ziehen sah? Sie wollten mich glauben machen, es sei nur ein Traum gewesen; der Schatten meines eigenen Kopfes."

Der alte Mann lächelte.

Das war die Wahrheit! Wer sie einmal erschaute, der ruht nicht mehr. Er begehrt ihrer bis an sein Ende."

Da rief der Jäger:

O, sagt, wo kann ich sie finden?"

Der Greis aber erwiderte: Du hast noch nicht genug gelitten", und damit verließ er ihn.

Der Jäger aber verbrachte die ganze Nacht am Webestuhl der Phantasie, und Faden und Faden schlang sich zum Nez.

Und als der Morgen fam, breitete er dies güldene Gewebe auf dem Boden aus und streute einige wenige Körner Leichtgläubig­keit, die ihm sein Vater hinterlassen hatte und die er in seiner Brusttasche bewahrte, hinein. Sie glichen den weißen Pilzchen, aus denen brauner Staub aufwirbelt, wenn man auf sie tritt. Dann saß er und wartete, was sich nun wohl ereignen würde.

Das erste, was sich im Neze fing, war ein schneeweißer Vogel mit Taubenaugen, der ein schönes Lied sang. Ein Gott- Mensch! Ein Gott- Mensch! Ein Gott- Mensch!" so sang er. Der zweite, der tam, war schwarz und geheimnisvoll, mit dunkeln, lieblichen Augen, deren Blick in die Tiefe der Seele drang. Der zwitscherte nur: Unsterblichkeit!" Beide nahm der Jäger in seine Arme; dann sagte er: Sicher gehören sie zu der schönen Familie der Wahrheit." Danach kam ein anderer in grün- goldenem Gefieder, der mit greller Stimme, wie ein Marktschreier, Belohnung nach dem Tode! Belohnung nach dem Tode!" sang.

Der Jäger sprach:" So licht und gut bist du nicht, aber du bist doch auch schön"; und er nahm ihn auf. So kamen noch manche mit schönem Gefieder und hübschen Gesängen, bis alle Körner auf­gepickt waren. Der Jäger baute nun einen starken eisernen Käfig, neuer Glaube" genannt; in diesen sperrte er alle seine Vögel hin­cin, und das Volk kam und tanzte und sang um denselben herum. Oglücklicher Jäger!" jubelten sie; o wunderbarer Mann!" " O entzückende Vögel!" O reizender Gesang!"

Nicht einer fragte, woher die Vögel kämen, noch wie man sie gefangen; aber sie tanzten und sangen um sie her, und auch der Jäger war froh, denn er sagte sich:

Gewiß, auch Wahrheit ist unter ihnen. Wenn die Zeit erfüllt, ist, wird sie ihr Gefieder wechseln, und dann wird sie mir in ihrer schneeigen Schöne erscheinen."

Doch die Zeit verrann, die Leute sangen und tanzten nach wie vor, aber des Jägers Herz ward schwer. Wie ehedem schlich er sich fort und weinte; das brennende Verlangen war von neuem in seiner Brust erwacht. Eines Tages, als er wieder so allein saß und meinte, traf er Weisheit. Er erzählte dem Alten, was er getan hatte.

Da flog ein trübes Lächeln über Weisheits Züge.

,, Viele schon haben der Wahrheit solch Netz gestellt, aber nie ist fie hineingeflogen. Mit den Samen der Leichtgläubigkeit läßt sie

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sich nicht füttern; in das Netz der Wünsche verstrickt sie ihre Füße nicht; in der Luft dieser Täler vermag sie nicht zu atmen. Die Vögel, die du einfingst, fommen aus dem Nest der Lüge. Lieblich und schön, aber doch Lügenbrut; Wahrheit hat keine Gemeinschaft mit ihnen."

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Und der Jäger sprach in Bitternis: So soll denn diese innere Glut mich wehrlos verzehren?" Der Alte aber sprach:" Höre mich denn du hast viel gelitten, und ich will dir kundtun, was ich weiß. Wer die Wahrheit sucht, muß diese Täler des Aberglaubens für immer verlassen und keinen Strohhalm darf er mit sich nehmen. Allein muß er niedersteigen in das Reich völliger Verneinung und Verleugnung; dort muß er ver­weilen; widerstehen muß er jeder Versuchung, und wenn endlich ein Lichtstrahl hereinbricht, muß er sich erheben und diesem in ein Land voll sengender Sonnenglut folgen. Dort wird die starre Wirklichkeit vor ihm wie Felsgebirge sich türmen: dies heißt es er­flimmen, und jenseits desselben thront die Wahrheit."

Und er wird sie fassen und halten!" rief der Jäger aus. Weisheit aber schüttelte das Haupt. Nie wird er sie schauen, niemals sie fassen; noch ist dazu nicht die Zeit."

" So gibt es also keine Hoffnung?" stöhnte der Jäger. ,, Merke noch dies," sagte Weisheit. Einige Menschen haben diese Berge erklommen; Schicht um Schicht dieser schroffen Felsen haben sie erstiegen, und beim Wandern in jenen hohen Regionen mag es geschehen sein, daß der eine oder andere eine aus den Schwingen der Wahrheit gefallene Silberfeder vom Boden auflas. Und es wird kommen" sprach der Greis, indem er sich prophetisch aufrichtete und mit dem Finger gen Himmel wies ,, es wird kommen, daß Menschenhände genug solchen Silberflaums gesammelt haben wer­den, um daraus einen Faden zu spinnen und aus ihm ein Neß, und in diesem Neze kann vielleicht die Wahrheit gefangen werden. Wahrheit allein kann Wahrheit fassen und halten."

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Der Jäger erhob sich. Ich will gehen," sagte er. Weisheit jedoch hielt ihn zurück. Gib wohl acht! Wer diese Täler verläßt, kehrt niemals zurück. Und ob er sieben Tage und sieben Nächte blutige Tränen weine: nie kann er seinen Fuß wieder über ihre Grenzen setzen. Einmal verlassen, sind sie es für immerdar. Auf dem Pfade, den du wandeln willst, winkt keine Belohnung. Wer ihn betritt, tut es freiwillig aus seiner großen Liebe heraus. Die Arbeit selbst ist sein Lohn."

Ich gehe," sprach der Jäger; doch sagt mir, welchen Weg ich auf den Bergen einschlagen soll."

" Ich entstamme dem Geiste der Vergangenheit," sagte der alte Mann; ich kann nur auf ausgetretenen Pfaden wandeln. Diese Berge aber haben bis jetzt nur wenige betreten, und jeder muß sich seinen Weg selber bahnen. Jeder geht auf seine eigene Gefahr; meine Stimme hört er nicht mehr. Ich kann ihm folgen, aber ich vermag nicht, ihn zu führen."

Damit verschwand Weisheit. Und der Jäger wandte sich. Er ging an seinen Käfig und zertrümmerte mit den Händen die Stäbe, an deren scharfem Eisen er sich blutig riß. Es ist zuweilen leichter, aufzubauen, als niederzureißen. Einen nach dem anderen seiner ge­fiederten Sänger ließ er fliegen. Als jedoch die Reihe an den dunkeln Vogel kam, hielt er denselben fest und sah ihm in die schönen Augen, während der Vogel seinen leisen, tiefen Ruf Un­sterblichkeit" ertönen ließ. Da sagte er kurz:" Von dir kann ich mich nicht trennen. Du bist nicht schwer; du brauchst keine Nahrung. An meinem Busen werde ich dich verbergen und dich mitnehmen." Und er vergrub ihn dort und verdeckte ihn mit seinem Mantel. Je­doch das Ding, welches er so versteckt hielt, wurde schwerer; schwer und schwerer, bis es ihm wie Blei auf der Brust lag. Er konnte sich nicht bewegen, er vermochte nicht, seine Heimat zu verlassen, solang er den Vogel bei sich hatte. Da nahm er ihn nochmals hervor und betrachtete ihn. Ach, mein Schönstes, mein Herzliebstes! darf ich dich denn nicht behalten!" rief er aus und sah traurig auf seine Hände.

..Geh," sagte er. Mag sein, daß in dem hohen Liede der Wahr= heit ein Ton dem deinen gleicht; aber ich werde denselben niemals bernehmen." Seufzend öffnete er seine Hand, und der Vogel ent­flatterte ihm für immerdar.

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Dann ließ er vom Schiffchen an seinem Gedankenwebstuhl den Faden der Wünsche zu Boden gleiten und steckte das nun leere Schiffchen zu sich. Der Faden war in diesen Tälern gesponnen worden, das Weberschiffchen aber stammte aus einem unbekannten Lande. ( Schluß folgt.)

Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin ( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart .

Drud und Berlag von J. H. W. Diet Nachf. G.m.b.$. in Stuttgart .