Mr unsere Mütter und hausstauen Nr. 1200000000 Beilage zur Gleichheit 0O00000O 1913

Inhaltsverzeichnis: Über die Entwicklung des sozialen Sinnes bei Kindern: 11. Von Fritz Elsner. Für die Hausfrau. Feuilleton: Unter den Häuslern der Berge. Bon M. Andersen Nexö.(Schluß.) Lieber die Entwicklung des sozialen Sinnes bei Kindern. Die unbewußte Nachahmung erkannten wir als die Voraus- setzung, um Sympathiegefühle zu erleben. Sie ist aber auch zugleich das wichtigste Mittel zur Eingewöhnung in die Umgebung. In den drei ersten Lebensjahren ist das Kind ganz überwiegend rezeptiv, das heißt aufnehmend. Man hat berechnet, daß von der gesamten Aktivität des einjährigen Kindes 70 Prozent auf unbewußte Nach- ahmung entfallen, 30 Prozent beim vierjährigen, nur noch 8 Prozent beim achtjährigen Kinde. Man beobachte nur, wie häufig selbst Er- wachse»« noch in Worten und Bewegungen der unwillkürlichen Nach- ahmung im Verkehr unterliegen I So lenkt die Umgebung die ge- samte Tätigkeit des Kindes und seine Vorstellungen in eine bestimmte Richtung.Die Vererbung gibt die Möglichkeiten, die Umgebung deren Verwirklichung ab." Die Umgebung lenkt also, auch ohne planmäßig das Kind erziehen zu wollen, dessen Ge- dankenwelt und Handlungsweise in ihre Bahn. Diese Neigung zur Nachahmung verrät ein großes Anlehnungs- bedürfnis und eine weitgehende Anpassungsfähigkeit des kindlichen Willens. Nicht als ob das Kind keine starken Willens- antriebe hätte, aber sein Mangel an Erfahrung bringt eS in Ab- hängigkeit von dem umsichtigeren und erfolgreicheren Wollen des Erwachsenen. Daraus erklärt sich das Übergewicht von Vertrauen und Gehorsam über selbständiges Denken und freiheitliche Neigungen im Alter von 4 bis 12 Jahren. Nachahmend eignet sich das Kind die Sprache der Erwach- senen an. Der angeborene sprachschöpferische Trieb wird fast ganz zugunsten derMuttersprache unterdrückt und kann sich nur in vereinzelten sclbstgcprägten Ausdrücken für stark begehrte Gegen- stände äußern etwa die Milchflasche oder ein Spielzeug. Da- bei hilft oft genug noch die Umgebung nach, indem sie unwillkür- liche Wortbildungen des Kindes ihrerseits übernimmt. Erst wenn das Kind zu sprechen beginnt, also seit dem zweiten Lebensjahr, nimmt es innigeren Anteil am Gemeinschaftsleben seiner Um- gebung. Durch die Sprache übernimmt es nicht nur die Bezeich- nungen der Dinge, sondern auch deren Beziehungen zueinander und ihre Wertbeurteilung von der sozialen Gemeinschaft, in der es lebt. Dichter und Sprachgcwaltige haben betont, daß die Sprache oft genug geradezu für sie denke. In die Aufgabe, das Kind in die soziale Gemeinschaft hinein- zuführen, teilt sich mit der Sprache das Spiel. Seine große pädagogische Bedeutung ist zuerst von Friedrich Fröbel (1782 bis 18S2) voll gewürdigt worden, dem Begründer der Kindergärten, der freilich in Nordamerika und Italien mehr als bei unZ Schule gemacht hat. Wir wiesen einleitend auf den Spieltrieb der Tiere hin. Wir können hier die Frage beiseite lassen, ob wir im Spiel eine bloße Betätigung überschüssiger Kräfte zu sehen haben oder ob seine große Nützlichkeit für die Ausbildung der Jungen zum Daseinskampf die Züchtung jene? Triebes zur Folge hatte. In der Entwicklung des kindlichen Seelenlebens hat daS Spiel zu­nächst folgende große Aufgaben zu erfüllen: Es ermöglicht dem Kinde in einer seiner körperlichen und geistigen Reife angemesse- nen Weis« die Teilnahme an der realen Welt, und eS gestattet ihm die Bildung kindlicher Ideale. Nehmen wir, um das deutlich zu machen, die Puppe, diese» verbreitetste Spielzeug der Mädchen. Da» Kind ahmt an der Puppe alle die Handlungen nach, die mit ihm selbst vorgenommen werden, eS reproduziert also mittels diese» Gegenstandes den Umkreis seiner täglichen Erlebnisse und auch Aufgaben. Dabei nimmt das Kind der Puppe gegenüber ge- wohnlich die Stelle des Erzieher» ein, stattet sich selbst mit dessen Pflichten und Rechten ans und lohnt und straft sein Puppenkind nach den Grundsätzen seiner Umgebung. Die Puppe wird ein Gegenstand sittlicher Erziehung; die sozialen Grundsätze der Fa- miliengcmeinschaft werden bei vertauschten Rollen versinnbildlicht. Oft kann man dabei beobachten, wie unter der gestaltenden Phantasie de» Kindes die Puppe ein Wesen mit ganz bestimmten Eigenschaften wird, dem sittlichen Ideal des Kindes entsprechend.

Wer den Charakter des Kindes kennen lernen will, beobachte es beim Puppenspiel! Wie stark der Mensch gesellig veranlagt ist, zeigt die seltsame Erscheinung der Bildung von Phantasiegespielen, die man nament- lich bei Kindern ohne Geschwister oder sonstige Gefährten be- obachtet. Ein amerikanischer Erzieher erzählt von einem durch- aus normalen Mädchen seiner Bekanntschaft:Als Katharina etwa drei Jahre alt war, verlebte ein etwas älteres Mädchen namens Marie einige Tage in dem Hause meines Freundes. Nach Maries Abreise plauderte und spielte Katharina beinahe beständig mit der.kleinen Freundin Mowie' Mowie war wahrscheinlich ein verdorbenes.Marie'. Mowie spielte eine doppelte Rolle die einer Spielgefährtin und die einer äußeren Darstellung oder Idealisierung von Katharinas eigenem Selbst. Sie war in ihren Lebensbedingungen vollkommen gleich mit Katharina, hatte die- selben Familienbeziehungen, dasselbe Spielzeug, dieselben Ver- gnügungen, nur nach der ethischen Seite hin wich sie sehr bedeu- tend von ihrer Schöpferin ab. Der Vater ist der Ansicht, daß Mowie Katharinas ethisches Ideal darstellte, dem sie nach ihren schwachen Kräften nachstrebte. Wenn Katharina übermütig und ungehorsam war, folgte Mowie ihrer Mama und beging keine Ungezogenheiten. Wenn man Katharina zur Artigkeit ermahnte, zeigte sie ihre Bereitwilligkeit, indem sie sagte, Mowie tue dies oder das, wie es sich gehörte---- Die zweite Rolle, die Mowie zu vertreten hatte, war die einer Spielgefährtin. Da Katharina ein- ziges Kind war, machte eS ihr das größte Vergnügen, mit Mowie zu spielen, mit ihr zu plaudern, sie hin und her zu schicken und mit ihr zu streiten. In dieser Eigenschaft als Kameradin erhielt Mowie auS zweiter Hand die Erziehung, die Katharinas Mutter ihrem Kinde zuteil werden ließ. Mowie war ein Phantasiegcbilde, das ernst genommen werden mußte, und unter keinen Umständen hätte Katharina ertragen, daß man sie verspottete." Über den Kreis des Hauses hinaus führen namentlich Knaben- spiele in das Leben und die Aufgaben der größeren sozialen Ge- meinschaften. Daß die Mädchen hier zurückstehen, hängt natürlich mit der allgemeinen Stellung der Frau in der heutigen Gesell- schaft zusammen, wie überhaupt in den Spielen der Kinder sich die sozialen Tendenzen der Erwachsenen spiegeln. Das Soldaten- spiel war gewiß in einer Zeit, die vor allem Landsknechtstugendcn vom Staatsbürger verlangte, ein gutes Mittel zur Erziehung sozialen Sinnes. Der Proletarier, der gegen Krieg und Milita- rismus kämpft, wird seine Kinder von solchem Spiel ablenken. Bis jetzt haben wir die eine Seite der Bedeutung des Spieles für die Entwicklung des sozialen Sinnes hervorgehoben. Die an- bete wichtige Wirkung liegt im Gemeinschaftsspiel, das im Alter von drei oder vier Jahren beginnt. Hat das Kind sonst nur mit überlegenen Erwachsenen zu tun, so wird es im Spiel gezwungen, sich mit Menschen der gleichen Altersstufe und der gleichen Rechte zum gemeinsamen Handeln zu einigen. Dadurch wird da» Spiel zu einer Vorschule sozialer Zwcckvcrbände. In den ersten drei Jahren spielen Kinder noch lieber allein als mit Altersgenossen. DaS Kind spielt mit zwei Jahren in 70 Prozent der Spiele allein, nur 13 Prozent der Spiele werden im dritten Jahre mit Gefährten geteilt. Das ursprüngliche egoistische Be- gehren nach alleinigem Recht verhindert in dieser Zeit das freie Zusammenschließen. Aber bereits im Alter von vier Jahren wer- den Spielgenossen vorgezogen, und mit zwölf Jahren machen die geselligen Spiele 90 Prozent aller Spiele aus.(Nach einer ameri- konischen Untersuchung.) Bei diesen gemeinsamen Spielen nun werden alle Seiten sozialen Sinnes ausgebildet, Kameradschaft- lichkeit und Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn und Achtung des(Spiel-) Gesetzes, Unterdrücken der eigenen Wünsche um des gemeinsamen Zweckes willen. Und in den Wahlen der Führer, der Festsetzung der Spielregeln, der Gerichthaltung über Gesetzesverächter treten uns primitive Formen der Organisation entgegen. Das Spiel ist, darauf sei hier noch hingewiesen, zugleich die Brücke zur sozialen Arbeit und kann es um so mehr sein, als Spielen für das Kind Arbeiten ist. Man beobachte nur, mit welcher Lust kleine Wichte sich zur Arbeit des Vaters oder der Mutter drängen, um spielend daran teilzunehmen. Die großkapi- talistische Entwicklung hat daS Kind von den arbeitenden Eltern getrennt und hat es so der natürlichsten Eingewöhnung in die soziale Arbeit beraubt, um an deren Stelle die ausbeuterische