Für unsere Mütter und Hausfrauen
Nr. 23
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Beilage zur Gleichheit
Inhaltsverzeichnis: Das Jdeal. Gedicht von Sully Brudhomme.- Bürgerliche und proletarische Kriegslyrit. Von hl.- Quart und Gelatinegerichte für fleischlose Tage.- Zum Nachdenken.- Feuilleton: Die Mutter des Ungeheuers. Von Marim Gorki.
Das Ideal.
Ein höchstes Ziel wegleitet alle Herzen;
Es birgt sich unserm Blick und zieht uns doch hinan, Und alle Edlen steh'n in seinem Bann,
In ihrer Freude Glut in ihren bangen Schmerzen.
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Dies Jdeal besiegt selbst seine Spotter An jenen Tagen, wo in heil'gem Grimme Posaunenmächtig eines Volkes Stimme
Jn Trümmer stürzt das alte Reich der Götter. Dann läßt uns jäh die trunk 'ne Seele ahnen: Einst baut hinieden sich ein letztes Reich, In dem der Bettler und der König gleich, Wo Hand in Hand, auf weiten, glücklichen Bahnen, Die Stirnen leuchtend in der Sonne Meer, Zieht sieggekrönt der Brüder Schar einher. Das ist in uns'rer bangen Qual die Lichtung, Die selig dämpft des Herzens heiß Begehr. Geblendet folgt das Aug' noch lang' der Richtung, Wenn schon die Wetter droh'n verderbenschwer.. Sully Prudhomme .
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Bürgerliche und proletarische Kriegslyrik.
Alles Dichten ist Erleben. Wo das Leben den Künstler nicht im Innersten pact, aufwühlt, wo seine Person sich nicht ganz hingibt, nicht ganz voll ist von dem Gegenstand seines Schaffens, da kommt feine große, bleibende Kunst zustande. Dazu gehört freilich auch, daß der Dichter ein Mensch ist, der das lebendige Geschehen, sei es sein eigenes, sei es seiner Umwelt, nicht nur an der Oberfläche, sondern in seinen Grundtatsachen erfaßt; daß er mit allen Daseinsrätseln hadert; daß er nicht nur selber vom Leben aufgerührt sein will, sondern selber das Leben aufzurühren die Kraft hat. Wer die bürgerliche Literatur der letzten Jahre zu verfolgen die traurige Pflicht hatte, konnte wohl erschrecken über die zunehmende Gedanken- und Erlebnisarmut, die sich hier offenbarte. Umsonst suchten die Dichter und Dichterinnen ihre geistige Bleichsucht hinter roter Schminke zu verdecken, machten interessante Seitensprünge ins Gebiet des Erotischen , des Ungeheuerlichen, des Krankhaften, suchten durch sprachliche Akrobatenstücklein und Seiltänzereien, durch Begriffsverwirrungen und Stimmungseffekte ihr geduldiges Publikum an der Nase herumzuführen. Sie bildeten sich selbst ein, ihre armselige Limonade sei schäumender Champagner, und die Allerklügsten gossen ein paar Tropfen melancholischen Magenbitters in das Getränk, damit man beim Trinken interessante Gefichter ziehe.
Doch auf die Dauer kann man der Welt kein X für ein U vormachen. Was gesunde Wirklichkeitsmenschen waren, ließen Lyrik Lyrik sein, gingen ihrem Erwerb nach, trieben ihre Politik, sorgten für ihre Erholung und lasen höchstens hier und da einen handfesten Roman, der wenigstens durch etwas Sensation und Spannung für die Zeit entschädigte, die man damit verplemperte. Auch bei geistig sonst hochstehenden Menschen konnte man häufig hören: Lyrik? Dafür fehlt mir das Verständnis. Das mag etwas sein für Träumer und Tagediebe, ist aber nichts für praktische Menschen, die mitten im wirklichen Leben stehen und hier zu handeln, zu kämpfen und zu wirken haben.
Der Dichter sah natürlich mit unsäglicher Verachtung auf solche Menschen herab. Ihm fiel es gar nicht ein, sich die Frage vorzulegen, ob nicht seine Kunst die größere Schuld an dem mangelnden Interesse so vieler sonst durchaus nicht ungebildeter Laien, trage, ob die heutige Poesie nicht zum großen Teil den Zusammenhang mit dem wirklichen Leben verloren habe und damit auch jedes Recht auf Verständnis und Liebe von seiten des lefenden Publikums.
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1915
Doch halt! Wir tun einem Teil unserer dichtenden Zeitgenossen bitter Unrecht. Sie haben schmerzvoll die aufgeblasene Nichtigkeit der modernen literarischen Produktion erkannt, sie wissen, daß auch Theater und Roman an derselben geistigen Blutarmut krank liegen, daß hier nur noch die Sensation, der Nervenkitel ein volles Haus und einen gutzahlenden Leserkreis schafft, sie wissen das alles und leiden sogar manchmal darunter. Aber schon haben sie auch das Karnikel an den Ohren, das an allem Unheil schuld ist: unsere Zeit, unsere unsäglich tatenarme, inhaltlose Zeit. Wie soll man auch etwas erleben, wo kein großes Geschehen vorhanden ist? Soll man etwa über Parlamentsdebatten dichten? oder über Bergwerksaktien und die hohen Dividenden dieser oder jener Fabrik? So sprachen sie vor dem Krieg. Daß tatsächlich unsere Zeit eine ge= waltige Zeit auch vor dem Kriege war, daß die Menschheit seit Jahrzehnten mitten in der tiefstgreifenden Revolution stand, die fie jemals durchgemacht hat, daß jeder Tag voll erschütternder Tragödien ist, voll himmelstürmender Hymnen und drohender Zorngefänge, daß der Dichter nur aus dem gärenden Chaos zu schöpfen brauchte, nur formen und fassen durfte; das konnten diese Herren und Damen der besseren Gesellschaft natürlich nicht wissen. Und wenn sie sich einmal herabließen, mit der sozialen Frage" zu liebäugeln, so kam dabei jene verkünftelte und verschrobene soziale Lyrik" heraus, die der Schrecken jedes unbefangen proletarisch emp= findenden Arbeiters ist. Man kann sich eben kein Erlebnis anempfinden, dessen Voraussetzung eine ganz andere Welt, eine Welt der Arbeit, der Entbehrungen und Opfer ist.
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So haben denn die Mehrzahl unserer bürgerlichen Dichter bewußt oder unbewußt, heimlich oder offen eben nach dem unbekann= ten großen Erlebnis gebürstet und ihm inzwischen allerlei Räucherwerk gestreut, wie weiland die Athener dem„ unbekannten Gott". Nur daraus versteht man ihre plötzliche, schrankenlose Fruchtbarkeit in dem Augenblick, als der Weltkrieg ihnen die Köpfe heiß und die Nerven kribbelig machte. Nun war es da, das große Erlebnis, das heimlich ersehnte, das lang erwartete. Schon vorher hatte unter dem Eindruck der steigenden Rüstungen, der chronischen Kriegsgefahr das kriegerische Motiv eine Rolle vor allem im modernen Unterhaltungsroman zu spielen begonnen. Und wer die kriegerischen Dithyramben so mancher bürgerlicher Journalisten, Oberlehrer, Festredner kennen lernte, wer vor allem das Lob des Krieges in so manchem Jugendbuch, in so mancher Jugendzeitschrift las, der wußte, daß weite Kreise und gerade die geistig führenden im Bürgertum den Krieg herbeisehnten, als den Vater aller großen Taten, aller männlichen Tugenden, als den erbarmungslosen Arzt ihrer eigenen Schwäche und Inhaltlosigkeit. Weil die weitesten Schichten des gebildeten Bürgertums fein großes Kulturziel besaßen, darum sie kämpfen konnten, so kam ihnen das Ziel des modernen Imperialismus gerade recht, und sie beeilten sich, ihm um die grobknochigen Schultern das ideale Mäntelchen zu hängen, dessen er so bitter nötig bedurfte. Der deutsche Gedanke in der Welt, die Erzieheraufgabe des deutschen Volkes, Deutsch land als Ritter der Humanität und aller Gesittung auf der an deren Seite derselbe Gesang über die Kulturmission Frankreichs , Englands, ja sogar eines Rußland ! Nun hatten endlich die Dichter, was sie brauchten: das große Erlebnis und das große Ziel. Die Begeisterung war da, es blieb nur zu zeigen, ob man die Fähigkeit besaß, den brodelnden Brei in die feste künstlerische Form zu gießen. Die Berge wollten gebären und heraus sprang eine winzige Maus. Der alte lateinische Vers findet immer wieder einen Vorgang, auf den er paßt. Monatelang hat der kreißende Barnaz bürgerlicher Dichtkunst Feuer und Dampf gespien. Wer aber auf einen wirklichen, achtunggebietenden Bulfanausbruch wartete mit echter, glühender Lava, und dabei noch etwas Unterscheidungsvermögen besaß, mag bitter enttäuscht gewesen sein. Besonders die großen, anerkannten Modedichter machten furchtbare Pleite. Ein Hauptmann sang Gassenhauer ohne Wiz, ein Arno Holz versandte an die Redaktionen Schnadahüpfel, denen außer dem guten Geschmack sogar der Humor fehlte, ein Lissauer mißbrauchte seine Virtuosität zu seltsam pathologischen Haßgesängen, und noch schlimmer war, was gar die kleineren Geister, die Ganghofer , Bahn, Rudolf Herzog und Fulda verbrachen. Für Pathologen und Psychologen wird die Dichteritis und Spionitis des Herbstes 1914, wie sie unterschiedslos in allen kriegführenden Ländern losbrach, ein interessantes wissenschaftliches Problem sein. Zum Glück liegt
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