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Feuilleton
Für unsere Mütter und Hausfrauen
Beim Gemeindevorsteher.
( Fortsetzung.)
Jens hatte das Uhrinnere von der geblumten Scheibe losgemacht und drehte es nun langsam vor dem dünnen Talglicht; als er das nackte Uhrwerk auf den fleischigen Fingerspigen hielt, gemahnte es an eine aus ihrem Hause genommene Schnecke; die feine Stahlfeder zitterte bei der leisesten Berührung wie die fröstelnde Nabelschnur einer neugeborenen Leibesfrucht.
Die neugierigen Kartoffelleute rückten ein wenig näher, um einen Blick ins Werk zu tun; aber Jens verzog den Mund, sah sie allesamt streng an, am strengsten Ber, weil er aus seiner Tabakpfeife qualmte, was Jens ein Hohn schien auf seine ernsten Anstrengungen, die Zeit in richtigen Gang zu bringen.
" Ihr lauert umsonst; feiner kriegt was zu sehen, wenn's einmal bei ihm aus dem Loch pfeift," sagte Sofie.
Nun wurde das Nachtessen aufgetragen: Eine Schüssel Kartoffelbrei mit Speckschnitten und zerlassenem Fett in einer Grube in der Mitte. Die Magd, die das Essen auftrug, war niemand anders als Dorre Romler, Pers Bekannte von der Schulzeit her. Sie war jetzt ein hochgewachsenes, ungeschlachtes, breithüftiges Frauenzimmer, und wenn sie auftrat, quietschten die Reifen ihrer Holzschuhhacken auf dem gelben Ziegelboden. Ihre Augen blickten schwer und umflort, als hätten sie etwas von den Moordämpfen ihrer Geburtsstätte mitgebracht. Dorre diente bereits ein paar Jahre bei Hans Nielsen ; denn wie allen gutmütigen Menschen widerstrebte es ihr, den Platz zu wechseln, wenn sie es auch nichts weniger als gut hatte; sie war von jenen, die alle Büffe schweigend hinnehmen.
Der erste, den ihre Blicke beim Eintreten suchten, war Per. Auch als sie sich umwendete, um wieder hinauszugehen, glitten ihre trüben Augen fast streichelnd über Pers Wangen . Er wußte es offenbar, schaute aber absichtlich nach einer anderen Richtung.
Die Leute saßen in einem hufeisenförmigen Rund um das untere Ende des Tisches; Jens Laanum nahm nicht an der Mahlzeit teil. Es wurde nicht viel geredet. Das Fettloch senkte sich immer tiefer, dank den unzähligen Stößen von allen Seiten. Der Brei schwand wie Tau vor der Sonne.
Es konnte den Blicken nicht entgehen, daß zwischen Franz Dangaard und seinen Tischgenossen sich zu beiden Seiten ein größerer Raum einschob. Franz war dieses Abrücken gewohnt, er kannte die Ursache wohl und hatte nichts dagegen einzuwenden. Sobald alle die Löffel weggelegt hatten und so viel Plaz geworden war, daß man hindurchkommen konnte, ging Franz gebeugt und eilig aus der Stube.
„ Jetzt geht er, der Deibel soll mich zerreißen, ihnen ein Nachtquartier schaffen," bemerkte das Gneisel.
Wem denn?" fragte Line, die Gneis Bildersprache nicht verstanden hatte.
„ Den Läufen natürlich! Wie ich früher herein bin, ist er ge= standen und hat sich an der Hausecke den Rücken gescheuert, akkurat wie ein räudiger Hund."
" Der Arme," sagte Line.
Franz tam wieder in die Stube.
" Hast du einer jeden schon ihren Plaz geschafft? ha, ha, ha, ha!" lachte Gneis, indem er sein ungewaschenes Maul allen ringsumher zukehrte.
„ Ach, kannst du mich nicht gehen lassen; ich wüßt' nicht, daß ich dir je was in den Weg gelegt hätt'," versette Franz, mit den grauen Augen von unbestimmbarem Ausdruck nach einem Platz spähend, so weit weg als möglich von den übrigen.
,, Geh, Gneis, hast nicht genug an dem deinen?" mahnt Per. " Nein, wahrscheinlich will er den Flotten spielen, weil er auch von der Gemeinde beteilt wird," erklärte Sofie. Bei dem Worte ,, auch" blickte sie spöttisch zu Mette hin.
,, Ach, mach dich nicht so mausig, Gebatterin," entgegnete Gneis, „ denn was nicht ist, das kann noch werden."
" Da wird jedenfalls noch eine Weile darüber hingehen, ehe wir von der Gemeinde etwas nehmen! Nicht wahr, Jens?"
" Ja, Weib!" gab Jens vom anderen Ende des Tisches zurüd, wo er noch immer mit seinen Hämmerchen und Kneipzangen flirrte und die Luft über die Lippen explodieren ließ.„ Wer sucht aber auch ein Korn in dem, was der Gneis sagt? Vornehmlich redet er allweil zu viel. Es ist bei ihm wie bei der Uhr da, am Schlagwert fehlt's. Es meint eins, aber schlagen tut's zwölf."
Diese Antwort lohnten die anderen mit einem Lachen, in dem das Gneisel rettungslos unterging.
Nr. 1
Nun trat eine peinliche Stille ein. Da man sich auf der ganzen Linie gegenseitig beleidigt hatte, war es nicht mehr möglich, den Faden des Gesprächs wieder anzuknüpfen.
,, Wo nur der Bauer bleibt?"
Einige begaben sich an den Herd zu Dorre hinaus. Der alte Ywer duselte in der Bankecke. Jens Laanum klirrte mit seinem Werkzeug. Per verfiel in Nachdenken.
Es kam ihm in den Sinn, was Doktor Koldkur über Menschenbergeudung gesagt hatte. Alle die Armen, die gebückt und gefniďt in der Hoffnung dasaßen, doch etwas Taglohn, und sei er noch so gering, zu erhalten, waren sie nicht jung und mutig wie er selbst gewesen? Sie hatten neue, anständige Kleider besessen und waren jeder einzelne in ihrem Kreise geachtet gewesen. Wie dieser Franz da, der sich kaum eine Sekunde stillhalten konnte, weil seine Haut von Ungeziefer zernagt wurde; war er nicht einer der flottesten unter ihnen allen gewesen, ging mit Silberkette auf der Weste und Gehängsel an der Uhr, die Hosen in hochschaftigen Stiefeln mit blankgewichsten Stulpen? Wo wäre die Hofbauerstochter gewesen, die sich nicht geschmeichelt gefühlt hätte, von Franz zu einem Tanz aufgefordert zu werden, und lebte die Geschichte nicht noch immer in der Erinnerung aller Alten, wie ein vornehmes Fräulein auf Sölsig über Hals und Kopf nach Seeland unter die Aufsicht besorgter Verwandter gesendet werden mußte, weil der flotte Tischler ihr den Kopf verdreht hatte? Was für eine teuflische Macht war es, die langsam langsam wie mit einer Walze sein Glück sowohl wie das der anderen zermalmt hatte?
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War er, Per, vielleicht auch im Begriff, in solch ein Räderwerk hineingezerrt zu werden? Sollte sein Leben nur eine schale Wiederholung des ihren werden? War nicht alles darauf angelegt: die Armut, die Schlaffheit, die Hoffnungslosigkeit? Es war, als läge ein Fluch auf dem ganzen dienenden Stande. Ein einziger Unfall in den langen Arbeitsjahren, eine Hand in einer Maschine, der Hufschlag eines Pferdes, der Sturz von einem Balken, und das ganze Leben war im Nu hinabgezogen in den reißenden Wirbel von Schande und Untergang.
Per wurde diesen düsteren Gedanken durch den plötzlichen Eintritt Hans Nielsens entrissen.
„ Grüß Gott, Jens," sagte er, sich an den Uhrmacher wendend. „ Na, hast du dich über die Uhr hergemacht? Wir haben schon lange rechts und links nach dir ausgeschaut. Man sieht dich doch auch bald wieder?"
,, Gewiß, ich kann heut abend noch nicht fertig werden." Hans Nielsen wendete sich nun zu den Kartoffelleuten. " No, hat euch die Magd das Nachtessen gebracht?" fragte er. " Ja, danken schön!" scholl es ringsumher aus den Winkeln. " Was wird's denn aber jetzt mit dem andern sein?... Mit der Bahlung mein' ich," sagte Hans Nielsen und sah sich fragend um. Da niemand antwortete, fügte er hinzu: Was habt ihr denn anderwärts gekriegt, wo ihr gewesen seid?"
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" Ja, das ist ja ganz verschieden, danach, wie die Leute selber dran sind," erwiderte Wolle Stajbaek.
„ Es war ein langes Tagwerk und eine garstige Arbeit," bemerkte Per, um den Kartoffelgräbern zu Hilfe zu kommen. „ Was, garstige Arbeit!" wiederholte Hans Nielsen , indem er Ber einen finsteren Blick zuwarf, wo sie dabei liegen und ausruhen können." „ Na, die Ruh', die möcht' ich wahrhaftig dem ersten besten, der sie haben mag, weiter verehren," bersetzte die Galopp- Sofie. „ So rückt heraus damit, was ihr meint, daß euch zukommt!" sagte Hans Nielsen zornig.
„ Das ist ja doch nur, wie du dich selber ehren willst, Hans Nielsen , wahr und gewiß," versette Wolle Stajbaek.
„ Du, Wolle, hast ja außerdem auch noch einen Tag bei mir in der Scheune ausgeholfen," meinte Hans Nielsen , aber du wirst dich erinnern, daß du auch wieder im Sommer eine viertel Meze Gerste für deine Hühner bekommen hast."
" No," antwortete Wolle, ich hätt' gemeint, das wär' lang ausgeglichen, weil ich ja auch bei dir im Torfmoor mit dabei war." " Ausgeglichen? Hast denn nicht deine Zahlung gekriegt, apart fürs Torfmoor?" fragte Hans Nielsen .
,, Ja, für den einen Tag wohl, aber ich war gute anderthalbe drin." " Ja weißt du, das hab' ich anders gemeint, die Zahlung war fürs Ganze," gab Nielsen zurüd.
„ No, jaja, Hans Nielsen , darüber wollen wir uns wahrhaftig nicht veruneinigen, aber wie ich sag': es ist ganz nach dem, wie du dich selbst ehren willst." Damit war die Sache mit Wolle ge= ordnet. ( Fortsetzung folgt.)
Berantwortlich für die Rebgttton: In Bertretung Hanna Buchheim in Stuttgart . Druck und Verlag von J. 8. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart .