56
Für unsere Mütter und Hausfrauen
denken, Beurteilen und Handeln an; sie stellte die Kleinen mitten in die Natur und schloß sie mit den Nächsten zu gemeinsamen Zielen zusammen; sie beflügelte die Phantasie und trieb zum Gestalten, gewöhnte an die Eingliederung des Handinhandwirkens und an Selbständigkeit.
Auch Luch genoß wie ihre Brüder und Schwestern diesen strengen, aber nicht harten Anschauungs- und Erziehungsunterricht der Tatsachen. Sie trieb die Herden auf die Weide, oft wenn noch die letzten Sterne am Himmel funkelten und der Nachtbau so talt auf den Wiesen lag, daß das Mädchen abwechselnd den linken und rechten Fuß in die Höhe zog und an dem andern rieb, um ihn zu wärmen. Sie ging der Mutter bei ihren Verrichtungen in Hof und Garten, in Haus und Stall fleißig und geschickt zur Hand. Dabei dämmerte ihr das Verständnis auf, wie groß, wie erdrückend die Arbeitslast war, die auf dieser ruhte. Als Luch ungefähr zwölf Jahre zählte, drohte die Gesundheit der Mutter unter der schweren Pflichtbürde zusammenzubrechen. In der ihr eigenen Art dachte die Kleine darüber nach und sagte sich, daß wenn schon jemand an einem übermaß von Arbeit sterben müsse, die Mutter weniger entbehrt werden könne als sie selbst. Da sie ein kräftiges Mädchen war, nahm sie von nun an die schwersten Arbeiten der Mutter auf sich. Sie stand so vor Tag auf, um vor dem Weg zur Schule die Wäsche der ganzen Familie zu waschen. Wenn sie mittags heimkam, holte sie die getrockneten Stücke von der Leine, ehe sie zum Nachmittagsunterricht ging. Manchmal drohten die müden, schmerzenden Glieder den Dienst zu versagen, aber geschickt verstand sie es, Schwächeanwandlungen der mühsalbelasteten, kränkelnden Mutter zu verbergen.
Luch lernte aber in der stillen Frau nicht bloß die treubesorgte, fluge Schaffensgenossin des Vaters schäßen, deren Wirken an Wert für das Gedeihen der Familie wahrlich nicht hinter dem seinigen zurückstand. Schon frühzeitig ahnte und empfand sie in ihr die stumme, geduldige Kreuzträgerin, deren eigenes Dasein ganz unter den Willen des Mannes gebeugt war, deren Persönlichkeit gleichsam durch die seine völlig ausgelöscht wurde. In den Familien der Verwandten, der befreundeten Farmer das gleiche Schauspiel. An dem schroffen Gegensatz zwischen dem mühereichen Pflichtkreis der eigenwirtschaftenden Bäuerin und ihrer Unterordnung unter den Mann entzündete sich in Luchs kindlicher Seele die Erkenntnis von der bitteren Ungerechtigkeit, die Frau als eine angeblich Minderwertige in Unfreiheit und Rechtlosigkeit zu halten. Diese Erkenntnis erfüllte schon das Kind mit leidenschaftlicher Empörung, und sie wurde zur lodernden Flamme, die Luch Stones Wesen Glut und Glanz verlich, eine unvergleichliche Kämpferin für das Recht des Weibes zu werden.
Das Bild der arbeitenden, wirkenden Frau stand vor ihrem Geiste, wenn sie für ihr Geschlecht freie Bahn forderte. Die arbeitende Frau wollte sie zum Ningen für diese Forderung rufen. Die arbeitende Frau wertete sie als die in Wirklichkeit treibende und tragende Kraft der Frauenbewegung. Es tamen später die Beiten, wo die Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten mächtig in die Breite schwoll. Gleich einem stark flutenden Strom riß sie viele mit fort, die sich berufen dünkten, aber nicht auserwählt waren. Dollarjagender Emporkömmlinge Frauen und Töchter, die in Wahrheit als Almosenempfängerinnen der Gatten und Väter einen rasch erbeuteten Reichtum schmarozend verzehrten; Lippenbekennerinnen moderner Jdeen", die sich in müßigen Stunden dillettantisch mit Wissenschaft, Kunst, Politit, Wohlfahrtseinrichtungen beschäftigten, wie die Dirne sich schminkt, und zu dem gleichen Zwed; selbstsüchtige Rechenmeisterinnen, die da wähnten, sich mit Wohltätigkeitsbrofamen von nichterarbeitetem Vermögen einen billigen Ablaß für ihre sozial unnüße, ja schädliche Eristenz erkaufen zu können, und die für die Sache nicht ihre Person, sondern höchstens Splitter eines Geldes einsetzten, das ihnen juristisch gehören mag, auf das sie moralisch kein Anrecht hatten. Sie alle in ihren verschiedenen Spielarten waren für Luch Stone nur das Weibchen", aber nicht das Weib, nicht die Frau, die ihre Freiheit denken, wollen und erkämpfen muß. Es war für sie selbstverständlich wie ein Naturgeseh, höchstes Sittlichkeitsgebot, daß die Arbeit allein die unerschütterliche Grundlage des Wertes und der Würde der Frau ist, der feste Eckstein ihrer Rechtsforderung.
In so engem, unlösbarem inneren Zusammenhang empfand schon das Kind Arbeit und Recht des Weibes, daß Luch heftig die Möglichkeit bestritt, die geltenden Geseze könnten die Mutter dem Willen des Vaters unterwerfen. Noch weniger wollte sie glauben, was Gesetz und Sitte über die Stellung der Frau sagten, sei der Ausfluß göttlichen Willens. Ihr tief religiöses Gemüt rebellierte gegen die Vorstellung, der allgütige und allweise Vater im Himmel, zu dem sie Morgens und Abends betete, die Verkörpe
Nr. 14
rung höchster Gerechtigkeit, fönne für die Hälfte des Menschengeschlechts Knechtschaft und Rechtlosigkeit gewollt haben. Die be= rühmte Bibelstelle und er soll ihr Herr sein", beruhte ihrer überzeugung nach auf einer falschen und gefälschten Übersetzung. Luch beschloß zu studieren, griechisch und hebräisch zu lernen, um die Bibel im Urtext zu lesen und das lautere Wort Gottes wieder herzustellen.
Luchs Brüder besuchten die Universität. Das fanden die Eltern ganz in der Ordnung. Als aber die Schwester den Wunsch äußerte, ebenfalls zu studieren, entfuhr dem Vater die vollkommen ernstgemeinte Frage: Ist denn das Kind verrückt? Damit war für ihn die Sache abgetan. Allein Luch ließ nicht locker. Sie beschloß, das nötige Geld selbst zu verdienen, pflüdte Beeren und Nüsse und kaufte sich Bücher für den Erlös. Jahrelang erteilte sie Unterricht an den Bezirksschulen, abwechslungsweise lernend und lehrend. Bald war sie als tüchtige Lehrkraft bekannt.
Es war keine Kleinigkeit, die wilden Farmersjungen im Baume zu halten. Die älteren Jahresklassen waren den Sommer über bei der Feldarbeit beschäftigt und besuchten die Schule nur im Winter. Mancher Lehrer wurde mit ihnen nicht fertig. Einmal war es in einer Winterschule" vorgekommen, daß die großen Jungen ihren Lehrer zum Fenster hinauswarfen, kopfüber in den tiefen Schnee. Luch Stone zauderte nicht, gerade diese schwierige Klasse zu übernehmen. Bisher hatte man weibliche Hilfskräfte nur für die jüngeren Altersklassen verwandt, man traute ihnen nicht die persönliche Autorität zu, mit solchen wilden Burschen fertig zu werden. Luch Stone erbrachte den Beweis, daß es beim Erzieher nicht auf die physische Kraft, sondern auf die geistig- sittliche ÜberTegenheit ankommt, und daß ein Weib diese Fähigkeiten mindestens ebensogut besiken kann wie ein Mann. In wenigen Tagen hatte sie die aufsässige Klasse vollkommen in der Gewalt, die großen Jungen wurden ihre ergebensten Knappen. Troßdem erhielt Luch Stone nur einen Teil des Gehalts, den ihr unglücklicher männlicher Vorgänger bezogen hatte.
Die Agitation zur Befreiung der Negersklaven bewegte damals alle Gemüter. Furchtlose und edeldenkende Männer und Frauen erhoben leidenschaftlich die Stimme zugunsten der farbigen Volksgenossen. Ebenso heftig waren die Verteidiger der Sklaverei. Ihren tiefsten Grund hatte diese Bewegung in dem wachsenden wirtschaftlichen Gegensatz zwischen den Plantagenbau treibenden Großgrundbesitzern, die in den Südstaaten vorwogen, und den fapitalistischen Industriellen der Nordstaaten, die für ihre Zwede des freien Lohnarbeiters" bedurften. Geführt wurde der Kampf aber auf beiden Seiten vorwiegend mit ideologischen Gründen, die den Grundsäßen der Religion und Moral entnommen waren. Wie überall stellte auch hier die Geistlichkeit sich mit Vorliebe auf Seite der reaktionären Tendenzen. Besonderes Argernis erregte die lebhafte Agitation zweier Schwestern, Sara und Angelina Grimke aus Südkarolina, die ihre Sklaven freigelassen hatten und nun nach dem Norden gekommen waren, um Vorträge gegen die Sklaverei zu halten. Die Geistlichkeit in Massachusetts hatte, um diesen tapferen Vorkämpferinnen der Menschlichkeit den Mund zu stopfen, 1837 einen Hirtenbrief erlassen gegen das öffentliche Reden von Frauen. Auf einer Kirchensynode in Northbrookfield wurde der Hirtenbrief öffentlich verlesen. Luch Stone befand sich mit einer Kusine unter den Zuhörern auf der Galerie. Kaum konnte sie ihre Entrüstung beherrschen. Zum Schluß erklärte Luch, daß wenn sie je etwas in der Öffentlichkeit zu sagen hätte, sie es sagen würde, dem Hirtenbrief zum Troß und jetzt erst recht. Kurz darauf wurde gegen einen bekannten Geistlichen ein Verfahren eingeleitet wegen seiner lebhaften Agitation für die Sklavenbefreiung. Verschiedene Gemeindeversammlungen sollten entscheiden. Luch Stone war seit dem neunzehnten Jahre Mitglied dieser Kirche, und als es zur Abstimmung kam, erhob auch sie ihre Hand. Der vorsitzende Geistliche stand auf, deutete nach ihr und belehrte den, Mann, der die Stimmen zählte, daß er ihre Stimme nicht mitzählen dürfe. „ Warum," fragte der Mann, ist sie denn kein Mitglied?"„ Gewiß," antwortete der Geistliche, aber kein stimmberechtigtes." Der höhnische Ton, in dem dies gesagt wurde, stachelte Luchs Trotz. Sie hatte doch auch eine Meinung, sie war Mitglied, sie hatte also ein Recht. Sechsmal kam es zur Abstimung und sechsmal erhob Luch ihre Hand. Ebensooft wurde sie übergangen. Diese eine weibliche Hand war damals die einzige Möglichkeit gegen die Entrechtung der Frau in der Kirche zu protestieren. Seither haben sich auch hier die Dinge geändert. Heute haben fast überall in den amerikanischen Kirchen Frauen das Stimmrecht.( Schluß folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin ( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart .
N