Nr. 26

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Für unsere Mütter und Hausfrauen

Ein seltener gebrauchtes Gewürz ist der Koriander. Die getrockneten reifen Früchte der häufig wild vorkommenden Ko­rianderpflanze bilden eine angenehme würzige Zutat zu manchen Gebäcken. Ähnlich ist es mit dem Anis, dem grüngelben Samen einer aus dem Orient stammenden Kulturpflanze. Anis wird oft dem Schwarzbrot als Würzmittel zugesetzt. Auch in manchen Pfefferkuchenarten spielt er eine Rolle, und man benutzt ihn ebenfalls zur Herstellung von Likören. Er ist wie der Korian­der nicht nur völlig unschädlich, sondern hat eine verdauungs­regelnde Wirkung.

Weit häufiger gebraucht wird der Kümmel, weil man ihm be­sondere diätetische Vorzüge zuschreibt. Gulasch, Kohl, Käse, einige Wurstarten, Brot find den meisten ohne Zutat von Kümmel nicht zu denken. Eine Kümmelsuppe ist zweckdienlich bei manchen Ver­dauungsstörungen. Eine reichlich mit Kümmel gewürzte Zwiebel­sauce schmeckt sehr gut zum Erbsenbrei und macht ihn bekömm­licher. Der Kümmellikör ist ein bekannter Schnaps.

Vom Dillsamen war bereits im zweiten Artikel kurz die Rede. Auch der Dill ist unschädlich, was man vom Senf, diesem volkstümlichen Appetitweder, nicht sagen kann, weil er den Magen stark reizt. Es gibt schwarzen und weißen Senf, der eine ist der dunkelbraune Samen des Senfkohls, der andere der hellgelbe Samen des gemeinen Senffrauts. Beide Senfarten vereint dienen fein zerrieben unter Beigabe mannigfacher Gewürze und ange­rührt mit Wein, Most oder Essig zur Bereitung des Mostrich. Am schärfsten ist der schwarze Senf, der etwa 3 Prozent eines flüch­tigen Sls enthält. Die Zahl der zur Herstellung von Mostrich be= nützten Rezepte ist Legion. Jedes Land, ja fast jede Stadt hat ihre besondere Bereitungsart. Vortrefflich schmeckt eine gebratene oder geschmorte Hammelfeule, die man, ehe man sie aufs Feuer stellt, von allen Seiten gut mit Mostrich bestrichen hat. Das Über­maß an Schärfe des Gewürzes verflüchtigt sich während der Be­reitung auf dem Feuer, so daß ein in jeder Beziehung wohl­schmeckendes Gericht entsteht.

Ein ziemlich harmloses Gewürz sind die Wacholder= beeren, die runden, schwarzbraunen, anfänglich mit bläulichem Reif überzogenen Früchte des auch bei uns heimischen Wacholders. Ihr leicht bitterliches Aroma macht die Beere vortrefflich geeignet zum Einmarinieren von allem zahmen Fleisch, dem man einen Wildgeschmack geben möchte; es hebt aber auch den Geschmack des Wildfleisches und wird gelegentlich beim Einlegen des Sauerkrauts benützt. Wacholderbeeren bewirken eine stärkere Ausscheidung von Schweiß und Urin. Am meisten wird Wacholder wohl unter dem Vorwand seiner diätetischen Vorzüge zur Herstellung von Wa­cholderbranntweinen verwandt, wovon fast jedes Land seine Spezia­litäten hat.

Schließlich sei noch kurz der heute so ungemein weit verbreiteten Suppen und Saucengewürzen gedacht, deren bekann­teste wohl die nach ihrem Erfinder benannte Maggiwürze ist. Die meisten Suppenwürzen find pflanzlichen Ursprungs und wer den unter Verwendung der aus Ostasien   importierten Soja her­gestellt. Die Soja ist ein Gärungsprodukt aus Gerste oder Weizen, Salz, Wasser, Hefe und gerösteten Sojabohnen. Sie ist den Ja­panern, die zum größten Teile Vegetarier sind, ein Volksnahrungs­mittel, das zu jeder Mahlzeit genossen wird und ihnen bis zu einem gewissen Grade den Geschmackswert des Fleisches ersetzt. Unsere Suppenwürzen enthalten neben dieser Soja noch Kräuter­und Pilzauszüge. Die Herstellung ist natürlich Geheimnis der Fabrikanten. Ihr Wert ist der aller Würzmittel, den Speisen be­sonderen Wohlgeschmack zu verleihen und energische Anreger des Magens zur Ausscheidung von Verdauungssaft zu sein.

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Verschiedenes.

M.Kt.

,, Alberne Weiber". Jm Türmer", der echt deutschen Geist zu pflegen vorgibt, macht Marie Diers  , die an den Krieger­frauen aus dem Volke" schon mehrmals ein Ziemliches auszu­sezen fand, mit folgenden Worten ihrem hochpatriotischen Herzen Luft:

Statt die albernen Weiber schreien zu lassen: Wir wollen unsere Männer wieder haben!'( was sicher von vielen gar nicht ernst gemeint war, denn gerade diese Sorte fühlt sich ohne ihre Männer viel wohler), hätte man sie von Anfang an mit fefter Hand halten müssen, daß solch ein Blödsinn sich gar nicht hervor­gewagt hätte.... Daß die Schreierinnen von dem Abc der heu­tigen Politik so absolut nichts ahnen, ist und bleibt ein Fehler der Leitung, der die feste, rücksichtslose Hand nicht eigen war. Statt daß man die Weiber bei öffentlichen Ansammlungen, wie

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dem, Butterstehen' ungehindert schwaßen und schimpfen läßt, daß jedem vernünftigen Menschen übel davon wird, hätte eine fräf­tige Polizei die Schimpferinnen sofort herausgreifen und ein­sehen müssen. Selbst in dem Falle, wo die Regierung durch ihre noch immer unaufgeklärte Nachsicht gegen die Wucherer sich an den Lebensmittelverlegenheiten mitschuldig fühlte, durfte sie die öffentliche Ordnung nicht verletzen lassen. Eine entschlossene Justiz hat immer und überall noch mehr Achtung gefunden als eine weiche, nachgiebige. Und diese Binsenwahrheit jedes starken Staates muß man jetzt als neue Erkenntnis in Preußen aus­rufen?"

Sollten Arbeiterfrauen sich über diese Sorte" Damen auf­regen? Wir meinen nicht. Laßt sie laufen! Sie verbergen ihre politische und wirtschaftliche Unkenntnis unter blödem Geschimpf oder halten gar die Beleidigung von Arbeiterfrauen für ein Vor­recht ihres standesgemäßen Patriotismus. Dafür schreiben sie schöne, gefühlvolle Romane. Immerhin wünschen wir Frau Marie Diers   einen fleinen Kursus im" Butterstehen" bei Wind und Wetter, aber auch im Kartoffelstehen"," Eierstehen" usw., und in den vielen zeitraubenden, ärgerlichen, ja oft demütigenden Gän­gen, denen sich geplagte Arbeiterkriegerfrauen zurzeit unterziehen müssen. Vielleicht bekommt sie dann eine Ahnung von dem Abc der heutigen Politik". Die Schmähungen dieser Dame aber, ihr hysterischer Ruf nach der Polizeifaust, die Tatsache, daß ein so angesehenes Blatt wie der Türmer" diese Auslassungen des Drudens wert erachtet, wirft ein eigentümliches Licht auf den Grad der Einschätzung, deren sich die Arbeiterfrauen ob ihres geduldigen und opfervollen Durchhaltens" in gewissen Kreisen erfreuen dürfen. So bei gewissen Damen, die vielleicht in ihrem ganzen Leben die wohlgepflegten Hände nie mit wirklicher, harter und ehrlicher Arbeit beschmukt haben.

Feuilleton

Der Geranienzweig.

Von Jlse Frapan- Akunian.

Der Giuseppe Fumasoli war gestorben. Sein Geschäft hatte ihn nicht ernährt. Es ist kein lohnendes Geschäft, aus alten Stiefeln neue zu machen! Sie werden nicht neu, trotz aller Mühe, und der Käufer, der Trödler, der neben der Synagoge wohnt, schwört bei jedem Paar, das der Flickschuster ihm bringt, es werde keinen Ab­nehmer finden. Und bei jedem Paar zahlt er wieder ein paar Cen­tefimi weniger.

So tam es, daß Giuseppe Fumasoli trok täglicher sechzehn­stündiger Arbeit verhungerte. Er fiel eines Tages ganz langsam von seinem kleinen Hocker herunter, nachdem er vorher nur ein paarmal hin und her geschwankt hatte, als ob er betrunken sei.

Seine alte Mutter, die mit ihm in demselben luftlosen, licht­losen, halb kellerartigen Loch wohnte, kam mit ihrem Sack voll alter Stiefel auf dem Rücken ahnungslos herein und fand ihn da­liegen zwischen den abgeschnittenen Schäften, löcherigen Sohlen, zwischen den vertretenen Holzabsäßen, den Nägeln und dem Hand­werkszeug auf dem schmutzigen gestampften Boden.

Er war schon tot und kalt.

Die Madre Fumasoli warf ihren Sack von der Schulter und sich selbst neben dem toten Sohn zwischen die Lederabfälle in den Schmuß. Die Madre Pompanini, in der Nachbartür, hatte den wilden Schreckensschrei gehört und gudte herein. Da lag der wachs­gelbe abgezehrte Kopf Giuseppes mit dem spizen Kinn, auf dem ein dünnes schwarzes Bärtchen stand, leblos im Schoße seiner Mutter, und die Madre Fumasoli hatte ihr Gesicht. mit dem losen roten Kopftuch über ihn gebeugt und gab keinen Laut von sich.

Sie saß noch so, als die Madre Pompanini unter großem Ge= schrei das ganze Gäßchen zusammengerufen und irgendwie auch einen Arzt herbeigeschrien hatte.

Der Arzt war ein ästhetisch gebildeter Herr, und als er die Gruppe am Boden sah, frappierte ihn in der Haltung der beiden der ewig alte Vorwurf der Mutter mit dem toten Christus. Und er dachte an seinen Freund, den Maler Symbolizetti", dem dieses Modell einer modernen Pietà" leider entging. Sonst gab es für ihn hier eigentlich nichts mehr zu tun. Schnell untersuchte er den lang hingestreckten Toten und bestätigte, daß er tot sei. Todes= ursache: Ungenügende Ernährung". Dann machte er sich eiligst aus dem Staube, da er, vielleicht nicht mit Unrecht, vermutete, daß man ihn hier im Quartier der Ärmsten und Elendesten an= betteln könne.