Seichte. Clin Blies von H. Wega. „Liebster, so dunkel ist es in mir geworden sest Deinem heutigen Brief. So dunkel, als hätte ich einen lieben Toten begroben und wäre jetzt bei ihm draußen gewesen, um Blumen aus sein Grab zu legen, und immer dunkler und kälter wurde es in mir, je näher der Augenblick rückt«, wo ich Dir beichten muhte. Denn nun kann ich nichts mehr verheimlichen und vertuschen. Aue der bangen Frage:„Dars ich Dir das Opfer zumuten, noch länger aus mich zu warten?' spricht Deine ganze lautere Gesinnung. So muh ich Gleiches mit Gleichem vergelten. Und doch ist dieser Brief eine Anklage. Ein« Anklag« gegen den Mann, der aus lauter Rücksicht nicht nehmen wollte, was ihm mehr als sechs Jahre entgegenblühte,— und dem nun ein anderer stahl, was er töricht zurückwies. Erinnerst Du Dich, Schatz, wie ich damals an Deinem Halse hing, als Du ins Feld muhtest, und Dich bat:«Mache mich zu Deinem Weibe,— dann werde ich's leichter ertragen 1' Meine siebzehn Jahre waren Dir heilig. Du wolltest mich nicht an Dein unsicheres Leben binden,— ich sollte ganz frei sein, wsnn Du fielst--- Und war doch reif zur Liebe. Verzehrte mich nach Deiner Um« armung, nach dem. was Deine Küste längst in mir geweckt hotten, und was Ihr Männer, die Ihr Euch„anständig' nennt, bei Eurer zukünftigen Frau nicht gelten laßt.— Und als ich Dich nach Deiner zweiten Berwundung monatelang pflegen mußte, wie wartete ich aus den Augenblick, wo Du sagen würdest: „Komm, Geliebte, jetzt rennen wir alle Hinderniste über den Hausen und heiraten erst einmall' Wie oft legte ich Dir diesen Gedanken nohel Denn ich stand schon damals mitten im Lebenskampf, hatte den Later, durch den Krieg ruiniert, verloren und sollte die Mutter unterstützen. Hätte «» soviel leichter gehabt al» Frau, den Gefahren der Großstadt zu trotzen,— hübsch und jung, wie ich war. Und voller Saft und Kraft! Du verlangtest von mir, daß ich zurückdrängen, abtöten sollte, wozu mein gesunde» Blut mich trieb. Und ich war viel zu jung und unerfahren, zu schamhast auch, um Dir meine Bedenken offen auszusprechen. Aber in wilden, schlaf» tosen Nächten habe ich meine Finger um die Kopskisten gekrallt und gefleht: „Nimm mich doch! Nimm mich doch!'— Und dann nach Ende de« Kriege», da» Dich in seiner Gewalt- famkeit ganz au. Deiner Bahn schleudert«! Du, au» alter Osstziers» familie, selber mit Leib und Seele Soldat, littest Unsägliches. Still und selbstverständlich trat Ich an Deine Seite. „Laß uns gemeinsam kämpfen, Geliebter, wir werden da» Leben schon zwingen!" Doch wieder stießest Du mich von Dir. E« sei genug, daß Du zusehen mühtest, wie ich mich und die Mutter durchbringe. Du wolltest mir nicht noch einen Dritten aufpacken. Mich könntest Du erst heimholen, wenn Du Nare Verhältnisse geschaffen und eine neue Lebensstellung gefunden hättest--- Ich weinte bittere Tränen. Was hattest Du schon alles tot- getreten in mir mit Deinen Bedenken! Wie war es kalt und still geworden, wo einst so heiße Glut loderte!' Und ich war nicht mehr siebzehn Jahre all. Lebte seit meinem achtzehnten nicht mehr in der Kleinstadt, sondern in Berlin , gm Herzen von Berlin , da, wo ans heißblütige, lebenshungrige jung« Mädchen die Gelahren in Mengen lauent. Ich hatte viel Berehrer gefunden, die mich mit meinem„ewigen Bräutigam' auslachten. Wie wenig kanntest Du das Leben, Schatz! Wie wenig kanntest Du mich! Aber ich liebt« Dich und verzieh Dir noch einmal, was Du fordertest, sicher, daß Du in Wochen und Monaten mich heim und an Deine Seite nifen würdest. War Dir treu, Geliebter, im tiefsten Innern treu. Niemand vermocht, Dein Bild au« meiner Seele zu verdrängen Den Gedanken au Deine blonden lockigen Haare, Dein« ehrlichen blauen Augen.— Und treu, wenn Du so willst, bin ich Dir noch heute. Was sich schließlich von Dir löst«, war nur der gemißhandelte Körper.— Soll ich e» noch weiter begründen? Wie Du mich immer wieder vertröstest hast seit zwei Jahren, in denen wir uns überhaupt nicht gesehen? Wie Du nicht festen Fuß soffen konntest in dem so ver- änderten Leben? Wie Du littest und darbtest und Dir alle» ver- sagtest— sogar eine Sommerrrise zu mir? Und die Zelten wurden immer schwerer, die LebensverhätMiffe unerträglich. „Wer kann setzt an Heiraten denken, Liebste?" schriebst Du mir neulich.»Ich habe keine Wohnung und Du hast keine Möbel. Wollen wir, wie so viel», in möblierten Zimmern zwischen Pappschachteln wohnen?" Manche Deiner Gründe leuchteten mir ein. Aber lstnler dem Opfer, das ich Dir wieder und wieder brachte, weinte mein, ver-
I lorene Jugend. Ich sing an, mich noch sechs Jahren nutzlosen ) Kampfes alt zu fühlen. Auch wurden dle Launen der Mutter, die da» Entsagen nicht gelernt hatte, immer schwerer zu ertragen. Und draußen lockt« da, bunte, schöne Leben I Lockten Äugend» freud« und Sinnenlust an jeder Ecke de» Dir so verhaßten Berlin . Tausend Hände suchten mich in den Strudel zu reißen. Und ich hatt« nur mein Herz, meine keusche Liebe zu Dir, ihnen enigegenzu» halten!--- Was ich getan, will ich nicht beschönigen, Liebster. Nur hören solltest Du, aus welchen Wegen ich dahin gelangte, wo ich heut« bin. Solltest wiffen, welches Dein Teilchen Schuld an dem, was ge- schehen. Heute in der Abschiedsstunde schließe ich Dir zum erstenmal mein Herz auf. Vielleicht wendest Du Dich schaudernd ab. Männer wie Du wollen im Weibe nur das Höchste und Reinste, die zutünf» ttge Mutter, sehen. Dos Menschliche und Natürlich« scheint ihnen verwerflich. Habt Ihr ein Recht zu dieser Vergewaltigung? Ich weiß nur eins in dieser Stund», die mir das Schönste aus meinem Leben reißt, was ich je besessen: die Hoffnung aus eine Vereinigung mit Dir—, daß ich sechs lange Jahre gegen meine Natur ange- kämpft und kein Verständnis bei Dir gefunden habe. Daß ich lieber — tausendmal lieber— Not und Kampf an Deiner Seite ertragen hätte, als diese Jahre einsamer Entbehrung--- Ich kenne Deine Anfichten und weiß, daß ich nach diesem Brief eine Verlorene für Dich bin. Und so bitte ich nicht um Verzeihung. Heute nicht. Aber in Jahren, wenn auch Du vielleicht gelernt hast. da» Leben mit anderen Atigen anzusehen, dann wirst Du von selber zu mir zurückkehren, wiffend, daß wir beide Schuld trugen. Meine Seele wird Dir treu bleiben, Geliebter, bis Du Dich wieder zu mir findest! Elsa."
Hroßftaötlust. Daß die Großstadt eine. Lustmischung ausweist, die den in ihr lebenden Menschen nur sehr bedingt zuträglich ist, gehört zu den allbekannten Einsichten. Meist wird die Verschlechte- rung jedoch nur auf die chemischen Cinslüffe geschoben, die den vielen Kaminen und Autos entstammen, denen tatsächlich ein nicht ganz unbeträchllicher Zusatz von Schwesclsäur« zugeschrieben werden mutz. Außerdem aber ist die Atemlust der Großstädtk noch von unzähligen lebenden und leblosen Körperchen erfülll, die bei aller Winzigkeit des einzelnen durch ihre Masse doch immerhin beachten«- wert sind. E» ist also für jeden Großstädter von Intercffe, zu erfahren, was der Biologe FriedrichBichler Im„Akademischen Wiener Anzeiger' für merkwürdige Konkurrenten der menschlichen Lunge feststellt. Denn wenn diese Untersuchungen auch in Wien gemach. wurden, so gelten sie doch mit mehr oder weniger großen Ab- weichungen ebenso für alle anderen Großstädte mit. Zunächst konstatierte Bichler. daß auch das Aeroplankton — in diesen Begriff hat man alle die verschiedenen Luftbewohner zusommegefaßt— seine Jahreszeiten hat. Für die Neinen Flieger find die Umgebungen der Großstädte von hoher Bedeutting. I« ihrer Zusammensetzung spielt es bereits eine Rolle, ob viel blühende Wiesen und Wälder sich in diesem Umkreis befinden, oder ob Sümpf« und Flüffe ihn beherrschen. Demgemäß ist z. B. in Wien von April bis Oktober die Lust erfüllt von dem Blütenstaub der Birken, Föhren , Fichten und Tannen des Wienerwaldes. Au» den Donauauen stammen wohl die gefundenen Grünalgen, die ja eigentlich Sumpfbewohncr sind, vielleicht auch die vielerlei Pilz- sparen, die niemals fehlen. Blütenstaub de» Weizens kommt wohl auch von draußen, während Roßkastanien wohl unmittel- bar aus den in der Stadt und ihren Bororten besindlichen Anlagen und Gänen fortgeweht werden. Dogegen sind tn dieser Zell Haare, auch Tierhaare und sonstige Pflanz rnfasern nur verhältnismäßig gering vertreten. Bedenklicher wird dos Gesicht des Arztes schon, wenn er hört, daß Reste von Leinwand und Baumwolle, hauptsächlich aber Rußflöckchen zu jeder Jahreszeit die Wiener Luft verunrei- nigen.— Die Höhe einer Wohnung ist auch für die Lunge seiner Bewohner von Bedeutung. Man kann mit Sicherheit behaupten, daß von Stockwerk zu Stockwerk die schädlichen oder mindesten« überflüffigen Beimischungen der Luft geringer werden. Wie sich wohl denken läßt, besitzt da» Aerorlankton keinen»u»- giebigeren Verbreiter al» den Wind. Aber auch bei schlechtem Wet- ter, bei Regen und Schnee ist ein« Zunahme zu konstatieren. Di« feinen schwebenden Tellchen werden von den Tropfen oder Flocken au» größerer Höhe mit zu Boden geriffen. von Januar und Fe- bruar bewegt sich die» Quantum der Lustbewohner in zunehmender Kurve. Der Juni kann im allgemeinen al« Höchststand gelten, und von dann an sinkt die Linie wieder abwärt». Und der Zweck all dieser schwierigen und zettraubenden Beobachtungen? Sie sind e». auf denen sich in Wahrheit die Hygiene der Großstadt mit ausbauen müßie. Denn von der Bufbewahnmg der Lebensmittel im kleinsten Maßstab dl» zu größten und ein» schneidensten Berordmmgen für Gesund« uud Kranke wird alle» von den kleinen Unsichtbaren beeinslußt. die aus ihrer abenteuer- lichen Reise unaufhörlich die Bahnen de» Ledens kreuzen, stören ustd ablenken, während sie zu gleicher Zeit immer wieder au» biesei Badnen neti aussteigen oder siir eine Zeit lang in sie zurückkehren