Einzelbild herunterladen
 

Mutter Erde! Du plagst Dich ab. die Mäuler Deiner Sinder zu stopfen, aber Nahrung ist rar. Dt« Gabe der Areude, die Du für un» hast, ist niemal, vollkommen. Da» Spielzeug, da» Du für Deine Sinder machst, ist zerbrechlich. Du kannst nicht alle unfre hungrigen Hoffnungen sättigen, aber sollt« ich Dich darum verlosten? Dein Lächeln, da» verschattet ist vom Schmerz, ist meinen Augen füh. Dein« Liebe, die keine Erfüllung kenn», ist meinem Herzen»euer. An» Deiner Brust hast Du un» genährt mit Leben, aber nicht mit Ansterblichtei«, darum find Deine Augen immer fchlaflo». Seit Menschenoltern arbeitest Du mit Farbe und Lied, und doch ist Dein Himmel noch nicht gebaut, nur eine trübe Ahnung von ihm. Aeber Deinen Schöpfungen der Schönheit liegt der Aebel von Tränen. Ich will meine Lieder in Dein stummes Herz gießen und meine Liebe in Deine Liebe. Ich will Dich anbete« mit Arbeit. Ich habe Dein zarte» Antlitz gesehen, nnd ich Neb « Deinen traurigen Staub, Mutter Erde. Rnbindranath Tagore. ».Der Gärtner", Verlag Kurt Wolfs.) Der Mäma'ist. Von Paul Gutmann. .AlleS nur Menschen' nennt P»ul Gutniann eine Sammlung seiner meisterlichen tleinen Geschichten aus der Zeit, van denen einige unsere Leser zuerst ersreut haben lVerlag Chr. Andrö, Berlin W. 15). Der Titel gibt wirNich einmal den gemeinsamen Grundzug der Erzählungen: Sie sind aus die Schwächen und Torheiten der Zeit in den verschiedenen Ton- arten des Humors und der Ironie eingestellt, sie wollen zum Lächeln erziehen und lassen in allein Spott immer noch Mensch« lichlcit spüren. Eine heitere Probe mag das Buch empsehlen Meine Frau war gerade im Begriff, Rolf Dieter, unlern Jung- sten, trocken zu legen, als mein Freund Birnenbaum, der futuristische Dichter, ins Zimmer trat. Mit der unbeirrbaren seelischen Erhaben« heit de» geborenen Futuristen betrachtete er den Vorgang, aller- dings etwas von weitem, und äußerte fich sehr befriedigt über den koloristisch-linearen Reiz des Bildes. .Phöben Sie kleine Kinder gern?" fragte ihn meine Frau. Seine Züge verzogen fich zu einem verächtlichen Grinsen: Man könnte mich ebensogut fragen, ob ich Liebesgedichle mache." Meine Frau wollte Dich nicht beleidigen," lenkte Ich ein. Ich weih, aber es ist traurig, daß die Menge immer noch nicht begreift, wie tief die Natur" er schüttelte fich vor Ekelunter dem Künstter steht. Natur ein Begriff für Dienstmädchen und Schuljungen, fich daran zu begeistern. Für uns ein gleichgültiger Stoff, den wir verschlingen, wie die Raup« die Blätter vom Maul- beerbaum, aus denen ste Seide spinnt. Aus diesem Kind hier würde «in Kitschdichter, wie die Welt fie bisher gesehen hat, einenEngel" hahaha eine schöne Abstraktion zurechtsingern. Ich verdaue es, und so entsteht ein rhythmischer Komplex von Farben und For- men, dem Gebärungsvorgang des Chaos vergleichbar, ätherische Ge- bilde schassend, eine gewollte Natur über der gemeinen des Zufalls." In diesem Augenblick stimmte Heinrich Otto, unser Aeltester, in feinem Bett mit durchdringender Kehl « seinen gewohnten Triumph- gesang an: Nicke, nocke, hottatä, hähä, HSHä." Was war das?" schrie in rasender Ekstase Birnenbaum.Ur- kaute der Menschheit enttingen fich der noch nicht verunstalteten Seele de» Kindes." Meine Frau und Ich lächelten. Das ist sein alltägllches Kindergeplärr. Sei still, Bengel," rief ich mit entfchlofiener Gebärde. Der Futurist wehrte ab. Er lauschte wie einer Offenbarung. Alle Sprache ist erbärmlich dagegen. Hier, hier formen fich die Urlaute, die die Sprache nachher verstümmelt hat. Nur das Dualla oder das Herero, in das ich hineingeblickt habe, besitzen noch den Reiz dieser naiven Klänge. Die Sprache hat die Dichtung ver- darben." Und als Heinrich Otto gewahr wurde, wie man ihn beachtete, sprang er In die Höh« und berauschte fich an seinem gewohnten Kauderwelsch: Manakariri, manapa, lalakaka, bunubanalake." Er wälzte fich vor Freude. Dem Futuristen traten die Tränen in die Augen. Sie Ursprache," stammelte er dankbar. Ich ging an Heinrich Otto» Bett, um ihn zur Ruhe zu bringen. Als ich In fein« Nähe kam, streichelte er mich begütigend mit den Worten: Birnenbaum fragte atemlos:Was hat er gesogt?" Er drückt mir seine Zärttichteit aus, indem er mich mit den Namen seiner Lieblingsgegenstände, womit er spielt, einem Bogel und einem Schäfchen, benennt." Nagele M ä m ä," hauchte Birne.ibaum.Mämäl" Hier haben wir das Gefühl, den Urzustand der Seele, statt des gemeinen, abstrakten Wortbegriffs. Was ist das WortVater" dagegen. Nur der Naturlaut ist das Wahre. Er ist der chaotische Stoff, da« Seelenelement, woraus die Zufälligkeit der Sprache, der widerlichen alltäglichen Sprache, entstanden ist. Ich habe jetzt die Dichtung de» Naturlautes entdeckt." Und der Futurist Birnenbaum ging hin und gründete, angeregt von meinem zweijährigen Sohn Heinrich Otto, die übersuturistisch« Schule desMämäismus". Gerü Trute. Wir lebten noch unterm Sozialistengesetz. Damals war es noch gefahrvoll, Sozialdemokrat zu sein; war man aber gar Partcisunl- tionär, so hatte man gegründete Aussicht, polizeilicher Aufmerksam» keit zu versallen. Mein Stiefvater war lange Jahre Parteikassierer an der Unterweser. Was damals polizeiliche Schitone zu bedeuten hatte, davon weiß ich manch Stücklein zu erzählen. Ganz besondere Aufmerksamkeit wurde der von meinem Stiefvater verwalleten so» zialistischen Vereinskasse von der heiligen Hermandad gewidmet. Ja, diese dreimal verflixte Sozikassel Die hat den armen Schutzleuten manche schlaflose Nacht bereitet. Eine davon ist mir in guter Er« innerung. Bei all den vielen Haussuchungen in meiner elterlichen Wohnung war den haussuchenden Sbirren außer einem Exemplar desWahren Jakob" noch nichts in die Hände gefallen. Das Lesen desWabren Jakob" konnte allerdings in jenen Zeiten auch schon recht verhäng- nisooll werden: doch dieObrigkeit" wollte nun einmal gerne die Kasse haben. Während die Polizei bisher noch Immer am Tage Haussuchung gehalten hatte, versuchte sie es zur Abwechslung ein- mal nachts. Bei dieser nächtlichen Schnüffelei mußte meine Mutter mich, der ich damals am Keuchhusten ertrankt war, aus dem Bett heben, und dann wurde mein Bett gründlichst untersucht; ebenso die Betten meiner Eltern und Brüder. Gesunden wurde aber auch dabei nichts. Und wo war die Kasse? Die hatte meines Baters ver» trautester Genosse, Gerd Trute, in unserem Hose unter meinem Kaninchenstall vergraben, und selbst mein Stiesvater konnte dem die Haussuchung leitenden Pollzeikommisfar Fluppenjnut mtt bestem Gewisten versichern, daß er nicht wijje, wo sich die Kasse befinde, während der bei uns wohnende und ebenfalls durchsuchte Genoff« Trute nur mit Mühe das Lachen verbeißen tonnte. Die Polizei zog ohne Erfolg von bannen. Beim Abschied tonnte sich der Schutzmann Eichler die bissige Bemerkung nicht verkneifen:Na, denn da» nächst« Mol. Kriegen tun wir die Kaffe doch!" Worauf Gert Trute prompt erwiderte:Kann sein, kann auch nicht seinl" Und wieder einmal wurde das Sehnen nach dem schnöden Mammon der-stsf- Sozi bei der Polizei so stark, daß fie eine Haus» suchung bei un» abhielt. Nun nahm Gerd Trute jede Nacht dl« Kasse mit in sein Bett, er schlief auf dem Gelde wie der Drache Fafnir auf dem Nibelungenhort, und konnte infolgedessen die Kasse auch am besten in Sicherheit bringen. Denn bei uns suchten die Behelmten doch zuerst. Verweile hatte Gerd Trute sein Zimmer- senster leise geöffnet, die Kaffette draußen aufs Fenfterfims gestellt, das Fenster wieder geschlossen und das Roleaux wieder runter» gelassen. Dann kam er In oller Seelenruhe zu uns rüber und ver- ständigte sich mit meinem Stiefvater durch fein allezeit lustiges Blinzeln. Vater Staat konnte sich wieder mal den Mund wischen. Ach ja,'» war damals doch so eine eigene Sache, eine Parteikasse zu betreuen. Die heutigen Parteikasfiercr haben'» doch ein ganz Teil besser. Und dieser grundehrliche Genoffe Gerd Trute, wer war er? Er war zwei Jahre zuvor aus Dresden als lästiger Ausländer" au» dem Königreich Sachsen landesverwiesen Trute war Bremer > weil er durch eifrigste Agitation der elbathenischen Polizei miß» liebig geworden war. In bitterster Winterkälte kam er mit dem Berliner " auf dem Rücken bei uns zugewandert und bat meinen Stiesvater um Rat und Hilfe, nachdem er sich als gemaßregelter Genosse legitimiert hatte. Mein Stiefvater brachte ihn, der gelernter Dreher war, bei der Maschinenbauerei des Norddeutschen Lloyd in Bremerhaven unter; Obdach und Kost gab ihm unser« liebe Mutter, die gleich dem Vater in ihm den treuen Genossen ehrte. Und wir haben nie einen lieberen und treueren Hausgenossen als ihn gehabt. Trotz des bitteren Elends, das dieser aus innerster Ueberzeugung treue Mann durchmachte, war er nicht verbittert geworden. Allezeit lustig und stillvergnügt, wurde er Vild meines Stiefvaters Ver­trauter und seine rechte Hand bei allen Partei- und Verband»»