Märchen. Bon Karl Heinrich Krügen Es war einmal.. daß ich als kleiner Junge in der Dämmer- stunde wintertags zu Füßen meiner Mutter am eisernen Stubenofen hockte, in dem das Feuer anheimelnd knisterte, verträumt in die züngelnden Flammen starrte und mit atemloser Spannung den Märchen lauschte, die meine Mutter so schön allabendlich erzählte. Wohlbehagen, Gruseln, Begeisterung bis zur Ekstase und Todtraurig- keit nahmen mich abwechselnd gefangen, wenn meine Phantasie all die Schicksale und die Abenteuer der vielen Könige und Königinnen, der Prinzen und Prinzessinnen, die Taten und Untaten der Räuber, Zauberer und Hexen mir gar so deutlich vorgezaubert und mich jedes Märchen leibhastig miterleben ließ, und draußen die Schneeflocken gegen das Fenster anstürmten und die ncuousgcworfenen Holzscheite das hellodernde Feuer traulich knistern ließen und ich, eng an meine Mutter geschmiegt, ihrer Erzählung lauschte. Es war einmal..., daß ich als kleiner Junge im heißen Com- mer an einsamer Stelle lang auf der Erde im Grünen lag und den ziehenden Wolken am blauen Himmel nachschaute, daß jede Wolke mir dabei zu einer Märchengestalt wurde, die da oben in Riesen- größe, vom Sonnenspektrum grell-bunt umrandet, mir ein Märchen- spiel nach dem andern vorgaukelte, alles so natürlich, wie es sich nach dem unbedingt glaubwürdigen Zeugnis meiner Mutter zuge- tragen haben mußte. Und der Duft der Blumen, der Geruch der Erde und des quellenden Harzes der Bäume mögen ihr übriges dazu getan haben, daß ich mich selber immer mitten drin befand im Kampf der Heere gegeneinander, im Streit mit den Räubern, daß ich schöne Prinzessinnen erlöste, armen Leuten Gutes tat, mit der Ellermutter des Teufels Freundschaft schloß und manch andere mehr oder minder schöne Dinge tat. Und spürte nicht, wie der Geist der Märchen nach und nach völlig von mir Besitz ergriffen hatte. Es war einmal..., da las ich tage- und wochenlang Märchen, nur Märchen, und ich war froh und glücklich dabei. Und dann kam einmal die Stund «, wo ich nachzudenken begann. Die Könige und die Prinzen, die Königinnen und Prinzessinnen hatten es in den Märchen immer so gut, ihr Land war so glücklich und zufrieden. Es mußte also mit dieser Weltordnung wohl schon richtig sein. Oder doch nicht? Auch wir lebten ja unter der gleichen Weltordnung. War ich nun zufrieden, waren es meine Eltern, meine Geschwister, meine Verwandten, meine Bekannten? Rein, sie waren es nicht, sie konnten es nicht sein, weil sie sich samt und sonders tagtäglich um das liebe Brot zu sorgen hatten, während auf der andern Seite Ueberfluß und Ueberhebung maßlos vorhanden waren. In den Märchen wurde armen Leuten stets Gutes getan. Und in Wirklichkeit? Zuerst wurde ich traurig, dann zornig und dann wieder traurig. Die Märchen logen also. Die Weltordnung, die sie uns von Kindes- deinen an als die Weltordnung eingeprägt hatten, konnte nicht die richtige sein. Und schneller, immer schneller drehte sich das Rad der Welt- gcschichte. Wie im Fluge ging es durch die Jahre hindurch, bis zu der großen Umwälzung. Und heute soll ich meinem eigenen Kinde Märchen erzählen. Die alten? O gewiß, es sind soviel darunter, die muß ich ihm erzählen, weil sie gar zu schön sind. Aber dann wieder sinne ich nach. Es war einmal..., fast jedes Märchen beginnt mit diesen drei Worten, die nach der Bcrgangenheit deuten, die, ach, so schön war. Soll mein Kind auch wie ich einst von der Sehnsucht nach der Vergangenheit leben in seinen ersten Gedankengängen? Rein, das soll es nicht. Ich werde meinem Kinde erzählen nicht wie es elnmal unter Kaisern und Königen und Prinzen und Prinzessinnen, sondern wie es einmal sein wird, wie es einmal werden muß, wenn alle Selbstsucht der Menschen und damit der Keim alles Bösen überwunden ist, wenn es keine Bedrücker und keine Unterdrückten mehr gibt, wenn jeder Mensch einzig und allein nach seinem geistigen und seelischen Wert beurteilt und behandelt wird und nicht nach seiner Geburt und seinem Gelde. Erzählen werde ich meinem Kinde, wie schön es sein wird, wenn In keinem Lande der Welt mehr ein übermütiger Despot über das Wohl und Wehe eines ganzen Volkes bestimmen, wenn keine Riesen- finanzgruppcn mehr den Verbrauchern ihrer Erzeugnisse rücksichts- los das letzte Geld aus der Tasche ziehen, wenn durch Gesetz und Recht und Körperschaften das Wohl der Völker garantiert, wenn überall und gegen jeden soziale Gerechtigkeit geübt wird, wenn das Wohl der Gesamtheit einem jeden Menschen über dem Wohl des einzelnen steht. So oft und so schön will ich meinem Kinde davon erzählen, daß der Geist dieser Märchen mein Kind ganz durchdringt, daß es nur eine einzige Weltordnung als die Ordnung der Welt kennt und er- kennt, nicht wie es einmal war, sondern wie es einmal sein wird. Vor mancher Enttäuschung werde ich mein Kind dadurch in, Leben bewahren, zn manch hohem Streben werde ich es anregen. Und keine schmerzliche Erinnerung an das, wie es einmal gewesen sein soll, wird mein Kind quälen, wenn es später einmal an diese Märchen zurückdenken wird, sondern von der frohen Zuversicht wird es durch sein ganzes Leben hindurch sich tragen lassen, von jener erhebenden Zuversicht, die aus dem Anfangs- und Schlußsatz meiner Märchen herausNingt:»So muß es einmal werden, so wird es einmal sein." Hauptmann, Dehme ! unö Weöekinö. Hermann Bahr hat die ganze Geistesbewegung des letzten Vierteljahrhunderts persönlich miterlebt. Wenn er einmal seine Memoiren schreiben sollte, wird er damit eine wichtig« Quelle für die Kunst und Kulturgeschichte bieten. In dem soeben erschienenen „Bilderbuch" finden sich interessante Erinnerungsblätter an bedeu- tende Zeitgenossen. Das Austreten Gerhart Hauptmanns in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts charakterisiert Bahr, indem er zuerst die gähnende Dumpfheit und chaotische Wirrnis jener Zeit schildert. „Da trat der junge Gerhart Hauptmann unter uns," fährt er dann fort,„eines schlesischen Gastwirts Sohn, Bildhauer zuerst, dann E?u- dent der Naturwissenschaft, eine Zeitlang schwankend zwischen Pri-' vatgelehrsamkeit und Literatur, unsicher erst nach seiner Lebens»" form tastend. Der wollte das alles auch, was wir alle wollten, er fühlte sich von denselben dunklen Mächten getrieben wie wir, aber er hatte das vor uns allen voraus, daß er auch tonnte, was wir alle wollten: er beschwor die Sehnsucht dieser neuen Zeit und zwang sie zur Erscheinung, ihm stand die irre Flucht unserer gierigen Ah» nungen, ihm ordnete sie sich, ihm fügte sie sich in feste Gestalt. Er war der erste Könner unter uns. Wir hatten die Geister gerufen, er aber gebot ihnen und lehrte sie gehorchen. So trat er unter uns, und gleich wußten wir: da ist der, nach dem die neue Zeit oerlangt." Wie Richard Dehmel bei seinem Eintritt in die Literatur wirkte, davon erzählt Bahr in einem anderen Aufsatz:„In den ersten neunziger Jahren begann Dehmel in Berlin umzugehen. Er siel gleich auf, irgend etwas Düsteres lag auf seinem verwühlten, er- schüttelten, von Qualen oder Aengsten oder Wünschen zerrisienen Gesicht, irgendeine Drohung umgab ihn. Er schien gezeichnet, und wer ihn so, in seinen Radmantel gerollt, vor sich hinschweigen sah. unter den Menschen oerirrt, mit Geheimnis behängt und immer, als ob er.von einer unsichtbaren Faust niedergedrückt würde, wußte nicht, ob er sich vor ihm fürchten oder seiner erbarmen sollte. E» trat ein Fremdling ein, wohin er kam. Sein Gesicht war hart, die Stirne voll Wolken, die Rase groß und heftig, ein rechter Zinken, wie man in Berlin sagt; es war ein trotziges Gesicht, aus einer tiefen Finsternis emporgestiegen, vergrämt und angstvoll, aber auch Ekel war darin, und auch Ungeduld, als ob es eine Verheißung ein- zufordern hätte... Er hatte irgendeinen inneren Feind bei sich, der ihn jeden Augenblick anfallen konnte, und er wünschte sich nur, es wäre schon einmal so weit. In dieser Erwartung saß er unter den jungen Leuten, auf den inneren Feind lauschend, um gleich über ihn zu stürzen. Sie sahen es ihm an: es war um ihn eine Stim- mung, als ob gleich irgendwoher ein Schuß fallen müßte. Wenn er aber seine Gedichte vorlas, dann fiel der Schuh..." Ueber Wedekinds inneres Wesen hören wir:„Er war lange Zeit eine Art Bürgerschreck, alle fromme Zucht und Sitte, die hei- lizsten Güter Europas gefährdend, Zigeuner , Satanist, wenn nicht am Ende gar der Antichrist in eigener Person. Wer ihm dann näher kam, war also sehr überrascht, einen gemesienen, förmlichen, fast feierlichen Herrn zu finden, der auf gutes Betragen ebenso selbst hielt wie bei anderen drang. Wir sind einst zusammen bei Rein- Hardt engagiert gewesen und ich erinnere mich heute noch, wie mit ihm in unfern Kreis immer«ine gewisse Würde trat, man ließ sich nicht mehr gehen, es war, a.» wäre fremder Besuch da. Doch nicht etwa Scheu vor seinem Ernst und nicht als innerlich fremd empfan- den wir ihn, sondern eher als einen gesellschaftlich Höheren, der uns unwillkürlich die Formen seiner Kaste auszwang. Er war gar nicht hochmütig, aber steif: er kam entgegen, hielt aber unwissentlich immer Distanz: er gab sich nicht bloß sehr höflich, er wollte sich freundlich, wollte sich herrlich geben, es kam aber schließlich selten über eine wohlgemeinte, doch etwas künstliche Leutseligkeit hinaus, fast wie wenn ein regierender Herr sich herabläßt, einmal im Zwischenakt auf die Bühne zu gehen, huldvoll verlegen. Und ganz so hat er auch im München am Biertisch seiner Getreuen Audienzen zu er- teilen gesucht. Er posiert den großen Mann, sagten die einen. Nein, er ist nur befangen, weil er, jahrelang deklassiert und aller Formen entwöhnt, sie jetzt übertreiben zu müssen meint, sagten die anderen. Keine der Erklärungen reichte mir zu, ich habe gleich auf den ersten Blick an die Notwendigkeit, Unschuld und Echtheit seiner Haltung
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