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Walt whitman . 3; Von Max 5) a y e t. Walt Whitman , Amerikas größter Dichter, ist uns bisher zu iiemg bekannt geworden, obgleich es an deutschen Ueberfetzungen 'Ines Hauptwerkes, derGrashalme", nicht gefehlt hat. Seit erdinand Freiligrath um 1868 auf den wundervollen Amerikaner inwies und zugleich einige Gedichte in meisterhafter Wiedergabe mitteilte, haben es die Schölermann, Federn, Leffing. Thea Ettlinger und vor allem Johannes Schlaf mit vieler Liebe versucht, uns Whitmans Werk und Wesen näherzubringen, uns die ganz eigene Pracht und Herrlichkeit dieses höchst seltsamen und bedeutenden Mannes zu zeigen, aber Whitman ist trotz all dieser Liebesmüh' bisher nur das Tigentum verhältnismäßig weniger geblieben. Ge- meingut des Volkes ist Whitman aber noch lange nicht geworden, er, der mächtigste Sänger des Volkes, der hinreißende Sprecher der athletischen Demokratie", der wie kein anderer das Volk verHerr- licht hat. Walt Whitman wurde in dem Dorfe West Hills auf Long Island geboren. Er besuchte die Volksschule zu Brooklyn , ward dann Lausbursche, Handlanger und erlernte endlich das Setzerhand- werk.(Er hat die erste Auslage seinerGrashalme" selbst gesetzt.) Cr begann für Zeitungen zu schreiben, wintersüber arbeitete er als Buchdrucker, sommersüber als Farmer, ward Mitarbeiter und Leiter von Zeitungen und unternahm dann um 1848 eine große Fußreise durch die Staaten. Er erkennt die ganze ungeheuerliche Größe und Weite der amerikanischen Landschaft. Jedermann gut Freund, wan­dert er seine Straße hin. achtet den entlaufenen Neger ebenso wie den vornehmen Mann in der Paradekutsche. Mit schärfstem und liebevollstem Auge betrachtet er alles Geschaffene. Er kommt aus dem Staunen nicht heraus.Das also ist das Leben!" sogt er sich. Auf dieser Fußreise wird er zum Dichter. DerGesang der freien Straße, wohl das schönste Wandergedicht des letzten Jahrhunderts, wird damals erlebt. Zu Fuß und leichten Herzens schlage ich die freie Straße ein, Gesund, frei, vor mir die Welt, Vor mir den langen, braunen Pfad, der mich führt, wohin ich will! Fortan verlang' ick kein Glück! ich selbst bin das Glück! Fortan wimm re Ich nicht mehr, verschiebe ich nichts, brauche ich nichts! Fort mit dem Stubengejammer, mit Bibliotheken und quer- köpfigem Kritisieren! Stark und wohlgemut schreite ich die freie Straße hin! Whitman geht nach Brooklyn zurück, wird Herausgeber des Freeman", beschästigt sich mit Bauunternehmungen, und hat sogar Gelegenheit, reich zu werden. Tut aber dann plötzlich etwas ganz Unamerikanisches. Er wird kein Money-maker, sondern der Dichter der Kameradschaft, der Sprecher der Staaten, der Verkünder der Menschheit und Menschlichkeit. Er hängt damals eine Tafel in seiner Stube auf:Schasse das Werk!", und beginnt dieGras- balme" zu schreiben. Er zieht sich von den Menschen zurück, liegt stundenlang am Strande , wandert in die mystische Nacht, unterhält verkehr mit den Geistern der Luft, wie jemand sagte. Cr empfängt die Weihe. Er dichtet denGesang von mir selbst". Um 18SS er­scheinen die erstenGrashalme', zwölfGedichte", wenn man so sagen darf, 35 Seiten Umfang, die aber doch sogleich ungeheures Aufsehen erregen. Die Akademiker vermißten Form und Bändi- fivng. die Frommen wurden von heiligem Schrecken ergriffen über o viel Freiheit. Die Freien aber jauchzten auf. Walt Whitman vermehrte dieGrashalme" allgemach, und die abschließende Aus- gäbe umfaßt etliche 6lX> Seiten! Um 1862 ging Walt als Wunden- f fleger auf die Schlachtfelder des amerikanischen Bürgerkrieges. »rei Jahre opfervollster Hingabe verlebte er dort, die ihn, den Herkulischen, körperlich ganz herunterbringen, aber dafür mit der unverlöschlichen Glorie eines Edelsten im Dienste der Menschheit krönen. Wie er die Kameradschaft in seinen Gedichten gepriesen hatte, so legte er sie nun in einem erhebenden Beispiele dar. Ohne jedes Entgelt von der Regierung tat er seinen Dienst. Um 1873 erlitt Whitman einen schweren Schlaganfall, dem später noch einige Anfälle folgten. So lebte er viele Jahre lang in der Nachbarschaft des Todes, und wenn er sich mit Recht den Dichter des Lebens genannt hat, so durfte er sich mit ebensolchem Rechte den Dichter des Todes nennen. Er spricht einmal von ihm als vomGesandten, Pförtner, unsere oller Führer zuletzt". Whit- man starb am 26. März 1832 in dem Arbeitcrstädtchen Camden in Rew Jersey, wo er auch begraben liegt. Wie bedeutungsvoll Walt Whitmans Prosaschriften sein mögen, dieDemokratischen Ausblicke" etwa: fein Hauptwerk bleiben die Grashalm e. die zweifellos eines der seltsamsten und gewaltig- Neu Werke der Weltliteratur genannt werden müssen. In ihnen ist scheinbar Erhabenstes und Alltägliches wahllos gemischt. Aber für Whitman gab e» nichts Alltägliches. Er hat die Schöpfung oer- avttlicht, auch In ihren winzigsten Offenbarungen.Und ein« Maus ist Wunders genug, um Scxtillionen von Ungläubigen wankend zu wachen!" Indem er nun alles Geschaffene vergöttlichte, stellt« er den Menschen, den Menschen jeder Raffe und jeden Glaubens, einen genau so hoch wie den anderen. So spricht er dieuralte Losung" aus, so gibt er das Zeichen der Demokratie, die jür ihn Gleich- derechtigtheit, GlelchgStlllchkelt und Gleichwertigkeit v«deutet,_ I.Bei Gott ! Ich werde nichts annehmen, woran nicht jeder andere auch seinen Tri! haben. kann unter den gleichen Betin- gungenl".. Und den fremde» Ländern sendet-er seine Gedichte, damst si« aus ihnen ersehen mögen, was das Rätsel Amerika bedeute, di« Neue Welt und ihre athletische Demokratie. Für die Demokratie, die erso kcmme nennt, seine Frau, schmettert er seine Gesänge. Und so ist dieser Amerikaner heute so lebendig wie je. Er hinterließ uns das Gedächtnis an emen fteien, großen und mächtigen Menschen, an einen' edlen Streiter für diegute, alte Sache" der Menschheit, für die süße Jtee,todlos durch alle Zeitalter und Raffen". » Walt Whitmans Werke liegen jetzt in einer neuen vew vollständigten Ausgabe in zwei Bänden(S. Fischer, Berlin ) vor. Hans Reisiger hat sie übertragen und dem Leben und Schäften de» großen Sängers der Demokratie eine umfassende Darstellung ge- widniet. Der erste Band enthält die wichtigeren Prosaschriften, die hier zumeist zum erstenmal in deutscher Sprache geboten werden. DieGrashalme" bilben den Inhalt des zweiten Bandes. Whitman hat damit die seiner würdige deutsche Ausgabe erhalten. Laöp Hoöiva. Ein Märchen' von Alexander Peidel. Es war einmal ein alter Börsenkönig, der war finster und hart In seinen Gedanken. Morgens, mittags und abends las er die Kurs- zettel und nachts träumte er von Aktien und Dividenden. Seine Frau Königin Godiva aber war jung und schön, und durch ihre Träume ging ein Filmschauspieler in Reitstiefeln spazieren. Tags- über befleißigte sie sich, den Schein zu wahren, und das galt allgemein für tugendsam. Ihr Haar war das anerkannt schönste am ganzen Kurfürjtendamm und wurde viermal im Jahre gefärbt, ganz nach Mode und Jahreszeit. Da war auch ein böser Intrigant, der Wettkonzerne gründet« und zur Erholung von seiner aufregenden Tätigkeit vor den Ge- richten harmlose Berlin -W.-Damen zu verführen pflegte. Selbige« begehrte der schönen Godiva. Ohne Erfolg, denn erstens waren feine pekuniären Berhältniffe sehr unklar, zweitens war seine Be- gleitung selbst in den Nachtlokalen noch kompromittierend. Sich für die Abweisung zu rächen, brachte er die Königin in schlimmes Gerede, Das ist so Brauch bei Bösewichten von feiner Lebensart. Ganz außer sich geriet der Börsenkönig, als er von seiner Ge- mahlin vermeintlicher Untreue hörte und diesmal hatte Godiva doch wirklich ein schneeweißes Kinderherzchen! Grausame Rache- plane reiften. Der König gab ein großes Fest. Sämtliche Sterne des Film- Himmels hatten ihr Erscheinen zugesagt, in derEleganten Welt" war unter der RubrikSprechen Sie noch?" fast ausschließlich von den zu erwartenden Sensationen die Rede, und in den Modehäusern wurde fieberhast an den Meisterwerken aus Tüll und edlen Brokaten gearbeitet. Wer zur Gesellschaft zählte, wurde geladen. So standen sie denn in den strahlenden Hallen, die schönen Frauen vom Kurfürstendamm , dekolletiert von oben nach unten, dekolletiert von unten nach oben und ließen ihre Reize spielen. Da ging ein Tanzkleid aus silbernem Lamestoff mit Flitterbesatz und seillichen Tüllverzierungen, getragen von der Step-Tänzerin Holla Hopla, hier eine große Abendtoilette aus weinrotem Samt mit ein- s-itiger bis zur Wade reichender Zipfelschleppe(Modell Flatow- Schödler), getragen von der feschen Soubrette Tira Delira, und dort erregte Cellery be Reit Aufsehen, die mit den Damen ihres Schön- heitsballetts In Bühnentoilette erschienen war. Die Stimmung der Gäste war glänzend. Da schien es dem König Zeit, sein Rachewerk zu vollenden: weit öffneten sich die Flügeltüren, aus der klösterlichen Stille ihres Bau- doirs trat Godiva, und die Schamröte stieg ihr ins Antlitz, daß sie die Hände vor die Augen schlug denn ihr Kleid war hochgeschlossen und reichte bis über die Fußspitzen hinab, und war auch kein Zoll breit ihrer Haut zu sehen--- Solch großer Schande wollte niemand Zeuge sein. Ein jede« drehte sich zur Wand, Lady Godiva aber schritt wie eine Heilige durch die Gaffe der Rücken und gab acht, daß sie nicht auf den Saum ihre« schleppenden Gewandes trat. Ein junger Amateurboxer wagte es. sich umzusehen. Da ihn (yodiva des öfteren in seinem Helm aufgesucht, hatte er sie tn der Verhüllung nicht erkannt. Für seine Taktlosigkelt erklärte man ihn für gesellschaftlich tot. Den Börsenkünig traf die gerechte Strafe für seine Schandtatt nicht nur» daß er beim nächsten Börsenkrach Pleite machte, im Hin- blick auf seine bewiesene Brutalität und den Umstand, daß er bei dem erwähnten Fiasko das herrliche Zitat gebrauchteIch habe«« nicht gewollt", ernannte ihn eine Vereinigung teutschnationaler Arier zum Ehrenmitglied. -