Wissen und Schauen
Wetterpropheten. Neuerdings tauchen wieder phan: flebegabte Betterpropheten auf, die die Redaktionen mit ihren Geistesprodukten bedrängen und verlangen, daß ihre menschheitsbeglückenden Entdeckungen gedruckt werden. Daß diefe wilden Wetterpropheten aus sterben, wird ja nicht erwartet werden, ebensowenig wie die Gilde der Kurpfuscher und Wunderärzte in der Medizin verschwinden wird. Aber es ist, so führt Privatdezent Dr. W. Peppler in der Zeitschrift „ Das Wetter " aus, recht bezeichnend, daß in unserer Nachkriegszeit diesen Propheten so viel Interesse entgegengebracht wird. Man wird nicht fehlgehen, wenn man die tiefere Ursache dafür in der Geistesverfassung selber sucht, in die weite Boltstreise im Kriege und in der Revolutionszeit hineingeraten sind.
Ueber die Wetterpropheten, die vorgeben, endlich entdeckt" zu haben, wie das Wetter für Wochen, Monate und Jahre auf das genaueste vorausgejagt werden kann, fönnte die Wissenschaft mit einem verzeihenden Lächein hinweggehen, wenn nicht die Gefahr bestände, daß das Ansehen der ausübenden Witterungskunde schweren Schaden nimmt. Die Schwierigkeit rascher und weiter Verbreitung der Prognosen des öffentlichen Wetterdienstes und noch viel mehr die drohende Gefahr, daß der telegraphisde Voraussagendienst in folge ber ungeheuren Roften( 40 bis 60 Millionen Mart jährlich im Reiche) eingestellt werden muß, arbeiten den wilden Wetterpropheten in die Hände, da sie jetzt leichter als früher Abfah finden für ihre Langfristigen Prognosen. Bereits jekt findet man in vielen Bei tungen zwar feine Prognosen des öffentlichen Wetterdienstes, aber Voraussagen irgendeines lokalen Winkelpropheten, der der Einfach heit halber das Wetter gleich für eine ganze Woche oder einen ganzen Monat macht".
Es ist anzunehmen, daß alle diejenigen, die sich verleiten lasser, Prognosen für längere Zeiträume und ganze Jahreszeiten zu vers breiten, nicht wissen, daß sie den Boden der wissenschaftlichen Wahrhaftigkeit verlassen. Es gibt bis heute noch keine Beziehung oder Gefeßmäßigkeit zwischen den Witterungsverhältnissen aufeinander folgender Zeiträume, die so ausgeprägt find, daß fie einer fang friftigen Wetterpronose zugrunde gelegt werden dürfen. Wenn man sich aber darauf beschränkt, den allgemeinen Witterungscharakter für einige Tage in geeigneten Fällen vorauszusagen, so ist dagegen nichts einzuwenden. Aber auch so dürfte es nicht möglich sein, regelmäßig Prognosen für zwei bis drei Tage zu geben, die eine einiger maßen genügende Wahrscheinlichkeit des Eintreffens verbürgen fönnten. Der gewissenhafte Prognosensteller ist sich darüber flar, daß es genug Fälle gibt, in denen eine Prognose für die nächsten 24 Stunden Schwierigkeiten bereitet. Was soll man aber dazu sagen, wenn im Jahre 1922 Wetterfalender umlaufen und leider auch Berbreitung und Glauben finden, die für jeden Tag des fommenden Jahres genaue Wettervorausfagen enthalten. Leider gibt es mehrere dieser Art. Das ergste auf diesem Gebiete leistet der Betterfalender für jeden Tag des Jahres von M. Schmucker, Stadtpfarrer in Gundelfingen . Dieser Kalender, der in Süddeutschland eine bedenkliche Berbreitung zu haben scheint, bringt Prognosen für jeden Tag des Jahres 1922.
Beschämt steht die Wissenschaft und muß ihr Nichtwissen eingeftehen gegenüber dem Wetterpropheten, der anscheinend die tiefften Naturgeheimniffe entschleiert hat. Man möchte ihm und allen seinen Kollegen die treffenden Worte ins Stammbuch schreiben, die Helmhoih in einem Vortrag auf eine gewisse Sorte von Aerzten prägte: ,, Solange es Leute von hinreichend gesteigertem Eigendünkel geben wird, die sich einbilden, durch Blige der Genialität leisten zu können, was das Menschengeschlecht sonst nur durch mühsame Arbeit zu er reichen hoffen darf, wird es auch Hypothesen geben, welche, als Dogma vorgetragen, alle Rätfel auf einmal zu lösen versprechen. Und solange es noch Leute gibt, die fritillos leicht an das glauben, wovon sie wünschen, daß es wahr fein möchte, solange werden jene Hypothesen noch Glauben finden."
回
Himmelskunde
spektroskopische Untersuchung ließ weiterhin eine große Aehnlichteit mit den Orionfternen erkennen, die die größten und heißesten Sonnen darstellen. Wie bei allen Riesenfonien ist auch die Dichtigkeit der beiden Sterne sehr gering und beträgt nur etwa ein Hundertstel der Dichtigkeit unserer Sonne. Blasfett fand, daß der größere der beiden Sterne einen Durchmesser von 30,6 Millionen Kilometer hat und daß seine Helligkeit 15 000mal so groß wie die der Sonne ist, während der fleinere Stomponent bet einem Durchmesser von 27 Millionen kilometer die Helligkeit der Sonne um das 12 000 fache übersteigt. Die Entfernung des Systems von unserem Gonnensystem wurde auf 10 000 Lichtjahre berechnet. Die beiden Sterne sind also 630 Mil fionen mal so weit von uns entfernt, wie die Erde von ihrem Zentralgestirn.
Erziehung und Unterricht
口
Eine Kinder- Sprachheilschule. Unter den 210 000 Berliner Schulkindern befinden sich etwa 3000, die ganz normal veranlagt sind, aber an irgendwelchen Sprachstörungen leiden. Durch die Be mühungen von Ernst Schorsch ist die Aufmerksamkeit auf diese durchaus nicht unbedeutenden Störungen gelenft worden, und es wurde in Berlin eine Kinder- Sprachheilschule ins Leben gerufen, die sich dieser Leiden mit bestem Erfolg annimmt. fätze in der Bekämpfung der Sprachstörungen hat Schorsch in einem Buch„ Das Sprachheilwesen an den Berliner Volksschulen" dargelegt, über das er selbst in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift" berichtet.
Die Kinder, um die es sich hier handelt, find nicht schwerhörig und taub, sondern sie sind in der Erfassung der Sprache oder im sprachlichen Ausdrud mehr oder minder erheblich gehemmt. Die Zahl dieser 2320 Schüler mit Sprachgebrechen beträgt 1,15 Broz. der Gesamtheit. Darunter befinden sich 1403 Etotterer, 624 Stamm ler und 288 Kinder mit anderen Sprachfehlern. Die Knaben unterliegen diesen Sprachstörungen sehr viel zahlreicher als die Mädchen; so tritt z. B. das Stottern bei ihnen fast dreimal so häufig auf. Das Lebensalter spielt dabel eine nicht unbeträchtliche Rolle. Bom fechften bis zum zwölften Jahre wächst die Zahl der stotternden Kinder auf das Dreifache. Dagegen nimmt die Zahl der Stammler vom sechsten bis zum zehnten Jahre immer mehr ab. Die Kinder erlangen nämlich eine zunehmende Fähigkeit im Erkennen und Unterscheiden der Wortbilder und werden geschickter im Gebrauch ihrer Sprachwerkzeuge. Die Sprachgebrechen wirten auf die Ge. famterscheinung der findlichen Persönlichkeit ein, drücken sie unter ihre Jahre und ihre geistige Stufe herunter; das Gemütsfeben ber Rinder wird verdüftert, die Charakterentwicklung und die Teilnahme an gemeinschaftlichen Spielen usw. beeinträchtigt. Die Ursache des Stotterns ist auf seelische und nervöse Erscheinungen zurückzuführen, die sich etwa vom vierten Lebensjahr ab bemerkbar machen und zunächst als einfache Eilben- und Wortwiederholung auftreten, dann aber immer schwerere Formen annehmen. Die bisherigen Kurse für stotternde Schuffinder brachten in mehr als 60 Proz. der Fälle Heilung, aber auch viele Rüdfälle. Da das Stottern innerhalb ber Sprachentwidlung auftritt und sich, je länger, je mehr im Sprechen des Kindes feftfeht, ist es zu empfehlen, die Behandlung der stotternden Rinder sogleich nach ihrem Schuleintritt aufzunehmen unb täglich niehrere Stunden durchzuführen. Dies geschieht in der Sprachhelffchule, in der besondere Stasien eingerichtet find.
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Erdkunde
Lebende und tole Dünen. Das Herannahen der Wanderdünen bedeutet für die betroffenen Ortschaften ein noch größeres Unheil als Stürme oder Ueberschwemmungen, da ihre Opfer langfam, aber sicher der vollkommenen Vernichtung anheimfallen. Nach einer Sturmflut wird ein Dorf wieder aufblühen fönnen, schwerlich jedoch, wenn es bis zum Turm seiner Kirche im Sand begraben worden ist. Nun war, wie das Wissen" hervorhebt, bereits vor zwei Jahr hunderten die Bekämpfung der Wanderdünen durch den Franzosen de Ruhat mit bestem Erfolg aufgenommen, doch ist diese Methode unbegreiflicherweise nach seinem Tode wieder in Bergessenheit geraten. Das Verfahren bestand darin, daß de Ruhat Kiefern auf den Sandhügeln von La Teste , einer Stadt in der Gironde , pflanzte, Dann und wann wodurch der treibende Sand befestigt wurde. machte man wohl Anstalten, der Angelegenheit wieder größeres Interesse zuzuwenden; so war es Bremontier, der sich 1787 eingehend damit befaßte, die Revolution legte jedoch seine Bemühungen brach. Erst im Jahre 1801 beschäftigte sich die französische Regierung von neuem damit, und gegenwärtig befämpfen alle zivilifierten Nationen dle Dünen mit dieser Methode
Ein Gigant unter den Doppelsternen. Dr. J. S. Blastett, der Direktor des Observatoriums in Victoria( Britisch Columbia), h fürzlich im Sternbild des Einhorns einen Doppelstern entdeckt, der sowohl in bezug auf seine Ausmaße wie sein System alle bisher befannten Doppelsterne übertrifft. Es handelt sich um einen längst bekannt gewesenen Stern sechster Größe, also um ein Objeft, das gerade noch für ein scharfes Auge als winziges Lichtpünlichen erfennbar ist. Bei der Beobachtung des Spektrums dieses Sternes stellte Plastett fast, daß es sich hier um einen Doppelstern handelt, deffen zwei Komponenten sowohl an Helligkeit wie in der Umlaufgeschwindigkeit nahezu gleich find, und die sich um einen gemeinfamen Schwerpunkt drehen. In furzen Zwischenräumen hergestellte photographische Aufnahmen des Spektrums erbrachten im Zufammenhang mit den Meffungen der Verschiebung der Spektrallinien den Beweis, daß die beiden Sterne sich in der ungewöhnlich turzen Zeit von 14 Tagen um ihren gemeinsamen Schwerpunft drehen, und zwar in einem Abstand von nur 99 Millionen Kilometern. Die Schnelligkeit der Rotation ist dementsprechend außer ordentlich groß, fie beträgt bei dem einen der beiden Komponenten 232, bei dem anderen sogar 277 Kilometer in der Sefunde. Eine einfache Berechnung zeigte, daß die Gesamtmasse diefes Systems die unserer Sonne um mindestens das 139 fache übertrifft. Die im Frühjahr und Herbst.
Es ist festgestellt worden. daß Dünen bis zu 15 Fuß Höhe bef besonders storlem Bind täglich um mehr als 3 Fuß sich vorwärts bewegen. Man fann dabei die Beobachtung machen, wie der Sand in parallelen fleinen Wellen über die Abhänge weht, um sich an den usläufern als Staub zu zerstreuen. Die Düne raucht", sagt das Bolt zu diesem Vorgang. Um der dadurch entstehenden Vorwärtsbewegung Einhalt zu tun, ist es notwendig, diefe leichten Abhänge der Dünen zu befestigen; das geschieht, indem man gewissermaßen einen Pflanzenteppich darauf entstehen läßt. Die in solcher Weise befestigten Dünen werden tote Dünen" genannt, während man solche, die bei jedent Wind ihre Form verändern, als„ lebend" be zeichnet. Das Bepflanzen der Wanderdünen geschieht haptsächlich