Nummer 16
Heimwelt
19. April 1923
Unterhaltungsbeilage des Vorwärts
Die Seance.
Bon Wilhelm Lichtenberg.
,, Und nun, meine Damen und Herren, komme ich zu der Hauptnummer meines heutigen Programms, für die ich Ihre ganz besondere Aufmerksamkeit erbitte! Und zwar: Die Auffindung einer raffiniert versteckten Diebesbeute. Ich werde dieses Experiment in Form einer fleinen dramatischen Szene vorführen, an welcher sich vier Herren aus dem geschätzten Auditorium mit verteilten Rollen beteiligen fönnen. Darf ich also vier Herren zu mir herauf bitten?"
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„ Der Dieb geht hinter mir, die Herren von der Kommission halten sich zu meiner Seite. Innerhalb fünf Minuten muß ich den toftbaren Ring, gefunden haben. Herr Kommissar, sind Sie bei der Sache?"
gut
" Oh, leidenschaftlich!"
„ Herr Staatsanwalt, Herr Untersuchungsrichter, fönnen Sie sich fonzentrieren?"
" 1
Wir haben das größte Interesse daran!" ,, Also los!"
So begann der Telepath Knut Holmsen die Ankündigung seiner letzten Nummer, nach einer überaus glanzvoll verlaufenen öffentlichen Seance, die in einem der größten Säle der Stadt unter enormem Zulauf stattfand. Holmsen war feit ganz furzer Zeit nervös nach verschiedenen Seiten. Das Publikum verhielt sich atemeine Berühmtheit des Tages- seine verblüffenden Experimente auf dem Gebiete der Telepathie erregten Staunen und Bewunde rung. Dazu war er auch sonst ein interessanter Kerl, und die Frauen waren hinter ihm drein und schwärmten von seinen Vorstellungen. Diese leßte angekündigte Nummer bildete dann immer die Sensation seiner Abende und auch jetzt blickte alles in gespanntester Erwartung nach dem Wundermann....
Gleich auf die erste Einladung hin erhoben sich vier distinguierte Herren aus der ersten Reihe und begaben sich, ehe noch das Publikum aus den hinteren Reihen vorkommen konnte, auf das Podium. Holmsen begrüßte sie in seiner weltmännischen Art und bat sie, Platz zu nehmen.
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„ Die Szene spielt sich also folgendermaßen ab: Ein Verbrecher, dem es gelungen war, zu entkommen, hat seine Diebesbeute irgend wo an einem entlegenen Orte zu verstecken. Niemand kennt diesen Ort nur der Dieb selbst. Den Dieb hatte man ergriffen, aber die Stelle des Berstedes war nicht aus ihm herauszubekommen. Der Komplice macht sich erbötig, gegen entsprechende Strafmilderung das Versteck, trotzdem auch er es nicht kennt, ausfindig zu machen. Der Dieb wird gezwungen, mit von der Expedition zu sein. Ich stelle also den Komplicen bar, ein Herr übernimmt die zweifelhafte Rolle des Diebes, der sich aber durch nichts verrät, und die übrigen drei Herren müssen sich in die Rolle des Polizeikommissars, des Untersuchungsrichters und des Staatsanwalts teilen. Am besten nach Ihrer gewohnten Beschäftigung."
Und nun wandte sich der Telepath an den ersten Herrn:" Darf ich mich nach Ihrer Stellung im Leben erfundigen, wenn Sie nicht gerade Zuschauer bei einer telepathischen Seance find?"
" Polizeikommissar."
Das Publikum lachte, Holmsen ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen und meinte ironisch:" Hoffentlich haben Sie immer soviel Glück wie unter meiner Leitung."
Der zweite Herr war sonderbarerweise Richter, der dritte Staatsanwalt.... Nur der vierte war natürlich fein Dieb. Holmsen be. griff sofort.„ Ach, die hohe Justiz gibt mir auch einmal die Ehre! Nun, meine Herren, sehen Sie mir gut auf die Finger, damit die emige Stepsis gegen meine sogenannten Laienexperimente endlich aus der Welt geschafft wird."
Der Kommissar meinte:" Wir werden Sie nicht aus dem Auge lassen und werden uns freuen, wenn Ihre heutige Seance der Justiz wirkliche Dienste zu leisten vermag."
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Holmsen schritt also nun ans Experiment selbst. Meine Herren, ich verlasse jetzt den Saal und bitte den Herrn Staatsanwalt und den Herrn Untersuchungsrichter, mich zu überwachen. Der Dieb und der Herr Kommiffar bleiben im Saal und versteden irgendwo die Diebesbeute, die na fagen wir hier aus diesem Brillantring besteht." Dann zog er einen überaus foftbaren Ring vom Finger und überreichte ihn etwas herausfordernd den strengen Herren von der Justiz. Der Telepath verließ den Saal, der Staatsanwalt und der Richter folgten ihm. Es verging eine längere Weile, ehe er wieder hereingeholt wurde.
Der Ring war verstedt und die Senfation im Publikum hatte den Siedepunkt erreicht.
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Holmsen stürmte los, um seine Aufgabe in der kürzesten Zeit zu lösen. Der Darsteller des Diebes hinter ihm, die drei übrigen Herren an der Seite. Zuerst wandte er sich etwas unsicher nach der falschen Seite. Sein Körper arbeitete frampfhaft, die Hände suchten los. Diese Unsicherheit währte aber nur wenige Augenblide- war vielleicht ein spekulatives Mittel, die Produktion interessanter zu gestalten. Dann griff er einige Male zuckend nach Augen und Schläfen, um im nächsten Moment schnurgerade die Richtung einzuschlagen, in der der Schahz tatsächlich versteckt war. Die vier Herren folgten mit gespanntester Aufmerksamkeit und ließen fein Auge von Holmsen. Und da war er auch schon mit einem Sag an einem Mauerpfeiler angelangt, auf dessen Sockel, in die äußerste Ede gerückt, die Diebesbeute lag. Ein effektvoller Griff und Holmsen hielt in der hocherhobenen Hand den Brillantring. Und jetzt konnte auch das Publikum das wundervolle Schmuckstück sehen. Ein selten großer Solitär in Platinfassung der Wert unermeßlich. Tosender Beifall lohnte die interessante Produktion. Holmsen eilte auf die Bühne, um die Huldigungen der enthusiastischen Zuschauer oben in Empfang zu nehmen. Ebenso schnell waren aber die vier Herren oben. Der Dieb, der Kommissar, der Richter und der Staatsanwalt. Das Publikum johlte vor Vergnügen, der Telepath sah sich etwas betreten nach den vier Herren um. Meine Herren," sagte er,„ bie Nummer ist zu Ende."
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"
Der Staatsanwalt nahm das Wort:„ Das wäre schade, Herr Holmsen! Denn die fleine dramatische Szene hat ja teinen Abschluß gefunden. Was geschieht nun mit dem Dieb, was geschieht mit dem Romplicen?"
Das Publikum schrie Bravo . Das gab einen Extraspaß. Holmsen mußte darauf eingehen, wollte er das Renommee feiner sprichwörtlich gewordenen Schlagfertigkeit nicht einbüßen und entgegnete etwas anzüglich:„ Die beiden können sich ja verhaften laffen, Herr Staatsanwalt."
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Der Staatsanwalt lächelte zu diesem Scherz und ging darauf ein.„ Herr Kommissar walten Sie Ihres Amtes!" Der Kommissar ging nun auf Holmfen zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: Im Namen des Gesetzes sind Sie verhaftet."
Das Publitum flatschte wie rasend. Diefen Augenblick benutzte der Künstler, um mit einer tiefen Berbeugung vom Podium abzutecten. Und auch die drei Herren, die Dieb, Staatsanwalt und Richter gespielt hatten( und es merkwürdigerweise auch tatsächlich waren), verließen den Schauplatz der gelungenen Komödie. Nur der Kommissar, der seine Rolle so fonsequent durchgeführt hatte, daß er sogar die Verhaftung des Telepathen ausgesprochen hatte, folgte dem abtretenden Künstler.
Nehmen Sie Ihren Rod und Hut, Karl Holzwart, und folgen Sie mir freiwillig. Möglichst so, daß es fein Aufsehen gibt und daß das Publikum nicht beunruhigt wird." „ Herr!!..."
,, Jezt teine Komödie mehr! Sie werden nicht mehr dafür bezahlt. Sie sind als der langgesuchte Einbrecher Karl Holzwart er fannt und werden sich vor Gericht zu verantworten haben."
Da gab der Telepath den Widerstand auf und folgte dem Polizeitommissar.
Das anwesende Bublifum erfuhr erst anderen Tags aus der Zeitung, daß es an dem Abend um diese beste Pointe gekommen war...