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Nummer 2» ZH.?uli?Y2Z Anterhaltungsbeilage öes Torwarts- Krauses Kirchenaustritt. Bon Otto Schumann. Lehrer Kraus« hatte sich entschlossen. Schon seit Iahren bot ihm die Kirche nichts weiter, als daß er sein« Taschenuhr nach ihr stellte und sich über die Kirchensteuer ärgerte. Von der letzteren wurde er durch den Austritt srei, das erftere blieb' ihm nach wie vor unbenommen. Auch dem Religions- Unterricht, diesem Eiertanz zwischen Verlegenheit und Unausrichtig» teit, tonnte stch der Lehrer Krause auf diese Art und Weise am besten und sichersten entziehen. Und damit war es wirtlich eine Plage: von sieben bis acht Uhr lebte die Schlange im Paradiese, fraß Erde ihr Leben lang und besah Intelligenz und Sprache, von acht bis neun Uhr kam sie auch in anderen Erdteilen vor, fraß Meerschweinchen und Frösche und war stumm. Zwar bemüht« sich Krause nach Kräften, den Unterricht durch moderne Parallelen zu beleben. So hatte er gezeigt, daß der Apfel auch heute noch die Menschen zur Sünde verleite, z. B. die Werder- schen, die vom Baume der Erkenntnis so nachhaltig gegessen hatten, daß die Kinder aus Berlin N. seit Jahren Aepfel und anderes Obst nur noch im Naturkundeunterricht auf der Anschauungstafel aus Pappe zu sehen kriegten. Der Rektor Schleimig jedoch hielt solche Vergleiche für unpassend. Di« göttlichen Wahrheiten seien in sich selbst begründet und bedürsten derartiger Erläuterungen nicht. So gewähnte der Lehrer Krause es sich denn an, alle Zweifel und Fragen seiner Schüler mit dem Hinweis auf die götlliche Wahr- hell zu beschwichtigen. Das war nicht immer leicht. Als er den dreimal gesiebten Jakob, welcher seinen alten blinden Vater vorn und hinten betrog, und den König David, der seine Untertanen f. v." schrieb, um ihnen ihre Frauen zu nehmen, als stamme Männer und auscrwählte Rüstzeug« Gottes hinstellte und zur Nach- eiserung empfahl, meldete sich der blasse, stets nachdenkliche Emil Rübekohl und brachte, zum Reden aufgefordert, nur die Worte heraus:Ha Lehra, ick staune man bloß imma!" Und Krause schwieg, denn er fühlte sich geschlagen. Und die Mädchen waren noch kritischer..Der Herr Rektor Schleimig hatte einmal in einerBitte ganz vertraulichen" De- sprechung angesichts der Ruhrinvasion betont, die Geschichte der Judith, welche sich ins feindliche Lager schleicht und dem schlafenden Feldherrn Holofernes den Kopf abschneidet, müsse ganz anders als bisher auf ihren religiösen und vaterländisch-fütlichen Gehellt hin ausgeschöpft werden. Lehrer Krause hatte, wenn auch mit inner- lichem Widerstreben, die Anweisung des Rektors wenigstens soweit befolgt, daß er im Unterricht an Schluß dieser Geschichte zaghast an- deutete: Wir Christen müßten gotwertrauend in ähnlichen Fällen ähnlich handeln. Aber da kam er bei Minna Krawutschke schlecht an:Au weih, Ha Lehra: wenn unsereens sowat machen bähte! Neulich ham se an de Schleusenbrücke n' Kopp jefunden von'n Moechen. Iustaf, wat inein jroßer Bruder is, hatte Jlück un jing jrade vorbei. De Pollezei war ooch jleich da. Na, Ha Lehra, wenn se den krirjen, wo det jemacht hat Au Backe! Iustaf sagt, se sagen, der eijne Bräutgam is't jrwesen von det Mecchen, wat zu den Kopp passen duhtl Und dann der Katechismus! Jedesmal, wenn Lehrer Krause seinen Jungens ans Herz legte, sie sollten ihren Nachbarn nicht sein Weib, Gesinde oder Vieh abspannen, abdrinaen oder abwendig machen, bedauerte er, keinen photographischen Apparat bei sich zu haben, um die Gesichter der erstaunten Zöglinge im Bilde fest- zu halten. Kurz und gut, von allen dielen Piagen erlöste ihn der Kirchen- austritt, und bald trug er stolz die Bescheinigung des Amtsgerichts in der Tasche. Noch morgen früh sollte der Rektor die Mitteilung davon aus seinem Tische vorfinden. Sie sollte ckurz und lapidar sein: Seit gestern bin ich nicht mehr e v., sondern D i s s. Krause, Lehrer." Aber da stockte Krause, und eine verlegene Röte malte sich auf seinem Geficht. Ihm war entfallen, wie denn eigentlich das Wort Dissident" im Grunde zu erklären sei. Daß«z aus dem Lateinischen komme, wußte er: aber er hätte sich doch noch einmal gern des Näheren aus dem Konversationslexikon unterrichtet. Denn feiner Gewissenhaftigkeit wäre es peinlich gewesen, wenn der Rektor Schleimig vergeblich an ihn die Frage richten würde:Wissen Sie denn überhaupt, was Dissident bedeutet?" Krause war Gott sei Dank kein Philologe, und schließlich war ja auch die Sache das Wesentliche. Immerhin, besser war es schon, wenn er das Wort zu- nächst vermied.Bekenntmslos" oderbekenntnisfrei" waren ihn, zu umständlich. Unschlüssig und halb mechanisch blätterte er in einem Bande Verfügungen", den er aus der Zeit, da man noch Bücher kaufen konnte, gerettet statte. Da fesselte ein« Stelle des Buches feine Auf- merksamkeit und plötzlich brach er in ein höllenmähiges, dem ernsten Augenblick keineswegs angepaßtes Gelächter ausIch Hab's," und kurz entschlossen schrieb er:Herrn Rektor Schleimig, hier. Seit gestern bin ich nicht mehr« v., sondern Ind. Krause, Lehrer." Rektor Schleimig war ein Schulleiter, wie er sein sollte, echt deutsch und christlich-unpolitisch bis ins Mark der Knochen. Sein vom langen Dienst nivelliertes Gesicht war halb zugewachsen: denn er hatte sich geschworen, daß kein Schermesser ihn berühren sollte, ehe nicht ein dritter Friede von Bersailles, einer, den die Deutschen der Welt diktierten, zustande gekommen sei. Aber dann!!! Schleimig hatte sich vorgenommen, die Regierung zu bitten, ihm Pöincare als Hilf-cheizer für seine Schule zu überweisen. Diesen wollte er dann auf legalem Wege zu Tode inartern. Schleimig hatte zwei Bücher geschrieben: Erstens:Perlen aus den kleinen Pro- pheten, für Baugewerkschüler, mit einem Anhang: Baterländische Gedenktage". Zweitens:Nationale Jugendbünde und Jungfrauen- vereine in der wechselseitigen Befruchtung ihres inneren Lebens. Ein Versuch." Als der Rektor die Mitteilung des Lehrers Krause in seinem Amtszimmer vorfand, schnellte er in die Höhe. Unfaßbar! Also auch in sein Lehrerkollegium war die Pest des Atheismus einge- drungen. Aber was hieß denn das?Nicht mehr«v., sondern I n d."? Ach so. Großartig wahrhaftig! Also gleich einen Ersatz für die angestammte Kirche hatte Krause gesunden, und zwar in der indischen, ober, wie Krause sich genauer hätte ausdrücken sollen, in der buddhistischen Religion. Nun, ich will ihm gleich schriftlich meine Meinung mitteilen." Und Rektor Schleimig griff zur Feder:Herrn Lehrer Krause. Eine mündliche Rücksprache über Ihren bedauernswerten Schritt muß ich mir versagen. Sie müssen das mit Ihrem Gewissen und der Reichsverfassung abmachen. Wenn Sie indessen glauben, indischen Religionslehren in meiner Schule Eingang verschaffen oder die Schüler zum Drehen Ihrer Gebetsmühle heranziehen zu können, so irren Sie sich. Schleimig, Rektor." Krause staunte. Hier tat schleunige Aufklärung not. Und Krause antwortete:Sehr geehrter Herr Rektor! Zu Indien hat mein augenblicklicher Zustand keinerlei Beziehung. Ich verehre die religiösen Werte und Gedanken, die sich in allen Menschheits« religionen bergen: irgendeinem dogmenmäßigen Bekenntnis indessen, dem buddhistischen oder einem anderen, möchte ich in Zukunft nicht inehr anhängen. Die Sllbe Ind. hat auch eine viel bescheidenere Bedeutung. Ihnen, Herr Rektor, als Schulleiter, ist sicherlich die Ministerialvcrfügung vom 8. Mai 1847 Nr. 1097 II bekannt, lvelche bis in die neueste Zeit hinein Gebrauch gehabt hat. Sie schließt mit den Worten:... ebenso kann weder ein aus den anerkannten Landeskirchen ausgetretener Lehrer in seiner Stellung an einer öffentlichen Schule verbleiben, noch ferner ein solches I n d i v i- duum an bestehenden öffentlichen Schulen als Lehrer angestellt werden." Wenn nun auch die Revolution manches geändert hat, so darf die köstliche, unnachahmliche und amtlich geheiligte Bezeich- nungIndividuum" wohl auch heute noch als die für uns arme Un- gläubige allein passende gelten. Ich jedenfalls möchte mir in aller Bescheidenheit diesen Name» zu eigen machen und bitte auch Sie, sehr geehrter Herr Rektor, mich von nun an zu würdigen nnd zu bezeichnen als Ihren ergebensten Krause. Lehrer und I n d i v i d n u m."_ vom Liberalen Zum Sozialöemokraten. Bon Paul Kampffmeyer . Der eiserne Besen desSozialistengesetzes " hatte bis zum Schluß des Jahres 1878 alles, was auch nur entfernt an die saziell- demokratische Bewegung erinnerte, nnt grausam-brutaler Energie aus der Oeffentlichkeit weggekehrt. Die sozialdemokratischen Zei­tungen waren von der Straße verschwunden, die sozialdemokratischen