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I Nummer S Heimweh TLjlpcUjm �lnterhaltunHsbeilatze öes vorwärts Der Sittich. Von Ludwig Bauer. Im Vorraum ertönt heftig«in« aufgeregte Stimme, st« zerrt mich gewaltsam wie mit starten Händen aus meinem Halb- schlummer. Ich habe die Empfindung, daß sich irgend etwa» Un- geheure» und Entscheidendes ereignet haben muß. So grob spricht nur das Schicksal, sagte ich mir. während ich bebend in die Kleider stürzt«. Ich eil« hinaus und seh« gerade die prachtvoll-gebieterische Geste eines mir unbekannten Mannes, der aus ein Fenster unseres Wohnzimmer» deutet. Mein Gott, ein Feldherr kann noch einer gewonnene» Schlacht auch nicht heroischer sich geberden l Unwilltür» lich such« Ich den Marschallstab in seinen erhobenen Fingern: alle» in seiner Haltung ist ja ein Patho», da» Bewußtsein einer großen entscheidenden Aktion. Di« Großartigkeit der majestätisch ausge­streckten Hand läßt in mir die Borstellung erstehen, er wäre aus Bronze. Aber nein. Bronze spricht nicht, er aber ruft mir zu:.So sehen Sie doch!' vorsichtig guck« ich aus die Straß« und erschrecke: eine Menschenmenge wimmelt unten, ihre Hände deuten alle hin- aus. gerade aus mein« Wohnung. Ich erwarte ein« Rauchsöul«. lodernd« Flammen, überleg« rasch im Geist«, was ich zuerst retten soll, und beschliehe, mein« Manuskript« verbrennen zu lassen. Schließlich ist mir dann der Zufall eben zuvorgekommen.... Aber nirgend, ist Feuer, und nun. vor einer unbekannten Gefahr. beginn« ich ängstlich zu werden. Ich beug« mich hinaus und höre gerade, wie eine dick« Frau, mit ihrem Einkaufskorb wie mit einem Spazierstock aus mich weisend, ausruft:.Dort ist das Vieh!"... Ich bin tödlich beleidigt und oerlass« entrüstet das Fenster. Wie ich mich umdrehe, ist der Fremdling au» meiner Wohnung verschwun- den. Alle» wird immer rätselhafter. Unten wächst da» Volk an, schon kann die Trambahn nicht mehr weiter fahren, Radfahrer springen ab und starren wie gebannt heraus, und ich bemerke be- sonder» viel« Leute in der Ansammlung, die Pakete tragen und es eilig zu haben scheinen. Aber jene, geheimnisvolle Ereignis hält sie unten fest. Vorsichtig gucke ich durch die Lorhänge nach dem Wunder au», mein Blick sucht überall und plößlich entdecke ich aus dem Fenstersim»«in fremdartige», bewegungsloses, grüne« Etwa». Da» betrachte ich genauer, und zu meinem Staunen erkenne ich es als einen jener Neinen Papageie , die man in den Botarien der Tier- gärten und den Auslagen der Tierhändler häufig steht. Ein Sittich, glaub« ich. Er fitzt sehr betrübt da oben, hat die Augen fast ge- schloffen und scheint von den Hunderten hier der einzige, der seine Ruhe bewahrt hat. Die Frau, die mich vorhin beleidigt hat, ist un- geheuer ausgeregt: sie entwirft Flankenangriff«, Umgehungen, ent- wickelt strategische Talent«, andere widersprechen ihr, es Ist ein kleiner, aber leidenschastticher Kriegsrat, der sich auf der Straße entwickelt. Unten werden die Kriegspläne erörtert und verworfen. wi« der Bogel einzusangen wäre zurück in den Käfig, dem er entflohen; er aber tut, al» ginge ihn da» alles gar nicht» an. Es ehrt mich, daß er gerade zu mir dos vertrauen hat, ich würde feiner Freiheit nicht nachstellen. Freilich,«» ist ein« tödlich« Freiheit. Der arme Eüdlandvogel ist wohl wärmere Luft gewohnt, und ich fürchte, er wird die» sonderbare Schicksal, da» Ihn einst au» seiner üppigen Tropenfreiheit riß, um sie ihm erst hier wiederzugeben, nicht er- tragen. Wenn man in Urwäldern herumfliegt und dann plötzlich statt Schlingpflanzen die Drähte der Straßenbahnen und Tele- graphen vor sich hat! vielleicht sehnt er sich auch nach dem Genossen, oder, was erheblich mehr dem Schöpfungsplan entspricht, nach der Genossin. Diese kleinen Papageien leben ja immer bloß paarweis«, sterben zusammen, wie st« zusammen lebten. Bei ihnen gibt es niemals unglückliche Ehen, Haß, Eifersucht. Die.Unzertrennlichen" heißen sie. Und jener arm« Vogel ist so allein: niemand auf der Welt kann einsamer sein. Unter den vielen Millionen Kreaturen, die setzt auf dieser Erde einsam sind, leiden, zugrunde gehen, ist keiner verlassener, hoffnungsloser der Uebermacht und dem bösen Schicksal preisgegeben als er, als jenes kleine bunte Gebilde au» Federn, unter denen«in Herzchen zitternd pocht. Alles ist ihm feind- lich, die Luft, die Stadt, die fremd« Erde, selbst die vielen Menschen, die ihn zu bedauern glauben und doch nur auf seine Knechtschaft stimen. Weil sie den Glanz seiner Federn al» Ergötzung Ihrer Augen begehren, hat man ihm aufgelauert. Ihn aus dem Licht, der strotzen- !,en Wärm« seiner Heimat herausgertssen, ihn hierher gebracht, in den Winter. Er hat rebelliert, hatte Erfolg und hockt nun betrübt auf dem Sims. So steht das Glück aus, das er im Kerker sich er» sehnte.... Jemand klopft mir auf die Schulter:.Wir werden ihn gleich haben!" Es ist wieder einer aus der Menge da unten, ein besonder» Tatkräftiger! Er freut sich sehr dieses Begebnisse», sein« grau« Existenz scheint überschimmert von dem grünen Gefieder des Sittich», von dem Außer ordenllichen, cm dem er nun«inen Teil hat. Der Mann hat etwas Suggestives, keine» Augenblick kommt mir der Gedanke, daß dies doch eigentlich meine Wohnung ist, er rückt Tische fort, reißt Vorhänge herunter, steigt auf Sessel und versichert dabei immer gutmüttg lächelnd:.So ein arme» Tierchen! Wir werden es gleich haben I"... Und gleich darauf:Geben Sie nur acht darauf!" Da versichert jemand neben mir, man müsse es doch dem früheren Eigentümer zurückstellen, es werde gewiß schon vermißt! Solche Papageien sind sehr wertvoll, beteuert er, und dabei nimmt fem leeres, dummes Gesicht«inen sehr bedeutungsvollen und fast gelehrten Ausdruck an. Der Tatkräftige ist wegen de» Einwand«» unwillig, er erwartet offenbar von mir für den gefangenen Sittich irgendwelche abenteuerlich« Belohnung. Er schwingt sich aus» Fensterbrett, lehnt sich weit vor, ohne sich anzuhalten. Ich erstarre. Nur kein« Angst! Ich bin Fensterputzerl" Di« Leute unten werden still, erschauern, es ist ein erschreckender Augenblick. Sicherlich, e» gibt ja unendlich viel Heldentum und Todesverachtung, ohne daß jemand ahnt, bewundert, erschauert. Und die» hier geschieht höchst ftevelhaft, um einen kleinen, armen Vogel, der niemandem etwa» zuleide getan hat, in die verhaßte Knechtschaft zu zwingen, der er für einen Augenblick entkam. Alle wollen, daß er wieder in seinem Käfig sei; dieser Mann auf dem Fensterbrett wagt sein Leben für den Käfig, der auf den Sittich wartet, und die große Menge da unten, st« ist solidarisch mit dem Käfig. Und langsam greift der Mann, vornübergebeugt, ftei auf der Zehenspitze über dem Abgrund schwebend, nach dem bekümmerten kleinen Bogel . Ich schtteße die Augen, weiß nicht, ob sich hier ein Bogel- oder«in Menschenschicksal entscheidet. Erst da» ungeheure Gelächter da unten»eckt mich. Weg ist er!" ruft ganz luftig der Fensterputzer und springt wieder Ins Zimmer.So ein Msswiehl Wenn er nur eine Sekunde noch gewartet hätte! Jetzt holt ihn keiner!" Der Mann ist gar nicht böse darüber, nicht über das Gelächter, nicht über seine enttäuschte Hoffnung. Rein, er strahlt noch von der Bewegung dieser Augenblicke, von dem Erlebnis, das ihm da mitten in den Alltag flog und entschwand. So fühlen wohl auch die Men- schen da unten, die sich nun verlaufen. Es war«in« Auffrischung für sie. eine kleine willkommen« Anspannung Ihrer müden Nerven, und nun ist«» vorbei, das Leben hat sie wieder, ihr großer Käfig, dem sie für einige Gedantenlängen. für ein paar Minuten Gaffen entwischt waren. Ganz unvermittelt wird die Straße wieder gleich- gültig, gelangweilt und nüchtern. Unterdes suche ich mit den Augen den Sitttch. Aber er ist ver­schwunden in der weiten feindlichen Welt und stirbt Irgendwo ein- sam, so einsam im Grauen,«in Opfer seiner Buntheit. Es gibt so viel Glänzendes und Farbige», das gehetzt wird und verdirbt, damit die Grauen ihre matten Augen delektteren können. Mich fröstelt: ach ja, die Fenster sind noch aufgerissen. E» ist so kalt nicht wahr, kleiner, grüner Sitttch? Die Natur gibt alle Güter allen Menschen gemeinsam. denn Gott hat olle Dinge geschaffen, damit der Genuß für alle gemeinschaftlich sei. Die Natur hat also das Recht der Gemeinschaft erzeugt, und es ist nur ungerechte Anmaßung. die das Kapital erzeugte Bischof Ambrosius(gest. 397 n. Chr.).