Die Zene Wolf

№o 10.]

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

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Erscheint wöchentlich.- Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Bu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.

[ 1876.

Die wahre Geschichte des Josua Davidsohn.

8. Kapitel.

( Fortsetzung.)

Eines Abends saßen wir in der Abendschule, die Josua immer noch hielt: die Stube war mit Männern und Weibern der schlech­testen Art, wie die Welt es nennt, angefüllt, als plötzlich die Thüre mit Geräusch aufgerissen ward und Joe Traill, zerlumpter und schmutziger denn je und halb betrunken hereinwankte. Ich weiß nicht, ob ich schon gesagt habe, daß Josua für ihn eine Stelle gefunden hatte, wo es Joe ganz gut gegangen wäre, hätte er das Trinken aufgeben können; er gab es aber nicht auf, und das war das Ende vom Lied, nachdem er beinahe drei Monate sich sonst brav gehalten hatte.

,, Es thut nicht gut, Josua," sagte er zu diesem in seiner trunkenen Weise ,,, Arbeit und keinen Schluck dazu das ist zu schwer für mich! Ich bin wieder' reingefallen!"

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,, Gut, Joe, es scheint, daß du dieses Mal ziemlich weich ge= fallen bist, so weich wie Straßenkoth!" erwiderte Josua. Setz' dich aber nun hin und mach' keinen Lärm. Ich werde später mit bir reden."

,, Keinen Heller in der Tasche!" sagte Joe, indem er seine Taschen umwendete und mit den Händen ausstäubte. Ich komme zurück, wie der Teufel, schlechter als ich ging!"

Schon gut, Freund, aber davon später; laßt mich fertig machen, was ich jetzt zu thun habe, und dann reden wir zusammen." Doch Joe war in jenem Zustande, in dem der Mensch ent­weder weinerlich oder streitfüchtig ist. Er war das Lettere, wohl zum Theil, weil er noch Besinnung genug hatte, sich zu schämen, und suchte mit Josua anzubinden. Er rief ihm eine zotige Ge­meinheit zu, die zu wiederholen, ich mich nicht erniedrigen will. Josua antwortete ihm ruhig, aber gebieterischer als zuvor.

Set' dich," sagte er, und ich glaube nicht, seine Stimme je schärfer und bestimmter gehört zu haben. Du hast für heute genug mach' nicht noch weitere Dummheiten!"

Da kochte das böse Blut, das böse Verbrecherblut, das nie­mals ganz entfernt worden war, in Joe aufer holte zum Schlag aus und traf Josua mit voller Wucht an der Seite des Kopfs über dem Ohr.

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Mindestens ein Dutzend Männer erhoben sich zornig, Flüche ertönten; einige gegen Joe wegen des Schlags, einige auch gegen Josua, daß er den Schlag nicht zurückgab; die Weiber schrien, die Bänke wurden umgeworfen, und die ruhige Abendschule war in ein tobendes Babel voll Tumult und Gewaltthätigkeit ver­er war auch ein Dieb, ein wandelt. Ein kräftiger Bursche, Mensch, der sich jederzeit zu einem Mörder entwickeln konnte, der aber mehr Fiber, mehr Halt in sich hatte, als der arme, schlottrige, charakterschwache Joe, und darum besser im Zügel zu halten war, wenn man einmal seiner Brutalität Herr geworden- ging in Borerstellung auf den Betrunkenen los, den Mehrere der An­wesenden schon am Kragen gepackt hatten. Allein Josua, der freideweiß geworden war, legte seine linke Hand auf Jim's starken Arm, während er seine rechte nach Joe Traill ausstreckte und fagte: Joe, einen Mann schlagen und deinen Freund, für Nichts! Du mußt geträumt haben, mein Junge, und einen bösen Traum! Gib mir die Hand und wache auf!"

Mehr kann ich nicht sagen. Vielleicht lag nichts Besonderes in seinen Worten; aber in seinem Blick, als er dastand, so todten­bleich und doch so beherrschend, mit der einen Hand Jim Graves zurückhaltend und die andere Joe hinreichend, der sich unter den eisernen Fäusten krümmte, die ihn umklammerten lag Etwas, das wie ein Zauber auf sämmtliche Zuschauer wirkte. Männer und selbst Weiber waren da, die bereit gewesen wären, ihn in Stücke zu reißen, wenn sie nur einen Augenblick den Argwohn gehegt hätten, seine liebevolle Sanftmuth sei nur versteckte Feig­heit; aber es war kein Feigling, der dem Trunkenbold, weil er ihn geschlagen, sich gegenüberstellte, es war kein Feigling, der dem brüllenden, tobenden Haufen verzweifelter Männer und Weiber die Stirn bot, und sie Alle durch seine unaussprechliche Würde beruhigte. Es war derselbe eindringliche, durchbringende Blick, mit dem er als Knabe den Pfarrer in der Kirche befragt und später als Jüngling im Felsenthal um ein Wunder gebeten hatte.

Joe brach in Thränen aus, er war nüchtern geworden und sein Trotz gebrochen; viele der Weiber weinten sogar die große, feiflustige Betsy Lyon, eine der herabgekommensten Personen des ganzen Stadtviertels, während die Männer zur Seite schlichen