einen bunten, sollte sie einen mit gepreßten Käntchen nehmen? Das war in der That eine wichtige Frage, wichtiger fast, als die, in welchem Tone der Brief zu halten sei. Als freilich ein Bogen gewählt war, fiel ihr der Zweifel, ob sie auch den rich­tigen Ton treffen werde, schwer auf's Herz-sie befand sich allerdings in einem höchst bedenklichen Dilemma. Sie zagte davor, als Absenderin erkannt zu werden, und mußte sich doch gestehen, daß sie sehr unzufrieden mit dem Briefe sein würde, menn sein Wortlaut die Möglichkeit ausschlösse, errathen zu werden; sie erröthete tief bei der bloßen Vorstellung, daß Wolf­gang aus dem Tone ihrer Zeilen schließen könnte, sie nehme ein wärmeres Interesse an ihm und doch hätte sie ihren Brief um feinen Preis so formulirt, daß jede solche Vermuthung aus geschlossen war. Nein, das durfte nicht sein; sie dachte sich's unwillkürlich bezaubernd, durchblicken zu lassen, nach welchem sinnverwirrenden, nie geträumten Glück Wolfgang nur die Hände auszustrecken brauchte. Sie wurde seltsam warm bei dem Ge­Sie wurde seltsam warm bei dem Ge­danken, welchen überwältigenden Eindruck so viel Güte und Herablassung auf den jungen Mann machen müßte, und wenn er dann zu ihr kam, wenn er hingerissen vor ihr auf die Kniee sank und ihre Hände bebend mit Küssen bedeckte wer wußte, ob sie dann nicht ihrer romantischen Güte die Krone auffezte und ihn zu sich emporzog? Er war freilich nicht Offizier, und das war ewig schade, aber er war doch ein so hübscher junger Mann, sanft und stolz zugleich, und traf sie nicht vielleicht eine weise Wahl, wenn sie sich einen Gatten auserfor, der ihr ewig dankbar sein, der sie anbeten und auf den Händen tragen mußte, was wohl keiner von den verwöhnten Herren in Attila und Stulp­stiefel thun würde? Sie war fast gerührt und weich und das Romantische des Gedankens lieh ihr Flügel- sie konnte ein muthwillig übermüthiges Lächeln nicht unterdrücken, wenn sie an das köstlich verblüffte Gesicht des Vaters bei der Eröffnung dachte, die sie ihm selber machen würde. Unter dem Einfluß dieser aus­schweifenden Träumerei schrieb sie ihren Brief, als sie ihn aber tief aufathmend überlas, erschrak sie über das Unerhörte ihres Schritts, und wenn ihr auch der Gedanke, Wolfgang könne sie verschmähen, weltenfern lag und ihr garnicht kommen konnte, so knitterten und knäulten die kleinen Hände das unvorsichtige, verrätherische Blatt doch heftig zusammen und sie beschloß, einen andern Brief zu schreiben, einen Brief, der so steif und förmlich, so gemessen und kalt ausfiel, daß er ihr beim Ueberlesen geradezu abscheulich vorkam und daß sie ihn in kurz und kleine Stückchen riß. Also ein dritter Entwurf! Auch er befriedigte sie nicht und schien ihr auf der einen Seite schon zu viel zu verrathen und auf der andern keine genügende Ermuthigung für Wolfgang zu sein; sie fand, es sei doch eigentlich schwer, einen Brief zu schreiben, der dazu auffordern mußte, ganz bestimmte Dinge zwischen den Zeilen zu lesen, und am liebsten hätte sie einen vierten Entwurf gemacht. Aber es war schon zu spät, ihre Lider sanken schwer über die Augen, sie mußte ja auch den Entwurf, in dem sie gewaltig herum forrigirt hatte, noch abschreiben und so behielt sie diesen dritten Entwurf bei und fügte nur nach einigem Besinnen die Nachschrift hinzu und die Buchstaben J. S. D. N.( das Geburtstagssonett hatte mit den Worten begonnen: " Ich sah dich nahn, dann warf sie sich fast erschöpft von der ungewohnten Anstrengung auf ihr Lager und fragte sich noch im Einschlafen:" Werde ich in acht Tagen Braut sein? Was würden die Herren Offiziere zu der unerwarteten Botschaft sagen?" Und sie lächelte und schlief mit dem Gedanken an die Toilette ein, in der sie ihre Brautvisiten machen würde.

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Sie war auch in vierzehn Tagen noch nicht Braut, denn Wolfgang gab weder eine direkte noch eine indirekte Antwort. Sie war einige Tage hindurch sehr geneigt, dem Undankbaren zu zürnen, der sich so vieler Güte nicht würdig zu zeigen wußte, aber bald kamen ihr andere Gedanken." Nein, diese Männer," " Nein, diese Männer," sagte sie sich halb unmuthig, halb belustigt das Feinste und Zarteste in der weiblichen Natur bleibt ihnen doch ewig un­verständlich und ihrem groben Wahrnehmungsvermögen fann man doch nur mit groben Mitteln beikommen. Der leise Duft einer echt jungfräulichen Natur ist zu unkörperlich für sie und höchstens in aristokratischen Familien und in wirklich vornehmen Kreisen bildet sich das Feingefühl aus, das für einen solchen Duft empfänglich ist. Woher soll am Ende dieser Herr Hammer auch ein solches Feingefühl und Verständniß haben? er ist doch aus gewöhnlicher Familie und dann seine Verzagtheit und Schüch­ternheit haben doch auch etwas hübsches. Er wagt es nicht, den Blick zu mir zu erheben und glaubt gewiß, er sei höchstens be­

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rechtigt, mich im Stillen zu verehren, mich zu seiner Muse zu machen und mir seine Gedichte zu widmen, müsse sich aber im übrigen, zu hoffnungsloser Liebe verurtheilt, in achtungsvoller Entfernung halten, immer fürchtend, durch ein rauhes Wort den poetischen Zauber zu brechen und sich streng und vorwurfsvoll in seine Schranken zurückgewiesen zu sehen. Und hat das Be­wußtsein, einem modernen Dichter dasselbe zu sein, was Beatrice für Dante war( soviel hatte sie doch aus der Literaturgeschichte behalten) nicht auch seinen geheimen Reiz? Wer weiß, ob er nicht noch berühmt wird, und dann steht vielleicht in seiner Bio­graphie, daß eine hoffnungslose, verschwiegene Liebe zu einer jungen Dame, die gesellschaftlich unerreichbar hoch über ihm stand, seinen schönsten Liedern das Leben gegeben und ihnen die schwer­müthig seelenvolle Färbung verliehen habe, und daß er unver­heirathet geblieben sei, da er diese Liebe nicht zu vergessen ver­mochte. Gewiß, es ist besser so, und ich bin doch eigentlich recht romantisch- thöricht gewesen, als ich an einen minder zarten Aus­gang dachte. Nicht Braut, aber ein in verschwiegener Seele verehrtes Dichterideal! Ich werde ihn durch einen tiefen, seelen­vollen Blick belohnen, der ihm sagt, daß ich ihn verstehe und seine Huldigung annehme." Und sie fam sich sehr erhaben vor und lächelte, träumerisch wie sie glaubte, vor sich hin.

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Für Wolfgang schien mit dem Briefchen der Kleinen eine Aera der Billet- dour zu beginnen. Am Tage nach dem Empfang jenes Briefchens fand er ein zweites vor, dessen Handschrift er sofort erkannte; es war die von Frau v. Larisch. Dieses zweite Briefchen war erheblich kürzer als das Emmy's und lautete folgendermaßen:

Wenn Sie Sich morgen Abend 7 Uhr an der Parkpforte ein­finden wollen, werden Sie dort eine Dame finden, die der Wunsch, Ihnen eine Warnung zukommen zu lassen, bestimmt, einen solchen der Mißdeutung ausgesetzten Schritt zu thun. Dafür, daß er bei Ihnen einer solchen Mißdeutung nicht ausgesetzt ist, bürgt ihr Ihr Charakter." Ein Maiblümchenstrauß."

" Sie also?" sagte Wolfgang leise vor sich hin. Nun erst er­fuhr er, daß es Frau von Larisch gewesen war, die ihm die feine Aufmerksamkeit erwies, welche ihn auf seinem Krankenlager so eigenthümlich bewegt und gerührt hatte. Diese Entdeckung war weit davon entfernt, ihm Freude zu machen und nur wider­strebend entfagte er der Illusion, die er solange gehegt hatte. Er schwankte sogar geraume Zeit, ob er dieser Einladung Folge leisten solle, aber der Gedanke an die Bereitwilligkeit, mit welcher ihm Frau von Larisch entgegen kam, als er sie für die kleine Anna zu interessiren wünschte, schien ihm die Verpflichtung auf­zuerlegen, ihre Warnung anzuhören, die jedenfalls mit der bereits erhaltenen identisch und ebenso gut gemeint war. Vielleicht er­fuhr er sogar von der weltkundigen Klugen Dame Näheres und Greifbareres, und so wenig er sich auch vor seinen Gegnern fürchtete war es denn so ganz unmöglich, daß die äußerste Vorsicht noch gebotener war, als er nur ahnen konnte?

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Dem Abend, an welchem sich Wolfgang zu dem geheimniß­vollen Rendez- vous begab, war einer jener klaren, milden, stillen Tage vorausgegangen, wie sie auch das letzte Drittel des Oktober uns zuweilen noch bescheert. Auch in der Seele unseres jungen Freundes war es still und klar, und der Gedanke an die Be­gegnung, die ihm bevorstand, trieb ihm das Blut nicht rascher durch die Adern. In nachdenklichster Stimmung schritt er lang= sam auf dem schmalen Waldpfad auf und ab, die Hände auf dem Rücken ineinander gelegt; sein Blick haftete am Boden und an dem rostbraunen, welken Laub, das zollhoch die Erde bedeckte und das sein Fuß vor sich herschob. Aber seine Gedanken waren nicht bei der schönen Frau, die ihn an dieses einſame Plätzchen bestellt hatte, sondern bei der Strophe, die den Schluß eines an Martha gerichteten Gedichts bildete und die ihm schon den ganzen Tag durch den Sinn gegangen war; er hatte sie schon wieder­holt umgegossen, aber noch immer befriedigte sie ihn nicht recht, und er hatte sich auf die Stunde des einsamen Wartens im Walde vertröstet, auf die er vorbereitet war Frauen sind ja niemals pünktlich. Nur zuweilen warf er beim Vorübergehen an der Barkpforte einen flüchtigen und zerstreuten Blick in die kies­bestreuten Gänge und wendete befriedigt den Kopf wieder weg, wenn er diese Gänge noch einsam im ersten Dämmern des Abends liegen sah. Die stille Stunde erwies sich ihm günstig; er fand für seinen Gedanken eine Form, die ihn vollkommen befriedigte, und krißelte sie, sich an den Stamm einer alten Buche lehnend, mit Bleistift in stenographischen Zeichen auf ein Blatt seines Notizbuchs. Die Verse lauteten:

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