Die Zene Boll

N 36. Jahrg. I.

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

In Heften à 30 Pfennig.

Erscheint wöchentlich.- Preis vierteljährlich 1 Mark 20 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.

1878.

Ein verlorener Posten.

Roman von Rudolf Lavant . ( Fortsetzung.)

Es kam Wolfgang am nächsten Tage hart an, daß die Nähe des Jahresschlusses ihn zwang, sich mit mancherlei Vorbereitungen auf die Inventur zu beschäftigen und länger als sonst im Comptoir auszuhalten. Das übrige Personal hatte sich längst entfernt und ihn bei seinen Büchern allein gelassen; er stand eben im Begriff, sie zuzuschlagen und nach Hause zu gehen, um an Martha zu schreiben( er hatte sich bei Frau Meiling Thee bestellt und ge­dachte, nothfalls die ganze Nacht schreibend zu verbringen), als der Kommerzienrath, ganz wider seine Gewohnheit, noch einmal in's Comptoir zurückam; er hatte angeblich seine Pultschlüssel stecken lassen und wollte sie holen. Mit einer Stordialität, die ihn eine gewisse Ueberwindung kostete, brachte er Wolfgang eine Handvoll ächt Importirter und meinte freundlich:

Nehmen Sie, Herr Hammer- hochfeines Kraut! Herrnhuter Fabrikat- so ziemlich das beste, was es gibt. Aber Sie sind ja Kenner und bei einer reellen Havannah arbeitet es sich noch einmal so gut. Warum lassen Sie Sich übrigens nicht helfen? Sie brauchen nicht alles allein zu machen."

Wolfgang war ziemlich überrascht,- was fiel nur seinem Chef ein? Ruhig erwiderte er:

" Ehe ich jemanden weitläufige Erklärungen gebe und ihn dann auch noch kontrolire, nehme ich die Arbeit lieber selber vor; ich komme dabei rascher zustande und bin meiner Sache sicherer."

Herr Reischach klopfte ihn wohlwollend auf die Schulter und sagte: Immer der Alte! Inimer:, Selbst ist der Mann! Man trifft solche Grundsäße selten, und ich ehre und achte sie. Sie wissen, ich mache nicht viele Worte, aber ich habe mich schon oft über Sie gefreut und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Sie bei mir einen Stein im Brete haben. Es verschlägt nichts, daß Sie nebenbei auch ein kleiner Tausendsasa sind, der den Mädchen die Köpfe verdreht und allerlei seltsame Geschichten anrichtet." Wolfgang ward betreten; dieser Ton berührte ihn unangenehm, und er konnte nicht einmal absehen, wo das hinaus sollte.

" In diesem Augenblick verstehe ich Sie nicht, Herr Kommerzien­rath; Sie müssen wohl oder übel falsch berichtet worden sein, denn ich wüßte nicht, auf welche thatsächliche Unterlage sich diese scherzhafte Anspielung stüßen könnte."

" Nun seh' einmal einer an, wie unschuldig er sich stellen kann! Als ob er kein Wässerchen getrübt hätte, und doch weiß ich sehr genau, daß ich nicht zuviel gesagt habe und daß man

gegen eine, die man wohl kennen wird, entschieden liebens­würdiger gewesen ist, als nöthig gewesen wäre. Ich kenne diese eine sehr genau und weiß, daß das Malheur ziemlich groß ist." Ein jäher Verdacht in Wolfgang auf; er erröthete tief und das Wort starb ihm auf der Lippe.

Der Kommerzienrath faßte das eine Ende seines blonden Schnurrbarts, wirbelte es vertraulich- scherzend um den Finger und sagte heiter:

Nun, besinnen Sie Sich? Habe ich den wunden Punkt ge­troffen? Ja, ja, es ist nichts so fein gesponnen u. s. w. Das wird auch bei Ihnen wahr, und Sie sind doch nicht vorsichtig genug gewesen. Nun, handelte es sich nicht grade um Martha Hoyer, so hätte mir die Geschichte ja entgehen können, so aber­das mußte doch herauskommen, früher oder später."

Wolfgang war sichtlich bestürzt, aber der Kommerzienrath deutete diese Bestürzung falsch und fuhr begütigend und beruhigend fort: Nun, Sie können schon zugeben, daß ich recht habe, der Kopf geht deswegen nicht herunter, und was will ich denn weiter thun, als Ja und Amen sagen, da die Affäre schon so weit ge­diehen ist, daß sich die arme Martha die Augen aus dem Kopfe weinen würde, wenn sie ihren schmucken Wolfgang Hammer nicht bekäme. Man hat doch auch kein Kieselherz und am Ende habe ich Martha nicht einmal etwas zu sagen."

Eine fahle Blässe hatte sich auf Wolfgangs Zügen gelagert und düster und gepreßt fragte er:

" Darf ich mir zunächst die Frage erlauben, ob Fräulein Hoyer selbst es gewesen ist, die Ihnen Andeutungen gemacht hat, aus denen Sie diese Schlüsse ziehen?"

,, Andeutungen! Schlüsse!" erwiderte der Kommerzienrath mit etwas gezwungenem Lächeln; ganz wohl war ihm doch nicht, und er hatte geglaubt, die Sache werde leichter in's Reine kommen. Eine ganze Geschichte, Herr Hammer, hat man mir schließlich gebeichtet, eine sehr pikante Geschichte und wer sonst, als Fräulein Hoyer selber?"

Und Sie sind also, was mir, verzeihen Sie, zunächst doch das Wichtigste ist, ermächtigt, mir zu sagen, daß meine Werbung um sie bei ihr eine günstige Aufnahme fände?"

Können Sie denn noch immer nicht daran glauben, daß Sie so erstaunliches Glück haben? Soll ich es Ihnen etwa Schwarz auf Weiß geben? Daran, daß sich ein nicht mehr ganz junges