Dieser Unterschied der militärischen Genies in der alten und neuen Zeit ist auffallend; er läßt sich aber augenscheinlich auf den Umstand zurückführen, daß jetzt wegen der unendlichen Zu nahme geistiger Beschäftigungen nur wenig hochbefähigte Menschen einen Stand wählen, zu dem sie sich im Altertum mit Eifer drängten, weil sie da am besten ihre Fähigkeiten verwerten konnten, welche in höher civilisirten Ländern besser zu verwenden sind.

Diese wichtige Veränderung war aber das langsame Werk vieler Jahrhunderte, und nur das allmäliche, aber anhaltende Uebergreifen der fortschreitenden Wissenschaft vermochte die mäch­tigsten Geister von den Künsten des Krieges zu denen des Friedens herüberzuziehen.

Von den verschiedenen Ursachen, welche diesen Fortschritt be­wirkt haben, ist die Erfindung des Schießpulvers eine der wich tigsten. Vor dieser Zeit war fast jedermann Soldat; stehende Armeen waren gänzlich unbekannt, das Kriegshandwerk hatte feine abgesonderte Existenz oder, richtiger gesagt, alle anderen Beschäftigungen gingen in dieser einen auf. Nur der geistliche Stand machte eine Ausname, sodaß Krieg und Theologie die einzigen Berufszweige waren, über welchen alles wahrhaft Wichtige vernachlässigt wurde; es gab Priester und Krieger, Predigten und Gefechte die Hülle und die Fülle, aber weder Handel noch Ver­fehr, noch Fabriken, keine Wissenschaft, keine Literatur, aber durch das Schießpulver wurde die Kriegskunst kostspieliger und ver­wickelter, es wurden Uebung und Disziplin notwendiger, und man fand es rätlich, große Menschenmassen blos für den Krieg abzurichten und ihren Stand soviel als möglich von den anderen Beschäftigungen zu trennen, womit sich früher alle Soldaten gelegentlich während der kurzen Friedenspausen abgegeben hatten. So bildeten sich stehende Armeen und zugleich eine entschiedene Kluft zwischen dem Soldaten und dem Bürger und ein eigener Militärstand, welcher verhältnißmäßig nur aus einem kleinen Teil der Bürger sich zusammensetzte und es den übrigen über­ließ, anderen Berufsgeschäften nachzugehen. Nach Adam Smith kann unter den civilisirten Völkern des neuern Europa auf die Dauer nur der hundertste Teil der Einwohner eines Landes zum Militärdienst verwendet werden, ohne das Land, welches die Kosten dafür trägt, zugrunde zu richten.

Auf diese Weise entwöhnten sich allmälich große Menschen­massen ihrer alten kriegerischen Sitten; sie wurden zum bürger­lichen Leben gezwungen und ihre Kräfte für die früher vernach­lässigten Künste des Friedens nuzbar gemacht. Die Folge war, Die Folge war, daß sich eine eigne Mittel- oder intellektuelle Klasse bildete, welche jene Eroberungslust zu zähmen begann. Im allgemeinen ent­wickelte diese Klasse zuerst im 14. und 15. Jahrhundert eine unabhängige Tätigkeit, welche aber erst im 16. eine bestimmte Form annahm, zunächst in religiösen Kämpfen zutage trat und int 17. Jahrhundert erst praktische Energie zeigte, sich gegen die Mißbräuche der Regierungen wandte und eine Reihe von Auf­ständen verursachte, denen kaum ein Teil von Europa entging und welche im 18. und 19. Jahrhundert sich auf jeden Zweig des öffentlichen und Privatlebens erstreckte, Erziehung verbreitete, die Gesetzgeber unterrichtete, die Könige beschränkte und vor allem der Oberherrschaft der öffentlichen Meinung eine sichere Grund­lage bereiteten, einer Macht, welche jetzt nicht nur konstitutionelle, sondern selbst die despotischten Herrscher beachten müssen.

Eine zweite intellektuelle Bewegung, durch welche die Liebe zum Kriege geschwächt wird, ist neueren Ursprungs und hat ihre natürliche Wirkung noch nicht vollständig ausgeübt. Es sind dies die Entdeckungen, welche durch die politische Dekonomie gemacht worden sind, einen Wissenszweig, von welchem die Alten keine Ahnung hatten, dessen praktischer Wert aber nicht leicht über­schätzt werden kann und der, vielleicht nur den fortgeschrittensten Denkern vollständig bekannt, allmälich auch von Männern gewön­licher Bildung anerkannt wird.

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Handelseifersucht war früher eine der Hauptursachen der Kriege und gründete sich auf die sehr irrige, aber sehr natürliche Mei­nung, daß die Handelsvorteile von der Handelsbilanz abhängen und daß, was ein Land gewönne, ein andres verlieren müsse. Reichtum, glaubte man, bestände blos im Gelde, und es sei des­wegen das wesentliche Interesse eines jeden Volfes, wenig Waren und viel Geld einzuführen. Wo dies nicht der Fall war, hieß es, verliere man seine Hülfsquellen, ein andres Land übervorteile uns und bereichere sich auf unsere Kosten. Dagegen hielt man Handelsverträge für das einzig wirksame Mittel, wodurch das Volt, welches uns den Schaden zufügte, genötigt werden würde, mehr von unsern Waaren zu nehmen und uns mehr von seinem Golde zu geben. Wenn es sich aber weigern würde, den Vertrag zu unterzeichnen, so müßte es durch einen Krieg dazu gezwungen werden.

Dieses Verkennen der wahren Natur des Verkehrs zeigte sich früher allgemein; selbst die besten Politiker waren darin befangen, und so wurde es nicht nur unmittelbar eine Veranlassung zum Kriege, sondern erhöte auch noch den Nationalhaß, der zum Kriege reizt, da jedes Volk meinte, es hätte ein direktes Interesse daran, den Reichtum seiner Nachbarn zu vermindern. Die Folge war, daß der Handel durch wiederholte unbequeme Anordnungen gestört wurde, indem die europäischen Staatsmänner es für die Pflicht jeder Regierung hielten, den Handel ihres eignen Volkes durch den Schaden, den sie dem Handel anderer zufügten, zu begünstigen.

So wurde der Gedanke an eine wirkliche Gegenseitigkeit un­möglich, mit jedem Handelsvertrage suchte eine Nation eine andre zu übervorteilen; jeder neue Tarif war eine Kriegserklärung, und ein Geschäft, welches das friedlichste von allen sein sollte, wurde eine Ursache nationaler Eifersucht und nationalen Hasses, durch welche der Krieg am meisten befördert wird. Aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde von Adam Smith die politische Oekonomie durch Erforschung der Gesetze, welche das Entstehen und die Verteilung des Reichtums bestimmen, zu einer Wissen­schaft erhoben. Man gelangte zu der Einsicht, daß Gold und Silber nicht Reichtum, sondern nur Vertreter von Reichtum sind, daß Reichtum nur in dem Werte besteht, den Geschicklichkeit und Arbeit mit dem rohen Stoff zu verbinden wissen, und daß das Gold einem Volfe zu nichts andrem nüßt, als zur Erleichterung der Zirkulation seiner Reichtümer. Man begriff, daß, wenn man den Handel frei läßt, seine Vorteile jedem Lande zugute kommen, welches sich dabei beteiligt; daß, wenn es kein Monopol gibt, die Handelsvorteile notwendig gegenseitig sind; daß sie, weit ent­fernt, von der Masse des empfangenen Geldes abzuhängen, ein­fach von der Leichtigkeit abhängen, womit sich ein Volk der Waaren entledigt, die es am wolfeilsten hervorbringt, und womit es dafür diejenigen wiedererhält, die es nur mit großem Soften­aufwand erzeugen fönnte, welche aber hingegen das andre Volk, infolge der Geschicklichkeit seiner Arbeiter und der günstigen Naturverhältnisse seines Landes, billiger liefern kann. Hieraus folgte, daß es in demselben Maße absurd wäre, die Verarmung eines Volkes, mit dem wir handeln, herbeizuführen, wie es von Seiten eines Kaufmanns töricht sein würde, den Bankrott eines guten Kunden zu wünschen.

Der früher oft kriegerische Handelsgeist ist jetzt unwandelbar friedlich. Obgleich von hundert Kaufleuten kaum einer mit den Gründen vertraut ist, worauf sich diese ökonomischen Entdeckungen stützen, so hindert doch das die gute Wirkung nicht, welche diese Entdeckungen auf ihre Gesinnungen hervorbringen. Während daher allerdings nur wenige Kaufleute mit der politischen Oeko­nomie bekannt sind, so verdanken sie dennoch einen großen Teil ihres Reichtums den Nationalökonomen, welche die Hindernisse hinweggeräumt haben, die die Unwissenheit der Staatsregierungen dem Handel in den Weg legte. ( Fortsetzung folgt.)

Heinrich Heine .

Ein Lebens- und Charakterbild. Von Dr. Max Vogler.

Heine's stilles, zurückgezogenes Leben in Göttingen wurde bald durch eine leidige Duellgeschichte, die hier keine weitere Beachtung verdient, unterbrochen; der junge Dichter erhielt als derjenige, welcher die Herausforderung zum Zweikampf mit Pistolen voll­zogen hatte, das Consilium abeundi( den Rat, abzugehen) auf

( 1. Fortsegung.)

ein halbes Jahr, und er verließ daher, wol ohne besonderes Mißvergnügen über diesen zwangsweisen Abschied, die Univer­ ſitätsstadt , um sich- Ende Januar 1821- nach Berlin zu begeben und auf der dortigen Hochschule seine Studien fort­zusehen.