Die vene Bell

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Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

No 37.

Erscheint wöchentlich.

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Preis vierteljärlich 1 Mark 20 Pfennig. In Heften à 30 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Bostämter.

Herschen oder dienen?

Roman von 2. Kautsky .

Als nun die Signora de Vita, mit ihrer langen Schleppe über den feuchten, schmuzigen Fußboden hinfegend, in gravitätischer Langsamkeit sich näherte, waren alle von der nahen Erfüllung ihres dringendsten Bedürfnisses und von den lezten, alle Vorsicht heischenden Arbeiten viel zu sehr in Anspruch genommen, um nicht von jedem Ceremoniell eines Empfanges abzusehen. Der Vater nickte ihr nur mit einem breiten Lächeln in einiger Un­beholfenheit zu, wobei er das Messer in schnelleren Zwischen­räumen, als wolle er etwas zerhacken, auf den Tisch fallen ließ, sonst rürte er sich nicht. Die Mutter durfte ihre Polenta nicht verlassen, wenn sie nicht die Güte des Gerichts in Frage stellen wollte, und sie rürte nur noch eifriger, mit einem waren Furor, sodaß Perlen reichlichen Schweißes unter dasselbe sich mischten. Der große Junge schaufelte seine Sardellen in fünerem Schwung, wärend die kleinen Rangen, denen man gelehrt hatte, die Padrona mit einem Krazfuß zu begrüßen, diesen rasch abtaten, indem sie nach rückwärts zu ausschlugen, one sich nach der Signora um zusehen, one die verlangenden Augen auch nur einmal von dem Kessel zu wenden.

Elena und Alfred waren ebenfalls hereingekommen, aber nahe dem Eingang stehen geblieben, und Alfreds Blick wante sich jezt ein wenig neugierig einer hölzernen, mit einem Geländer ver­sehenen Treppe zu, die linksseitig aus der Halle selbst in sehr malerischer Wirkung nach aufwärts und nach einer Tür fürte, die mit einem blauen Vorhang geschlossen war.

Als Elena bemerkte, daß sich die Aufmerksamkeit des jungen Malers nach dahin wante, sagte sie erklärend:"

Da oben sind zwei noch wolerhaltene Zimmer, der Aufgang ist jezt von hier aus, da die Treppe im Korridor verfallen ist; es ist auch besser so und bequemer," fügte sie phlegmatisch hinzu.

Alfred lächelte, er kante diese italienische Indolenz hinläng­lich, die alles durch Nachlässigkeit entstandene in dieser Weise entschuldigt.

Der zweitgrößere Junge hatte indes soviel Zeit gefunden, der Padrona einen Strohsessel zu bringen, und sie jezte sich zwischen den Tisch und die arbeitende Hausfrau. Sie fragte mit wichtig ernster Miene nach dem Befinden der Cavalieri.

Bene, benissime!" keuchte die Castalda, die dicke, zähe Masse, die nicht mehr am Kessel klebte, mit einer Art Ruder bearbeitend. Die Padrona eröffnete ihr hierauf, daß sie gekommen sei, die Räupchen zu besuchen, daß aber die Tür des Granajo verschlossen sei, sie begehre daher den Schlüssel.

1881.

( 10. Fortsezung.)

,, Un momento, un momentissimo!" stönte die Madre. Alles stand erwartungsvoll.

Jezt ward der Kessel langsam in die Höhe genommen. Die Buben erhoben ein durchdringendes Jubelgeschrei, sie patschten in die Hände und strampelten mit den Füßen.

Il signor padre erhob sich hinter dem Tisch in seiner ganzen Länge und zückte das Messer. Die Madre flog mit dem heißen Kessel herbei und mit einem raschen und kühnen Wurf schleuderte sie den Inhalt desselben vor dem Gatten auf den Tisch.

In demselben Augenblicke ward auch der zweite über dem Feuer hängende Kessel über eine große Tonschüssel gestürzt, und die Sardellen, noch brizzelnd und prasselnd, häuften sich schön gebräunt darin auf. Die zwei Gerichte, die tägliche und einzige Narung dieses Fischervoltes, waren gleichzeitig gar geworden und der große Junge erfaßte die Schüssel, und mit einem gewal­tigen Saz hatte er sie auf den Tisch und vor dem Vater nieder­gestellt. Er wollte bei der Polenta nicht zu spät kommen, und er hatte recht, sich zu beeilen. Der Vater hatte sich bereits ein großes Stück heruntergeschnitten und er reichte nun seiner Frau, die sich mit der Schürze die Stirn getrocknet, das Messer. Sie nam ihren Teil, und nun warteten die hungrigen Burschen nicht länger, ein jeder griff zu und riß mit der Hand ein Stück der heißen, trocknen Speise an sich, von welcher die Kaze, die herbei­gesprungen war, ebenfalls ein gut Teil erbeutete. Dann wurde nach den Sardellen gegriffen, und nachdem sie von jedem eine hübsche Portion in den Händen hatten, sezten sich die Kinder auf den mit heißer Asche bedeckten Herd und begannen ihr Mal zu verzehren.

geboten.

Die Castalda hatte der Signora ebenfalls die Polenta an­,, Sie siet gut aus," bemerkte Signora Vita.

Sie ist tapfer verrürt," versicherte ihre ehemalige Dienerin, ,, Sie wissen, ich fann's."

Dame Vita hatte mit der Hand ein Stück genommen und. Nun wurden auch Elena und Alfred eingeladen, welche aber ab­lehnten. Sie hätten unrecht, versicherte die Mama, die Polenta sei wirklich ausgezeichnet, und sie brach noch ein weiteres Stüd von dem jezt nicht mehr allzugroßen Leibe herunter.

Der kleinste Junge, der herbeigeschlichen war und diesen Ein­griff der Signora bemerkte, sah rasch und mit ängstlichen Augen nach ihren Fingern, ob sie nicht allzuviel gefaßt, nicht allzuviel davon sich angeeignet, und ein glückliches, schlaues Lächeln breitete

VI. Leipzig, 11. Juni 1881,