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Was sie verhandelt blieb ein Geheimnis, aber jedenfalls waren es feine unangenemen Dinge, denn auch Julius schien sehr zufrieden zu ein, als sein Besucher schied. Freilich ist die Frage: Ob mit sich, oder mit seinem Besucher aber so viel steht fest, daß Julius und seine fleine ,, Frau" obzwar diese mit verweinten Augen zum ersten­male damals in einer der besten berliner Restaurationen speisten; daß sie ihre Dachkammer kündeten und sich in einem Hotel einmieteten und daß Julius nach einigen Tagen aus Berlin verschwand.

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Fast gleichzeitig mit seinem Verschwinden aber tauchte im Kloster und in den Kreisen, mit denen Julius wärend seiner Priesterschaft in Verbindung getreten, die Nachricht auf ,,, der durchgegangene Pater Julius hat sich deh, weh- und reumütig seinen geistlichen Gerichten gestellt und tut Buße."

Und es mußte eine schwere Buße gewesen sein, die ihm ,, von seinen geistlichen Gerichten" auferlegt worden war, denn als er nach fünf Monaten seine Bußzelle verließ, um als Pfarrer auf einer der reichsten Pfarreien installirt zu werden, hatte er seine Farbe, hatte er die Ge­lentigkeit seiner Glieder verloren er war nicht mehr bleich, hunger­bleich, und hatte Fett angesezt.

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Karoline aber blieb verschollen.

Ist sie verdorben? Ist sie gestorben? Niemand weiß es; niemand spricht davon.

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Ihr Vater ist aber ein oftgesehener Gast in Julius' Pfarrhause und Frau Karoline, die Haushälterin des Herrn Pfarrers" nent ihn Vater, warscheinlich um dem alten Manne leichter über den Verlust seiner Tochter hinwegzuhelfen, denn Lehrers ,, Linchen" kann sie ja doch, nicht sein, da Linchen liebenswürdig war und Frau Karoline, heut cine stattliche Dreißigerin, ein Hauptdrache ist, vor dem der Herr Pfarrer, den sie respektwidrig genug, wie er selber gestanden, unter vier Augen nur Julius" ruft, regelmäßig ein Kreuz schlägt, namentlich wenn er ,, seiner Kirchenbuße gedenkt.

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Der ulmer Münster.( Illustration Seite 184 u. 185.) Schon als die Kreuzblumen auf dem fölner Dom ihren hohen Plaz einge­nommen und damit die Vollendung dieses stattlichen Riesenbaues ver­fündeten, wurde für die endliche Fertigstellung eines anderen gotischen Bauwerkes in der Presse Propaganda gemacht: für den Münster zu Ulm. Anfangs waren zwar die Meinungen geteilt, indem die einen zuerst dem straßburger Münster seinen zweiten Turm auffezen wollten, aber schließlich hat doch die erstere Richtung den Sieg davon getragen und das kühn begonnene Werk Schwabens soll durch Unterstützung Gesamtdeutschlands endlich seiner Vollendung entgegengefürt werden. Es wird aber auch Zeit! Denn just am 30. Juni 1377 war es, als Ludwig Kraft, Bürgermeister der freien Reichsstadt Ulm , unter reger Beteiligung von Jung und Alt aus der Bürgerschaft den Grundstein zu diesem Gebäude legte. Wer die damals den Bau leitenden Meister waren, oder wie der Mann hieß, der den ersten Plan dazu angefertigt die Anregung mag wol aus der Bürgerschaft selbst hervorgegangen sein ist nicht bekant, und es ist nur die Rede von den Baumeistern Michael und Heinrich, es wird aber nicht gesagt, von wo sie gekommen und welcher Schule sie entwachsen und angehörten. Von 1390-1480 waren mehrere Generationen aus dem Geschlecht der Ensinger als bau­leitende Meister tätig und von 1474 ab wurde der Bau unter Leitung des Matthäus Böblinger aus Eßlingen weitergefürt. Der Meister sollte den Turm vollenden, ergriff aber vor dem erschreckten und aufgeregten Volke die Flucht, als derselbe zu sinken drote. 1471 wurde das Ge­wölbe des Mittelschiffes und 1478 das der beiden Seitenschiffe geschlossen; die Ausstattung des Turmes erfolgte warscheinlich erst im 15. Jar­hundert. Um 1405 war bereits die Kirche feierlich eingeweiht worden. Schon bei der Grundsteinlegung hatte sich die Opferfreudigkeit der Bürger Ulms der Bürgermeister vornan für das begonnene Werk gezeigt; wer Geld und Geldeswert darbringen fonte, brachte es, und so wurde es möglich, daß man 900 000 Gulden bar zum Bau ver­wenden konte. Aber die biedern Ulmer hatten auch nichts geringeres vor, als eine Kirche zu bauen, in der sich der straßburger Münster verstecken fönte. So soll Matthäus Böblinger die Absicht gehabt haben, den Turm 139 Meter hoch aufzufüren bis zu 77 Meter brachte man es aber bis heute erst fertig und mißt doch die Fläche, welche der gewaltige Bau bedeckt, 1473 Quadratmeter. Ursprünglich waren für das Innere nur ein Mittel- und zwei Seitenschiffe projektirt, die an Breite fast gleich waren, wärend das Hauptschiff in doppelter Höhe über das Seitengewölbe emporragte. Aber im anfang des 16. Jar­hunderts mußte man aus Sicherheitsrücksichten für den Bau, welcher one Strebepfeiler errichtet war, die Seitenschiffe durch eine Säulenreihe teilen und stellte somit ein fünfschiffiges Jnneres her, das sich, da nun

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die Seitengewölbe quadratisch sind, viel schöner ausnimt. In neuester Zeit erst wurden auch die auf unserem Bilde sichtbaren reichen Strebe pfeiler ausgefürt. Die parallel laufenden fünf Schiffe sind nicht, wie sonst meist bei gotischen Domen, durch ein Querschiff unter­brochen wodurch der Grundriß die Form des Kreuzes erhält an ihrem obern Ende schließt sich unmittelbar in der Breite des Mittelschiffes der Chorraum an, der am Ende durch die fünf Seiten eines Zehnecks seinen Abschluß findet. Die lichte Höhe des Haupt­schiffes ist ähnlich wie beim fölner Dom 133 Fuß, die lichte Breite 54 Fuß; die Seitenschiffe, welche sich als Stüze an diese riesige Wöl­bung anlehnen, sind im lichten 66 Fuß hoch. Die ganze äußere Länge des Bauwerks beträgt übrigens 490, im lichten 392, die Breite 170 rheinische Fuß. Das Innere ist bis zur Dürftigkeit schmucklos. Aber gerade diese Einfachheit wirkt ganz bedeutend, indem dadurch die Höhen­dimensionen bedeutend vergrößert werden. Früher waren auch die Wände reich bemalt, Heiligenbilder lehnten an den Pfeilern, allerhand reiches Schnizwerk schmückte den Raum so sollen sich allein 51 Altäre teilweise sogar bis an die Wölbung erhoben haben die hohen Fenster waren mit prächtigen Glasmalereien versehen. Aber mit der Reformation erkaltete in der Bürgerschaft nicht nur die Liebe für die Fortsezung des Gebäudes die Schnizereien gingen samt den bunten Glasscheiben der Fenster in Trümmer, die Malereien auf den Wänden wurden übertüncht und machten jener nun die Herschaft antretenden Poesie- und Farblosigkeit Plaz, bis sich in den lezten vierziger Jaren der Sinn für dies alte Baudenkmal wieder zu regen begann und nun auch mit Erfolg wieder daran gegangen wurde, das von den Vätern begonnene zu vollenden. Unsere Illustration zeigt das Werk mit den beiden Türmen am Chorende nach ihrer Ausfürung.

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Der mächtige viereckige Unterbau überragt die Kirche bedeutend und hat one Achteck und Helm mit seiner provisorisch aufgesezten Spize schon die respektable Höhe von 307 Fuß. Er besteht aus drei Stoc werken, von denen das untere die uns mit drei gotischen Spizbogen gegenüberstehende Vorhalle, welche zum Hauptportal fürt, bildet. Das zweite sezt das Motiv der Säulen und Bögen des ersten Stocks fort, nur in feinerer und zarterer Gliederung. Das obere zeigt endlich eine reichere Bergitterung und feineres Stabwerk. Man denke sich nun auf diesem kolossalen Bau das Achteck, mit den ihn umgebenden Fialen und sonstigen reichen Formen, darauf der zart durchbro hene und feinge­gliederte Helm hoch in seiner Kreuzblume abgeschlossen in den Lüsten emporragend, und man kann sich ein Bild von der gewaltigen Wirkung machen, den dieses Werk auf den Beschauer üben muß.- nrt.

Indische Räuber.( Illustration Seite 188.) Räuber und Spiz buben gibt es leider noch überall, also auch in Indien und zwar sind sie dort ebenso schlau, wenn nicht noch ausgefeimter als im zivilisirten Europa , wo oft die Handlanger der Gerechtigkeit mit den Spizbuben ersten Ranges Brüderschaft machen und mit stelen helfen müssen, um diese der Madame Justizia in die Hände zu liefern. Unser Bild zeigt uns nun in einer Szene, mit welchem Raffinement die indischen Fach­genossen unserer Roßa Szandors und Schinderhannes zu Werke gehen, um ihren Feinden ein X für ein U zu machen. Auf einem ihrer Schleich wege von den Sicherheitsmannschaften aufgespürt in der weiten wenig bewachsenen Fläche, die feinen Schlupfwinkel bietet, ergreifen sie ein Mittel, das ebenso einfach ist, wie es ihre Verschlagenheit karakterisirt. Sie werfen sich nämlich in dem fahlen Gestrüpp teils auf den Boden, strecken die Glieder steif von sich, oder stellen sich derart und erfassen die trockenen Zweige, daß man in der wenig vom trüben Mondschein erleuchteten Nacht sie aus der Ferne von den Baumstämmen nicht zu unterscheiden vermag und wol auch oft in dem Wahne, sie seien nichts anderes als Baumstrünke, vorüber geht oder reitet. Ob ihnen auch diesmal ihr schlaues Spiel gelingen wird, können wir freilich noch nicht jagen.

Redaktionskorrespondenz.

nrt.

Kaffel. L. W. Ihre Verse sind zur Veröffentlichung keineswegs geeignet, sie sind schwach und inforrekt in Gedanken und Ausbrud. Ihren guten Willen erkennen wir gerne au, aber wir raten ihnen, wie schon vielen andern zuvor, Sie möchten sich zunächst bemühen, in prosaischer Darstellung die deutsche Sprache beherschen zu lernen. Bon poetischen Werten empfehlen wir Ihnen die Sammlung ,, Edelsteine deutscher Dichtung", welche durch die Expedition der Neuen Welt" zu beziehen ist.

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Frankfurt a. b. D. P. Ihr Wunsch, wir möchten uns ,, heimlich" erkundigen, ob und wo und unter welchen Umständen die zwanzigiärige 2. aus Ludau gegenwärtig Württemberg lebt ,, wo weiß ich eben nicht uns höchst schmeichelhaft, da die Aufgabe, die Sie uns damit stellen, zu den äußerst ist ja recht bescheiden und für schwer lösbaren gehören dürfte, wir haben aber vorläufig doch noch einiges bringendere, das zugleich bessere Resultate verspricht, zu tun. Nehmen Sie's nicht übel.

Inhalt. Jm Kampf wider alle. Roman von Ferd. Stiller.( Forts.) ( Forts.)- Die deutschen Frauen im Zeitalter der Minnepoesie. Von Manfred Wittich. Jm Dorf der Schmied. Eine Geschichte aus dem Elsaß von Dr. Max Vogler.( Schluß)- Die Religion der Bergangenheit und der Zukunft. Von Dr. A. Jsrael.( Forts.) Kirchenbuße. Der ulmer Münster.( Mit Jllustration.)- Judische Räuber.( Mit Illustration.)- Redaktionskorrespondenz.

Verantwortlicher Redakteur Bruno Geiser in Stuttgart. ( Neue Weinsteige 23.) Expedition: Ludwigstraße 26 in Stuttgart . Druck und Verlag von J. H. W. Dieß in Stuttgart .

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