Nun denn, mein Herr Rechtsanwalt, da ich gern glaube, daß Sie meine Verhältnisse übersehen, nehme ich keinen An­stand, Ihnen gegenüber ganz offen zu sprechen. Also: ich sehe allem, was da kommen kann, auch dem Schlimmsten, mit kalter Ruhe entgegen, denn ich selbst bin zu dem Aeußersten ent­schlossen."

Troz aller seiner Klugheit vermochte der Jurist nicht zu enträtseln, worin dieses Aeußerste bestehen möchte, aber er ge­stand sich, daß es aus mehr als einem Grunde für ihn in­teressant sein müßte, darüber aufgeklärt zu werden. Daher sagte er: ,, Da ich bereit bin, Ihnen meine juristische Hülfe zur Ver­fügung zu stellen, Herr Stein, so darf ich wohl fragen, wozu Sie entschlossen sind."

Franz Stein schwieg einen Augenblick noch, dann sagte er langsam und so, als ob er jedes Wort reiflich überlegte:

" Zunächst einen beträchtlichen Teil meines Vermögens zu opfern und alle Energie daran zu sezen, meinen Verbindlichkeiten nachzukommen. Meine Lieferanten lassen mich im Stich, meine Arbeiter streiken, ich werde mir Rohmaterialien und Ar­beiter verschaffen, gleichviel zu welchem Preise."

Der Rechtsanwalt wiegte sein Haupt bedächtig hin und her: Mit den Rohmaterialien möchte das vielleicht unter großen Opfern noch zu machen sein, mit den Arbeitern schwerlich."

"

Es sind in einem entlegenen Teile unserer Provinz in allerjüngster Zeit viele Arbeiter meines Fabrikbetriebs durch die Auflösung eines großen Etablissements brotlos geworden. Warum sollten diese nicht zu gewinnen sein?"

Der Rechtsanwalt lächelte.

" Sie meinen die Fabrik in P..?"

Stein nickte; er sah seine Voraussezungen erfüllt: der Rechts­anwalt war ausnehmend gut unterrichtet.

" Da kann ich Ihnen voraussagen, daß alle Ihre Be= mühungen umsonst sein werden. Die Leute in jener Gegend sind stockkatolisch

"

" Auch die Stockfatolischen

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wie Sie, Herr Rechtsanwalt, die Leute zu nennen belieben werden nicht Lust haben zu verhungern

"

-

"

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Gewiß nicht, aber sie werden auch vorläufig vor dem Hunger geschüzt sein, zunächst bis zum Wahltage, vielleicht bis zum Tage einer Stichwahl. Man braucht Austräger für Wahl aufrufe und Stimmzettel u. s. w. in heller Menge ich ver­mute, man wird sich grade in jener Gegend die brotlos_ge= wordenen Arbeiter dazu gewählt haben oder am heutigen Tage noch wählen, vielleicht auch deshalb

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Er unterbrach sich, als wäre es besser, wenn er nicht mehr sagte. ,, Vielleicht auch deshalb- darf ich bitten fortzufahren?" Nun denn es ist eben eine Vermutung von mir, die ich Ihnen, Herr Fabrikant, unter der Voraussezung völliger Diskretion mitteile: vielleicht auch deshalb, weil man Ihnen, dessen fatale Geschäftslage man kennt und zu benuzen entschlossen ist, jede Möglichkeit, sich über dieselbe zu erheben, entziehen

will."

"

Ah

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man gehen. Nun, ich werde soweit sollte bald darüber durch Tatsachen aufgeklärt sein." " Sie sagten vorhin, zunächst würden Sie das Ebener­wähnte versuchen. Wenn ich, den Sie als bisherigen juristischen Bertreter der höheren katolischen Geistlichkeit unserer Provinz fennen," er betonte das bisherig" in auffälligſter Weise,

wenn ich Sie bitte, mir anzuvertrauen, wozu Sie entschlossen sind für den mir zweifellosen Fall, daß Ihre nächsten Be­mühungen vollständig resultatlos scheinen, so sehe ich nicht ein, Ihnen mein Ehrenwort zu geben, daß ich Ihnen nicht nur nicht unter Umstän­zu schaden gedenke, sondern daß Sie in mir unter Umstän

Bartolomé Esteban Murillo ( spr. Murilljo).( Illustration siehe Seite 421.) Ungefähr gegen 5 Uhr am Abend des 3. April 1682 wurde ich gerufen, um das Testament von Bartolomé Murillo , Maler= meister und Bürger dieser Stadt Sevilla , aufzusezen, und als ich beim Niederschreiben desselben bis zu der auf die Erben bezüglichen Be­stimmungen gekommen war, und ihn nach den Vornamen seiner beiden Söhne gefragt, und er mir dieselben genannt hatte, gewahrte ich, daß

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den einen sehr nüzlichen Bundesgenossen finden können, Herr Fabrikant Franz Stein."

Wenn die Ursache des leisen, sofort wieder verschwindenden Lächelns, das in Steins Gesicht aufzuckte, von dem Juristen richtig erkannt worden wäre, so hätte er keine Ursache gehabt, sich geschmeichelt zu fühlen.

Ich habe selbst gegenüber dem Vertreter meines getreuen Nachbaren, des Herrn Bischofs, keine Ursache, meine ultima ratio, das lezte Auskunftsmittel, zu verheimlichen, zumal dieses mir nicht geraubt werden kann. Sie werden wissen, daß ich in der Nachbarprovinz mehrere große Konkurrenten habe, Konkurrenten, denen mein Etablissement schon sehr unbequem geworden ist. Wenn ich eines Tages hintrete vor einen dieser Industriellen, die meines Wissens dem Klerus grade so feindlich gegenüber­stehen, als unsrer Geburtsaristokratie und beiden feindlicher als ich, der in jeder Beziehung Unparteiische, wenn ich diesen mit großen Kapitalien ausgerüsteten Geschäftsleuten par excellence sage: mein Etablissement ist heute noch durchaus solvent, es re­präsentirt ein Kapital von wenigstens 300 000 Mart, mir per­sönlich aber ist durch unwürdige Feindseligkeiten und schamlose Intriguen der Fortbetrieb unmöglich gemacht oder wenigstens auf das widerwärtigste erschwert. Ich bin deshalb bereit, euch mein Eigentum für ein Linsengericht und, wenn es nicht anders ist, umsonst in den Schoß zu werfen, nur damit es meinen Feinden nicht in die habgierig ausgestreckten Hände fällt, damit sie, die mir den industriellen Wettbewerb gründlich und auf die Dauer verleidet, sich selber eher damit geschädigt, als genüzt haben- glauben Sie, mein Herr Rechtsanwalt, daß irgend einer jener Fabrikanten mir einen Korb geben möchte?"

Der Rechtsanwalt sah Franz Stein starr und höchlichst ver­wundert ins Gesicht.

" Ist das Ihr völliger Ernst, Herr Franz Stein?"

Mein völliger Ernst

"

Der sonst mit unzerstörlicher Kaltblütigkeit und Selbstbe­herrschung ausgerüstete Jurist sprang jezt von seinem Size auf und rief lebhaft:

-

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dann

Dann brauchen Sie nicht bis in die benach­barte Provinz zu gehen und dann brauchen Sie auch nicht ihr ganzes Kapital zu ristiren. Das ist eine Gelegenheit, wie ich sie längst gebraucht hätte, mich von den schäbigen Glazköpfen ihnen durch eigensüchtige Rechnungen einmal loszusagen, einen dicken Strich zu machen. Ich, Herr, habe weitreichende und einflußreiche Verbindungen auch außerhalb der Pfaffen- und Junkerkreise, die liberale Partei hat sich seit langem um mich ich werde Ihr Kompagnon, Herr Stein, ich rette beworben,- Sie aus allen Schwierigkeiten und gehe, um statt den alten neue Bundesgenossen zu gewinnen, mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen ins liberale Lager über

-

"

Wieder huschte das bedeutungsvolle Lächeln über Stein's Züge. Er erhob sich gleichfalls.

Ich danke Ihnen, Herr Rechtsanwalt, aber mein Entschluß ist gefaßt. Ich scheide aus der Fabrikantenlaufbahn, wenn ich mich nicht selbständig darauf erhalten kann. Wollen Sie meine Fabrik übernehmen, so steht sie Ihnen morgen oder übermorgen für den Spottpreis von 50 000 Mark zur Verfügung. Ich verlange dann weiter nichts, als die Garantie, daß mein Eta­bliſſement nicht doch offen oder heimlich die Beute der Herren

vom Dom oder des Fürsten Waldkirch und seiner Leute werde­

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" Hier meine Hand. Die Garantie sollen Sie haben. Sie werden über die Tonart, aus der ich mit den frommen und hohen Herren spreche, Ihre Freude haben. Ich werde für Sie in den nächsten Tagen jederzeit zu sprechen sein und erwarte

Ihre Dispositionen."

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( Forts. folgt.)

er starb. Als ich darauf, der gefezlichen Vorschrift gemäß, die weitere Frage an ihn richtete, ob er vielleicht noch ein anderes Testament ge­macht, antwortete er mir nicht und war verschieden." So berichtet ein Augenzeuge, der zur Abfassung des Testaments berbeigerufene Notar Guerrero, über den Tod des größten spanischen Malers, in dem heute noch seine Landsleute mit Recht ihren Raphael verehren, und dessen vor kurzem zum zweihundertstenmale wiedergekehrter Todestag nicht nur