Die Long Bell
Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Bolk.
1882.
No 40.
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In Heften à 35 Pfennig.
Erscheint wöchentlich.- Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.
Verschlungene Lebenswege.
Roman von Franz Carion.
Der Zorn durchzitterte Lucie bei diesem Anblicke so heftig, daß ihre auf dem Polster liegende Hand, deren Finger das kleine Sehrohr umspannt hielten, hin und her vibrirte. Für wenige Augenblicke war sie im Schreck der Ueberraschung an die Lehne ihres Stuhles zurückgesunken, aber sie raffte sich schnell auf, riß das Perspektiv wieder vor's Auge und sah... Richard und Bally herzlich lachend bei dem alten Lord und seiner Gemahlin ſtehen. Beide mit den Gesichtern nach ihr gewendet, hätten fast den Gedanken in Lucien aufkommen lassen, sie selbst, von ihnen erblickt, sei der Gegenstand ihres Gelächters.
Der Strom rollte seine Wellen rasch abwärts und mit ihnen gleichmäßig rasch verschwand die zierliche Yacht mit dem rotund weiß gegatterten Wimpel aus dem Schkreis des guten Glases. Lucie bemerkte diese fluchtähnliche Schnelligkeit erst nach einer Weile, als das zierliche Fahrzeug sich schon so weit entfernt hatte, daß sie sich mit dem halben Oberkörper hätte zum Fenster hinaus legen müſſen, um es noch zu sehen. Sie fühlte sich zu sehr auf geregt, um ihre Arbeit fortsezen zu können.
Aus ihrem Gedächtnis hoben sich, wie aus der Tiefe eines Sees die Dämpfe unterirdischer heißer Quellen hoch aufsteigen, die Erinnerungen an jene Tage, wo sie Sir Richard Clinton am Hünengrab in der Heide zum erstenmale gesehen und dann in ihres Mannes Garten zu Hildesheim ihn wieder sah, von welchem Tage an der Fluch der Untreue an ihre Fersen sich hing. Bei diesem Rückblicke empfand sie die schwersten Gewissensvisse wegen des Verbrechens an ihrem Gatten, an ihrem Kinde, sie fühlte aufs neue die Schmach der Entehrung, welche Sir Richard über sie gehäuft, als er sie gleich einer ausgenügten Waare von sich stieß. In ihr gährte Zorn, Haß und Rache, sie hatte keinen andern Wunsch, als ihn... elend zu sehen. Blizartig kreisten wilde, böse Gedanken durch ihr Him und doch drängte sich der Zwang ihr auf, diese niederzudrücken. Was hätte sie gegen die Beschimpfung vermocht, welche die Familie Clinton gegen sie in Tätigkeit gesezt haben würde, wenn sie ihrem Abscheu vor derselben offnen Ausdruck verliehen hätte? Ihrer selbst willen mußte
sie schweigen.
( 13. Fortsezung.)
Der Prozeß der Königin neigte sich seinem Ende zu. war im Anfange des Oktober, als der Königin berühmter Rechtsanwalt Mr. Brougham jene bewundrungswürdige Rede hielt, welche die Minister vollständig schlug. Das Volk jubelte auf den Straßen; Ausschreier boten Flugblätter aus mit den Worten: Broughams Tropfen gegen Mylords Castlerragh's( Minister) Bauchgrimmen."
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Die Ungewißheit, welche wie ein Damoklesschwert bisher über dem Ausgang dieses Skandalprozesses schwebte, verflüchtigte sich nach Broughams gewaltiger Rede wie eine Rauchwolke, die der Wind in Atome auseinander stäubt, jezt erschien es jedermann als unmöglich, daß die Strafbill gegen die Königin zur Weiterführung gedeihen dürfe und könne und dies war kein Fehlschluß, der 10. November brachte dies vom Volke aufgestellte Calcül zur Wahrheit. In der Sizung dieses Tages erscholl das gebietende Wort des Lordpräsidenten, daß alle Fremde das Haus zu verlassen hätten... man kannte die Bedeutung dieses Präsidentengebotes, die Fremden verließen das Haus. Zwanzig Minuten nach ein Uhr wurde das Ergebnis der gesammelten Stimmen der anwesenden Lords für oder gegen die dritte Vorlesung erwähnter Bill verkündet, die Majorität verwarf dieselbe. Lord Liverpol, der erste Minister, erhob sich und gab die merkwürdige Schlußerklärung zu dem skandalösen Prozeß mit den Worten:„ Die Regierung habe in Beziehung auf die öffentliche Meinung und auf die geringe Majorität, mit der die Bill durchgegangen sei, das weitere Verfahren aufzugeben beschlossen."
Als die Königin in ihrem Kabinette im Oberhause diese Nachricht empfing, stand sie wie eine Bildsäule unbeweglich, das geistige Fluidum schien von ihr gewichen, nur Brougham's, ihres Berteidigers Nat, sofort in den Wagen zu steigen, um sich dem Volke zu zeigen, gewann bei ihr den zur Erfüllung desselben nötigen Eindruck.
Als das Freudengeschrei:„ Die Königin! die Königin für immer!" sie empfing, blieb sie noch eben so starr und stumm, dann erst als der Volksjubel auf der Nachhausefahrt sie umwirbelte, brach sie in einen Tränenstrom aus. Sie hatte harte Stunden überwunden, wie selten eine Königin sie überwinden