Die& wene Well

Illustrirtes Unterhaltungsblatt für das Volk.

№o 49.

Erscheint wöchentlich.

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Preis vierteljährlich 1 Mark 50 Pfennig. In Heften à 35 Pfennig. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postämter.

Verschlungene Sebenswege.

Roman von Franz Carion.

Mit einem Schreckensschrei fiel ihm Gretchen in die Arme. Das war ein zu schwerer Schlag für die Aermste, ihr Denken unterlag einer Ohnmacht, aus der sie Doktor Wolfgang endlich wieder aufrichtete. Mein guter Vater zum Zuchthaus ver urteilt!" stöhnte sie. Warum läßt Gott so Schreckliches über uns kommen? Ach könnte ich sterben!... Ich ertrage diese Schmach nicht!"

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Das heißt so viel, als du fügst dem Urteile, das ihn getroffen, ein noch viel härteres hinzu... Du schämst dich ſeiner? Gretchen, von dir hätte ich solche Lieblosigkeit nicht erwartet. Dasselbe Kind, das der von seinen Freunden ver­ratene Mann mit vollem Vaterherzen liebte, dessen einzige Freude dies Kind war, erträgt die Schmach nicht, die des Baters Verurteilung zum Zuchthause über es bringt!"

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" Nein, nein, das habe ich nicht gemeint!" rief das junge Mädchen außer sich. Du weißt es ja, Wolfgang, wie sehr ich ihn liebe... Du weißt es. Ich möchte für ihn sterben, wenn ich ihn retten könnte." Schwere Tränen rollten über Gretchens Wangen.

du mit mir ab.

" Beruhige dich, Kind, beruhige dich. Der Schreck ver­wirrte dich, ich weiß das ja, denn ich kenne dich, und das ist genug. Gieb dich nicht widerstandslos dem Kummer hin, auch er ist zu beschwören, wenn wir die Mittel ergreifen, welche in unserer Hand stehen. Höre mir aufmerksam zu, und du wirst finden, daß es töricht wäre, zu verzagen, wo die Mög­lichkeit zu helfen vorhanden ist. Daß du mich heute hier siehst, hängt genau mit dieser Hilfe zusammen. Morgen früh reisest Ich bringe dich nach Celle in das Pensionat Der Madame Burleigh, du findest dort eine Anzahl junger Mädchen, mit denen du die Unterrichtsstunden, wie auch die ber Erheiterung teilen wirst, was beides für dich besonders notwendig ist. Madame Burleigh ist eine englische Dame, die ich in London kennen lernte, als ich Assistenzarzt im Guy­Hospitale war, und ich bin überzeugt, daß sie dir gefallen wird, Denn ihr Benehmen ist ein sehr freundliches. Sie ist eine Frau bon feiner Bildung. Warum ich gerade ein Pensionat in dieser Kleinen Mittelstadt für dich gewählt habe, wird dir einleuchten, wenn ich dir sage, daß Madame Burleigh die Schwester des

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1882.

( 22. Fortsezung.)

Zuchthaus direktors ist, was, gut benüzt, für deinen Vater von großem Vorteil sein kann. Ah, Kind, durch diese gütige Dame kann eine geheime Verbindung zwischen dir und deinem Vater möglich gemacht werden, ja sein Schicksal dürfte vielleicht, wenn alles sich günstig gestaltet, eine unerwartete Aenderung erfahren

man muß immer das Beste hoffen. Die Zukunft ist nicht berechenbar, niemand weiß, welche Zufälle sich in unser Leben mischen und diesem eine total andere Richtung geben können." Gretchen schwieg beharrlich, ihr Gesicht drückte eine be= deutende Spannung aus.

" Du hast keine Antwort für das, was ich dir jezt vor­stellte?" fragte Doktor Wolfgang etwas pifirt.

" Nein," sagte sie nach kurzer Pause." Versteht es sich nicht von selbst, daß, was an mir liegt, alles geschehen wird, um meinem armen Vater zu helfen? Daran hättest du nicht zweifeln sollen, das tut mir weh."

Das wäre also abgemacht, wir haben morgen noch viel Zeit, die Einzelheiten zu besprechen," äußerte jener. Und hier etwas dich Erheiterndes. Lies... ich gehe zum Ueber­Meier."

Erheiterndes war es wirklich. Eugen, ihr Retter vom Feuer- oder Erstickungstode hatte ihr geschrieben, sie konnte kaum den aufgeschlagenen Brief in den Fingern halten, so bebten diese wie frampfhaft von der Freude. Seit zwei Jahren hatte er ihr kein Lebenszeichen von sich gegeben und nun auf einmal sah sie ein solches in ihren Händen.

Es war eine lange Epistel, die er ihr geschrieben, in der er all' sein Leid ihr schilderte.

Dies fing mit dem Ausbruch der Blatterkrankheit an, mit der er von ihr beim Heruntertragen auf der Leiter ange­steckt worden war, und wie der wilde Fieber- Paroxismus, der feine Krankheit so furchtbar gemacht hatte, daß man ihn für unrettbar verloren gehalten, endlich von ihm wich, aber er so tötlich geschwächt sich fühlte, daß er lange, lange Zeit bedurfte, ehe er wieder zu seinen Arbeiten im Laboratorium zurückkehren, jedoch nur wenig schaffen konnte, weil ihm die Kräfte mangelten. Da hatte ihm Doktor Wolfgang Seebäder verordnet, und diese halfen ihm wieder auf. Ein Blick in seinen kleinen Handspiegel